Bauschäden werden teurer: Aufwand steigt deutlich stärker als die Fallzahl
Die Zahl der gemeldeten Bauschäden ist innerhalb von fünf Jahren nur moderat gestiegen. Die dafür anfallenden Aufwendungen entwickeln sich jedoch deutlich dynamischer. Der neue VHV-Bauschadenbericht zeigt zugleich, warum neue Materialien und Bauweisen für die Branche ein zweischneidiges Thema sind: Sie sollen nachhaltigeres Bauen ermöglichen, bringen aber neue Anforderungen an Planung, Verarbeitung und Schadenprävention mit sich.
Die Zahl der Bauschäden steigt – doch wesentlich stärker steigen die damit verbundenen Kosten. Das zeigt der neue VHV-Bauschadenbericht Hochbau 2025/26, den die VHV Allgemeine gemeinsam mit dem Institut für Bauforschung (IFB) vorgelegt hat.
Für die aktuelle Schadenanalyse wurden 48.212 gemeldete Schadenfälle aus der Berufs- und Betriebshaftpflichtversicherung der Jahre 2020 bis 2024 untersucht. Berücksichtigt wurden Schäden an Neubauprojekten ebenso wie an Sanierungen und Umbauten im Bestand.
Über den gesamten Fünfjahreszeitraum wurden im Durchschnitt 9.642 Schadenfälle pro Jahr gemeldet. Ihre Zahl stieg von 9.482 Fällen im Jahr 2020 auf 9.904 im Jahr 2024 – ein Plus von rund 4,5 Prozent. Lediglich 2022 unterbrach ein Rückgang um 3,9 Prozent die ansonsten nahezu kontinuierliche Entwicklung.
Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass die VHV-Daten kein repräsentatives Bild des gesamten deutschen Baugeschehens liefern. Zudem können insbesondere für jüngere Jahre weitere Schadenmeldungen hinzukommen. Im längerfristigen Vergleich seit 2013 zeigt sich bei den gemeldeten Schadenfällen eher eine Stabilisierung um einen Mittelwert von 9.912 Fällen jährlich.
Schadenaufwand wächst wesentlich schneller
Deutlich dynamischer als die Fallzahlen entwickeln sich die finanziellen Aufwendungen. Besonders sichtbar wird das bei den Schadenfällen, die sich zum jeweiligen Jahresende noch in Bearbeitung befanden. 2020 waren es 5.249 Fälle mit einem Gesamtaufwand von rund 96,5 Millionen Euro. 2024 standen 6.356 noch nicht abgeschlossene Fälle einem Aufwand von rund 131,5 Millionen Euro gegenüber. Damit stieg die Zahl dieser Schäden um rund 21 Prozent, der damit verbundene Aufwand jedoch um rund 36 Prozent.
Auch der durchschnittliche Aufwand je Schadenfall erhöhte sich. Während er in den Jahren 2020 bis 2023 zwischen rund 18.000 und 18.600 Euro lag, erreichte er 2024 knapp 20.700 Euro. Die Auswertung deutet zudem darauf hin, dass Schäden, die erst nach längerer Zeit erkannt werden, nicht nur länger bearbeitet werden, sondern im Durchschnitt auch erheblich höhere Kosten verursachen.
Besonders ins Gewicht fallen Schäden an der Baukonstruktion. Für diese weist der Bericht mittlerweile Rückstellungen von rund 260 Millionen Euro aus.
Wo Bauschäden besonders häufig auftreten
Auch bei den Schadenstellen zeigt die Auswertung deutliche Schwerpunkte. Mit Abstand am häufigsten betroffen sind Anlagen aus dem Bereich Sanitär, Heizung und Klima (SHK). Ihr Anteil bewegte sich im Untersuchungszeitraum konstant um die Marke von 40 Prozent und lag 2024 bei 40,2 Prozent. An zweiter Stelle folgt die Gebäudehülle aus Fassade und Fenstern mit 20,7 Prozent. Auf Dach und Decke entfielen 12,1 Prozent, auf den Fußboden beziehungsweise Fußbodenaufbau 6,7 Prozent und auf Elektroleitungen und -anlagen 6,6 Prozent.
Damit konzentriert sich ein erheblicher Teil der Schäden auf Bereiche, in denen unterschiedliche Materialien, Bauteile und Gewerke aufeinandertreffen.
Neue Materialien schaffen neue Möglichkeiten – und neue Risiken
Genau hier setzt der Schwerpunkt des diesjährigen Bauschadenberichts an. Unter dem Titel „Innovation Material“ untersucht er, wie neue und wiederentdeckte Baustoffe das Bauen verändern. Recyclingbeton, Holz-Hybrid-Konstruktionen, biobasierte Dämmstoffe, neue Membranen oder Vakuumdämmungen können dazu beitragen, Ressourcenverbrauch und CO2-Emissionen zu reduzieren. Gleichzeitig warnt der Bericht davor, die unter kontrollierten Bedingungen ermittelten Eigenschaften neuer Materialien ohne Weiteres auf die Baustellenpraxis zu übertragen.
„Unsere Schadenstatistik zeigt, dass Innovation und Schadenrisiko eng zusammenhängen“, sagt Dr. Sebastian Reddemann, Sprecher des Vorstandes der VHV Allgemeine Versicherung AG. Materialien könnten sich auf der Baustelle, im Zusammenspiel mit anderen Gewerken und über lange Nutzungszeiträume anders verhalten als erwartet. Der Bericht nennt unter anderem bauphysikalische Wechselwirkungen, fehlende Langzeiterfahrungen und Ausführungsfehler bei ungewohnten Materialien als mögliche Schadenursachen.
Die Konsequenz daraus ist allerdings kein Verzicht auf neue Materialien. Vielmehr komme es auf Erprobung, Praxiswissen, Weiterbildung und einen stärkeren Austausch zwischen Entwicklung, Planung und ausführenden Gewerken an.
Manchmal besteht Innovation in der Rückkehr zum Alten
Dabei bedeutet Materialinnovation keineswegs ausschließlich Hightech. Der Bauschadenbericht verweist auch auf die Wiederentdeckung traditioneller Baustoffe. Regionale und nachwachsende Rohstoffe wie Schilfrohr, Flachs oder Seegras können als Dämmstoffe eingesetzt werden; Lehm und Stroh kehren als moderne, geprüfte Bauprodukte zurück. Der Bericht sieht darin eine Folge der wachsenden Anforderungen an Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit.
Damit entsteht für die Bauwirtschaft ein Spannungsfeld: Neue und neu entdeckte Materialien sollen helfen, Gebäude ressourcenschonender, energieeffizienter und langfristig kreislauffähig zu bauen. Gleichzeitig müssen ihre Eigenschaften unter realen Baustellenbedingungen beherrscht werden.
Für Versicherer wird deshalb nicht allein entscheidend sein, welche Schäden entstehen, sondern welches Wissen sich aus ihnen für künftige Bauprojekte gewinnen lässt. Der Bauschadenbericht versteht Schadenanalyse entsprechend zunehmend auch als Instrument der Prävention.
Themen:
LESEN SIE AUCH
Klimafolgen erfordern angepasstes Planen und Bauen
Nachhaltig und effizient: Zukunftsweisende Techniken im Hausbau
Jeder zweite Schaden im Tiefbau ist ein Leitungsschaden
VHV: Zweiter digitaler Bautag 2022
Unsere Themen im Überblick
Themenwelt
Wirtschaft
Management
Recht
Finanzen
Assekuranz
Weniger Blitze, höhere Schäden: Warum moderne Häuser immer anfälliger werden
Tornado in Glückstadt: Welche Versicherung zahlt bei Sturmschäden?
Flugzeug stürzt auf Wohnhaus: Warum die Wohngebäudeversicherung die Schadenregulierung beschleunigen kann
Wohnimmobilienmarkt: Stabilisierung gewinnt an Breite – Leipzig setzt das stärkste Signal
Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk
Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.
















