Tierkrankenversicherung boomt: Beiträge vervierfachen sich in fünf Jahren
Mehr als zwei Millionen Haustiere sind inzwischen krankenversichert. Während sich ihre Zahl innerhalb von fünf Jahren mehr als verdoppelt hat, stieg das Beitragsvolumen von 173 auf 720 Millionen Euro. Dahinter stehen nicht nur höhere Tierarztkosten: Auch die Nachfrage verschiebt sich zunehmend vom reinen OP-Schutz zur umfassenden Tierkrankenversicherung.
Die Tierkrankenversicherung entwickelt sich in Deutschland mit hohem Tempo vom Nischenprodukt zu einem eigenständigen Versicherungszweig. Nach aktuellen Zahlen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) waren 2024 bereits mehr als zwei Millionen Hunde, Katzen und andere Haustiere krankenversichert. 2019 waren es erst rund 845.000.
Damit hat sich die Zahl der versicherten Tiere innerhalb von fünf Jahren mehr als verdoppelt. Noch erheblich dynamischer entwickelte sich allerdings das Beitragsvolumen: Die Bruttobeiträge stiegen im selben Zeitraum von 173 Millionen auf 720 Millionen Euro – und damit auf mehr als das Vierfache. Die Zahlen zeigen zugleich, dass hinter dem Wachstum mehr steckt als eine steigende Versicherungsquote. Tiermedizinische Versorgung wird umfangreicher und teurer, während Tierhalter zunehmend einen größeren Teil des Kostenrisikos absichern.
Nach der neuen Gebührenordnung steigen die Beiträge kräftig
Einen wesentlichen Einschnitt sieht der GDV in der Ende 2022 in Kraft getretenen Novellierung der Gebührenordnung für Tierärzte (GOT). Die Gebühren wurden an medizinische und wirtschaftliche Entwicklungen angepasst, zahlreiche Behandlungen verteuerten sich dadurch. In den Versicherungszahlen ist die Entwicklung deutlich zu erkennen: Sowohl 2023 als auch 2024 stiegen die Beitragseinnahmen der Tierkrankenversicherer nach Angaben des Verbands jeweils um rund 40 Prozent. Gleichzeitig hat sich das medizinisch Machbare erweitert. Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten in der Veterinärmedizin haben sich weiterentwickelt – und damit können im Krankheitsfall entsprechend höhere Kosten entstehen. „Die Tiermedizin kann heute weit mehr leisten als noch vor wenigen Jahren“, sagt Anja Käfer-Rohrbach, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des GDV. Dies mache Behandlungen allerdings auch teurer. Eine Tierkrankenversicherung könne verhindern, dass eine medizinische Entscheidung allein an den finanziellen Möglichkeiten des Halters scheitere.
Immer häufiger reicht der OP-Schutz nicht mehr
Parallel zum Marktwachstum verändert sich der Produktmix. Grundsätzlich unterscheidet der GDV zwischen zwei wesentlichen Varianten. Die Operationskostenversicherung übernimmt medizinisch notwendige chirurgische Eingriffe einschließlich Vor- und Nachsorge. Eine umfassende Tierkrankenversicherung kann darüber hinaus allgemeine Behandlungen, Untersuchungen, Medikamente, Diagnostik und weitere medizinische Maßnahmen einschließen. Der genaue Umfang hängt vom jeweiligen Tarif ab. Lange dominierte der vergleichsweise begrenzte OP-Schutz. Inzwischen entscheiden sich Tierhalter jedoch deutlich häufiger für eine umfassendere Absicherung. 2020 verfügten knapp 22 Prozent der versicherten Tiere über eine umfassende Tierkrankenversicherung. Bis 2024 erhöhte sich der Anteil auf fast 40 Prozent. Damit wächst nicht nur die Zahl der versicherten Tiere. Innerhalb des Bestands verlagert sich die Nachfrage zugleich von der Absicherung einzelner hoher Kostenrisiken hin zu einer breiteren Übernahme tiermedizinischer Leistungen.
Versicherer bauen Leistungen rund um die Behandlung aus
Diese Entwicklung erweitert auch die Rolle der Versicherer. Im neuen Leitbild zur Tierkrankenversicherung beschreibt der GDV den Versicherungsschutz ausdrücklich nicht allein als Kostenerstattung. Genannt werden unter anderem Präventionsangebote, Aufklärung und zusätzliche Leistungen wie Telemedizin. Zudem sieht der Verband in der Prüfung tierärztlicher Rechnungen durch Versicherer einen Beitrag zu fairen und transparenten Strukturen im tiermedizinischen Versorgungssystem. „Wir beobachten, dass Halterinnen und Halter immer öfter eine umfassende Absicherung wählen und nicht mehr nur einzelne Risiken abdecken“, sagt Käfer-Rohrbach. Die Versicherung wachse mit diesem veränderten Anspruch.
Mehr als viermal so viele Beiträge bei gut doppelt so vielen Tieren
Für die weitere Marktentwicklung ist deshalb eine Unterscheidung wichtig: Die Zunahme des Beitragsvolumens lässt sich nicht allein mit einer höheren Zahl versicherter Tiere erklären. Zwischen 2019 und 2024 stieg der Bestand von rund 845.000 auf mehr als zwei Millionen versicherte Tiere. Gleichzeitig erhöhten sich die Bruttobeiträge von 173 auf 720 Millionen Euro. Darin spiegeln sich mehrere Entwicklungen gleichzeitig: höhere Behandlungskosten, die neue Gebührenordnung für Tierärzte, ein wachsender Versicherungsbestand und der steigende Anteil umfassender Tierkrankenversicherungen. Auch die Annahme und Tarifierung bleiben dabei risikobasiert. Der GDV nennt beispielsweise Alter, Rasse und Gesundheitszustand als mögliche Kriterien; die konkrete Ausgestaltung liegt beim jeweiligen Versicherer.
Aus dem einstigen Spezialprodukt für einzelne hohe Tierarztrechnungen entsteht damit zunehmend ein breiterer Versicherungsmarkt. Die entscheidende Entwicklung findet nicht nur bei der Zahl der Verträge statt – sondern auch bei der Frage, wie umfassend Tierhalter die Gesundheit ihrer Tiere absichern wollen.
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