KI erreicht das Underwriting: Warum Versicherer jetzt ihren sensibelsten Bereich digitalisieren
Vertrieb und Schadenmanagement gelten seit Jahren als Vorreiter der Digitalisierung in der Versicherungsbranche. Nun erreicht künstliche Intelligenz zunehmend auch das Underwriting. Eine Analyse von Sollers Consulting zeigt: Bereits vier von zehn Versicherer setzen KI in der Risikoprüfung ein. Besonders bei der Vorprüfung von Anträgen und der Verarbeitung unstrukturierter Dokumente gewinnt die Technologie an Bedeutung – und verändert damit schrittweise auch das Berufsbild der Underwriter.
Die Digitalisierung des Underwritings gewinnt in der Versicherungswirtschaft deutlich an Dynamik. Während Versicherer künstliche Intelligenz bislang vor allem im Kundenservice oder Schadenmanagement eingesetzt haben, rückt nun die Risikoprüfung in den Mittelpunkt. Nach einer aktuellen Untersuchung von Sollers Consulting nutzen inzwischen rund 40 Prozent der Versicherer KI-Anwendungen im Underwriting. Damit beginnt die Digitalisierung eines Bereichs, der lange als besonders komplex und schwer automatisierbar galt.
KI unterstützt zunächst bei Standardaufgaben
Nach Angaben von Sollers konzentriert sich der KI-Einsatz derzeit vor allem auf die Vorprüfung eingehender Anträge sowie die Verarbeitung unstrukturierter Dokumente. Besonders in der Firmenkundenversicherung kommt die Technologie bereits häufiger zum Einsatz. Dort nutzen rund 20 Prozent der Versicherer KI, um Anträge zu klassifizieren und relevante Informationen automatisiert aus Dokumenten auszulesen. „Das Underwriting war die letzte wichtige Funktion, die digitalisiert wurde, und das Tempo ändert sich nun rasant“, erläutert Jakub Śliwiński, Leiter Underwriting bei Sollers Consulting. Nach seiner Einschätzung unterstützt KI Underwriter bereits heute dabei, standardisierte Risiken schneller und konsistenter zu bearbeiten. Bis komplexere gewerbliche Risiken umfassend automatisiert werden können, dürfte es allerdings noch ein bis zwei Jahre dauern.
Das Berufsbild verändert sich
Mit der technischen Entwicklung verändert sich zugleich die Arbeitswelt im Underwriting. Sollers beobachtet, dass sich der Anteil von IT-Stellen mit Underwriting-Kompetenz innerhalb eines Jahres verdoppelt hat. Damit wächst dieser Bereich derzeit schneller als andere Spezialisierungen innerhalb der Versicherungswirtschaft. Für Versicherer bedeutet dies nicht nur Investitionen in neue Technologien, sondern auch in Qualifikation, Datenmanagement und veränderte Arbeitsprozesse.
Daten werden zum entscheidenden Erfolgsfaktor
Nach Einschätzung der Berater liegt das eigentliche Potenzial der künstlichen Intelligenz zunächst weniger in der automatisierten Risikoselektion als vielmehr in der Datenaufbereitung. KI könne große Vertragsbestände nahezu in Echtzeit analysieren, Informationen aus unterschiedlichsten Dokumenten zusammenführen und Underwriter bei Portfolioanalysen unterstützen. Dadurch werde Zeit für die eigentliche Risikobewertung frei. Die Einführung entsprechender Underwriting-Workbenches erfordere allerdings umfangreiche Modernisierungen der IT-Architektur sowie ein konsequentes Change-Management.
Deutschland noch zurückhaltend
Während der Londoner Versicherungsmarkt, Australien oder Nordamerika die Digitalisierung des Underwritings bereits deutlich vorantreiben, sieht Sollers im deutschsprachigen Raum noch Nachholbedarf. „Der Digitalisierungsgrad im Underwriting ist bei Versicherern in den deutschsprachigen Märkten noch vergleichsweise gering“, sagt Martin Seibold, Partner und Head of DACH bei Sollers Consulting. Gleichzeitig beobachte das Unternehmen jedoch ein wachsendes Interesse an innovativen Technologien.
Entwicklung knüpft an frühere KI-Projekte an
Die aktuelle Entwicklung setzt einen Trend fort, der sich bereits in anderen Bereichen der Risikoprüfung abzeichnet. So berichtete Experten.de bereits über KI-gestützte Systeme zur automatisierten Bearbeitung von Risikovoranfragen in der Berufsunfähigkeitsversicherung. Dort sollen unstrukturierte Arztberichte künftig schneller ausgewertet und Voranfragen effizienter bearbeitet werden.
Auch wissenschaftliche Projekte beschäftigen sich seit Längerem mit der Digitalisierung der Risikoprüfung. Bereits im vergangenen Jahr standen neue datenbasierte Verfahren zur Bewertung von Berufsunfähigkeitsrisiken im Mittelpunkt.
KI wird zum Werkzeug – nicht zum Ersatz
Die Analyse von Sollers macht deutlich, dass künstliche Intelligenz das klassische Underwriting kurzfristig nicht ersetzen dürfte. Stattdessen entwickelt sich die Technologie zunehmend zu einem Werkzeug, das Underwriter bei Routinetätigkeiten entlastet, Informationen schneller verfügbar macht und Entscheidungen unterstützt.
Mit zunehmender Datenqualität und moderneren IT-Plattformen dürfte sich dieser Wandel in den kommenden Jahren weiter beschleunigen – und das Berufsbild der Underwriter nachhaltig verändern.
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