KI soll Risikovoranfragen in der BU automatisieren
Unstrukturierte Arztberichte, PDF-Anhänge und aufwendige Gesundheitsangaben machen Risikovoranfragen in der Berufsunfähigkeits- und Lebensversicherung zu einem der arbeitsintensivsten Prozesse der Branche. Eine neue KI-Lösung von vers.diagnose soll diesen Aufwand deutlich reduzieren und Voranfragen künftig automatisiert für die Risikoprüfung aufbereiten.
Risikovoranfragen gelten als unverzichtbares Instrument in der Berufsunfähigkeits- und Lebensversicherung. Sie helfen Vermittlern und Kunden, die Versicherbarkeit eines Risikos vor einer Antragstellung einzuschätzen. Gleichzeitig verursachen sie auf allen Seiten einen erheblichen Aufwand.
Nun will die Plattform vers.diagnose diesen Prozess mithilfe von Künstlicher Intelligenz grundlegend verändern. Das Unternehmen hat die Entwicklung einer Anwendung gestartet, die unstrukturierte Gesundheitsdaten automatisch analysiert, strukturiert und in prüffähige Risikovoranfragen übersetzt. Die Lösung soll dabei vollständig in die bestehende Infrastruktur der Versicherer integriert werden.
Ein bekanntes Problem der Biometriebranche
Das Thema beschäftigt Versicherer und Vermittler seit Jahren. Bereits 2025 berichtete Experten.de über Risikovoranfragen als „Bremsklotz“ im BU-Geschäft. Damals hatten die Versicherungsforen Leipzig auf hohe Bearbeitungsaufwände, Medienbrüche und lange Bearbeitungszeiten hingewiesen.
Die aktuelle Entwicklung knüpft direkt an diese Diskussion an. Denn eine aktuelle Branchenbefragung von Maklern und Versicherern, die laut Angaben der Versicherungsforen Leipzig rund 60 Prozent des Marktes abdeckt, zeigt die Dimension des Problems: Durchschnittlich gehen monatlich rund 700 Voranfragen pro Versicherer ein, bei großen Marktteilnehmern sogar bis zu 3.000. Die Bearbeitung bindet rund 16 Prozent der verfügbaren Kapazitäten. Gleichzeitig liegt die Abschlussquote lediglich bei etwa zehn Prozent.
Von Arztberichten zur prüffähigen Voranfrage
Genau an diesem Punkt setzt die neue Anwendung an. Die KI analysiert Gesundheitsinformationen aus PDFs, Scans, Freitexten und Arztberichten, erkennt relevante Diagnosen und ordnet diese automatisch den jeweiligen versichererspezifischen Regelwerken zu. Auf Basis der individuellen Votensätze werden anschließend die erforderlichen Risikofragen generiert und strukturiert aufbereitet. Vermittler erhalten eine konsolidierte Übersicht der relevanten Informationen, während Versicherer qualitätsgesicherte und unmittelbar prüffähige Voranfragen erhalten.
Nach Einschätzung der beteiligten Marktteilnehmer könnte der Gesamtaufwand für Risikovoranfragen dadurch um mehr als die Hälfte sinken. Der gesamte Prozess soll künftig auf weniger als 23 Minuten reduziert werden.
KI trifft keine Versicherungsentscheidung
Die Entwickler betonen allerdings, dass die KI keine eigenständigen Entscheidungen treffen soll. „Risikovoranfragen scheitern heute selten an der medizinischen Bewertung, sondern an unstrukturierten Informationen. Genau dort setzen wir an und schaffen die Grundlage für schnellere und nachvollziehbare Entscheidungen“, sagt Fabian Van Lancker, Geschäftsführer von vers.diagnose.
Nach Angaben des Unternehmens bleibt die Entscheidungshoheit vollständig bei den Versicherern. Die KI erstellt lediglich Entscheidungsvorlagen und nutzt die bestehenden Regelwerke und Votensätze der jeweiligen Gesellschaften. Eine vollautomatische Dunkelverarbeitung sei ausdrücklich nicht vorgesehen. Auch regulatorische Anforderungen wie DSGVO, Versicherungsaufsichtsgesetz und BaFin-Vorgaben seien bei der Entwicklung berücksichtigt worden.
Vorteile für Kunden, Vermittler und Versicherer
Die Lösung adressiert gleich mehrere Herausforderungen gleichzeitig. Kunden sollen schneller Klarheit über ihre Versicherbarkeit erhalten. Vermittler könnten Zeit bei der Aufbereitung medizinischer Informationen sparen und müssten weniger Rückfragen beantworten. Versicherer wiederum erhalten strukturierte und vergleichbare Daten, die eine effizientere Risikoprüfung ermöglichen.
Gerade im Biometriegeschäft, in dem Gesundheitsangaben häufig über Annahme, Zuschläge oder Ablehnungen entscheiden, gilt die Qualität der Voranfrage als wesentlicher Faktor für die Geschwindigkeit und Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen.
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