Digitalisierung in der Berufsunfähigkeitsversicherung: Neue Wege der Risikoprüfung

Veröffentlichung: 21.07.2025, 06:07 Uhr - Lesezeit 8 Minuten

Digitale Diagnosen, KI & Selfies: Wie die Risikoprüfung in der Berufsunfähigkeitsversicherung revolutioniert wird – und welche Herausforderungen bleiben. Ein Blick in die Praxis von Diana Boduch, Versicherungsforen Leipzig. Der Text erschien zuerst im expertenReport 07/25.

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Diana Boduch, Leiterin Produkt-, Prozess- und Serviceentwicklung Versicherungsforen LeipzigDiana Boduch, Leiterin Produkt-, Prozess- und Serviceentwicklung Versicherungsforen LeipzigVersicherungsforen Leipzig

Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist eine der wichtigsten Absicherungen für Erwerbstätige – und zugleich eine der beratungsintensivsten. Im Zentrum des Abschlussprozesses steht seit jeher die Risikoprüfung, die traditionell mit umfangreichen Gesundheitsfragen, Angaben zu Hobbys, Raucherstatus, BMI und Vorerkrankungen verbunden ist. Für Kundinnen und Kunden bedeutet das oft eine hohe Hürde: Die Aufarbeitung der Gesundheitshistorie und Beschaffung aller relevanten Daten ist aufwendig und nicht selten mit Unsicherheiten verbunden.

Für Vermittler ist die Abfrage sensibler Gesundheitsdaten eine Herausforderung – sowohl in Bezug auf die Gesprächsführung als auch auf die rechtssichere Dokumentation. Für Versicherer ist der Prozess, angefangen bei der Risikovoranfrage über die eigentliche Datensichtung bis zur Entscheidung, noch immer ressourcenintensiv, aber notwendig, um das Risiko adäquat zu kalkulieren.

In den letzten Jahren hat die Digitalisierung jedoch neue Perspektiven eröffnet, wie dieser komplexe Prozess transformiert werden kann.

Evolution der Risikoprüfung

Die Risikoprüfung bei Berufsunfähigkeitsversicherungen durchlief bereits mehrere Entwicklungsstufen. Vor über einem Jahrzehnt begannen Versicherer mit der Einführung des Teleinterviewings und Teleunderwritings, um den Antragsprozess zu vereinfachen. Statt schriftlicher Fragebögen werden dabei Gesundheitsfragen telefonisch durch geschulte Experten digital erfasst, was die Antragsbearbeitungszeit zu damaligen Zeiten um durchschnittlich 30 Prozent reduzierte und den Prozess für Kundinnen und Kunden sowie Vertrieb erleichterte.

Ein weiterer Schritt in Richtung Digitalisierung waren Point-of-Sale-Systeme, die Versicherer ihrem Vertrieb zur Verfügung stellen. Damit ist die digitale Antragserfassung und Übermittlung der Daten vor Ort beim Kunden möglich, in einfachen Fällen sogar mit einem sofortigen Votum. Obwohl aus Prozesssicht für den Versicherer ein echter Vorteil, erfreuen sich diese Systeme beim Vertrieb anfänglich nicht großer Beliebtheit, da vor allem komplexe Fälle schwer abbildbar waren und noch immer sind.

Auch die Kommunikation mit Fachärzten und -ärztinnen, für die Anforderung von Hausarztberichten oder für konkrete Rückfragen, rückt immer mehr vom klassischen Postweg ab und geht in Richtung digitaler Kommunikation, was die Prozesse beschleunigt.

Bereits 2018 verfolgte ein Versicherer einen ganz neuen Ansatz in der Antragsprüfung: Gesundheitsdaten wurden aus den Akten der Krankenkassen in den Antragsprozess integriert, um den Kunden bei den Gesundheitsangaben zu entlasten. Dies war zum damaligen Zeitpunkt noch mit manuellem Auswertungsaufwand durch den Versicherer verbunden und konnte sich nicht durchsetzen.

Mit der Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) gewinnt der Grundgedanke, externe Daten einzubeziehen, wieder an Attraktivität. Durch die strukturierte digitale Erfassung von Gesundheitsdaten könnte – mit entsprechender Einwilligung des Antragstellers – ein direkter und effizienter Datenaustausch für die Risikoprüfung realisiert werden. Während Kundinnen und Kunden bei der herkömmlichen Selbstauskunft Angaben vergessen oder falsch einschätzen können, bieten digital erfasste Diagnosen, Medikationshistorien und Krankschreibungen ein lückenloses Bild: viel Potenzial für eine Verbesserung der Risikoeinschätzung bei gleichzeitiger Vereinfachung für den Kunden.

Die zentrale Herausforderung besteht allerdings weiterhin in der automatisierten Interpretation und Bewertung dieser komplexen medizinischen Informationen.

KI und GenAI als Gamechanger

KI-Systeme und GenAI setzen an dieser Herausforderung an und haben das Potenzial, die Risikoprüfung zu revolutionieren. KI-Systeme können aus diesen neuen und digital verfügbaren Gesundheitsdaten Wahrscheinlichkeiten für Berufsunfähigkeitsrisiken berechnen und ermöglichen zudem eine kontinuierliche Verbesserung der Risikomodelle. Das System lernt aus jedem neuen Fall und erhöht die Prognosegüte kontinuierlich. Weg von pauschalen Risikokategorien hin zu individualisierten Risikoprofilen. So können in Medikamenten- und Diagnosedaten Muster erkannt werden, die auf erhöhte BU-Risiken hindeuten und einen Aufschlag in der Kalkulation begründen. Auf der anderen Seite kann eine versicherte Person mit gut eingestellter chronischer Erkrankung künftig vielleicht deutlich besser eingestuft werden als im traditionellen System, das oft mit harten Ausschlusskriterien arbeitet.

Biometrische Daten als Ergänzung

Neben der reinen Digitalisierung der Prozesse und der Analyse der Daten über KI können auch ganz neue Daten und Informationsquellen künftig in die Risikoprüfung einfließen. In Asien als auch Amerika wurden bereits 2018 innovative Ansätze erprobt, die biometrische Daten in die Antragstellung einbeziehen: Die Kundin reicht unter anderem ein Selfie ein. Das KI-System scannt das Bild und analysiert Tausende verschiedene Regionen des Gesichts. Dies erlaubt ihm Rückschlüsse auf Alter, Körpergewicht und Gesundheitszustand sowie darauf, wie schnell die Person altert und ob sie beispielsweise raucht.

Herausforderungen und Ausblick

Die Risikoprüfung in der Berufsunfähigkeitsversicherung wird in Zukunft nicht mehr dieselbe sein, der Wandel ist in vollem Gange und die Potenziale für Prozessbeschleunigung und Individualisierung riesig. Trotz aller Fortschritte bleiben Herausforderungen. Die Qualität der zugrunde liegenden Daten ist entscheidend für die Güte der Risikoprüfung.

An dieser Stelle sei auf unbewusst wie bewusst falsch dokumentierte Diagnosen in den Krankenakten der Kunden hingewiesen, denn falsche oder unvollständige Angaben können auch digitale Systeme nicht kompensieren. Zudem müssen Datenschutz und IT-Sicherheit höchsten Standards genügen, um das Vertrauen der Kundinnen und Kunden zu erhalten. Nicht zuletzt ist die Akzeptanz beim Vermittler und natürlich beim Kunden ein Schlüsselfaktor.

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