Riester-Vertrag behalten oder wechseln? Warum jetzt die ersten Reform-Rechner entstehen
Mit der Altersvorsorgereform 2027 verändert sich die geförderte private Vorsorge grundlegend. Neue Produktformen, veränderte Fördermechanismen und zusätzliche Zielgruppen sorgen für Orientierungsschwierigkeiten bei vielen Sparern. Erste Online-Rechner sollen helfen, bestehende Riester-Verträge einzuordnen. Doch wie viel Orientierung können solche Tools tatsächlich leisten?
Die Reform der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge wirft bereits Monate vor ihrem Inkrafttreten zahlreiche Fragen auf. Bestehende Riester-Verträge laufen zwar grundsätzlich weiter, gleichzeitig entstehen neue Produktkategorien wie Altersvorsorgedepots und modernisierte Vorsorgeverträge mit veränderten Fördermechanismen.
Für Millionen Sparer stellt sich damit eine zentrale Frage: Lohnt es sich, den bestehenden Vertrag fortzuführen oder könnten die neuen Angebote attraktiver sein?
Viele Menschen fühlen sich unzureichend informiert
Dass die Verunsicherung groß ist, zeigen aktuelle Umfragen. Erst kürzlich ergab eine repräsentative Studie der BarmeniaGothaer, dass ein Drittel der Deutschen die Reformpläne zur Altersvorsorge überhaupt nicht kennt. Selbst unter denjenigen, die von der Reform gehört haben, bewertet eine deutliche Mehrheit ihren Informationsstand als schlecht oder sehr schlecht. Besonders ausgeprägt sind die Wissenslücken bei jüngeren Erwachsenen, die eigentlich zu den wichtigsten Zielgruppen der Reform gehören. Damit entsteht ein Spannungsfeld: Während Politik und Anbieter auf neue Vorsorgelösungen setzen, fehlt vielen Bürgern noch immer das Verständnis für die konkreten Auswirkungen.
Erste Rechner sollen Orientierung schaffen
Vor diesem Hintergrund entstehen derzeit die ersten digitalen Hilfsmittel. Der Bundesverband der Sachverständigen für das Versicherungswesen (BVSV) hat mit RiesterAPP.de einen kostenlosen Online-Rechner vorgestellt. Das Tool soll Bürgern, Vermittlern und Finanzdienstleistern helfen, bestehende Riester-Verträge mit den neuen Fördermöglichkeiten ab 2027 zu vergleichen. Berücksichtigt werden nach Angaben des Verbandes unter anderem Förderquoten, Zulagen, Garantien, Restlaufzeiten und weitere Vertragsmerkmale. Die Ergebnisse werden über eine Ampellogik und verschiedene Bewertungskategorien dargestellt.
Was solche Tools leisten können
Der Nutzen solcher Anwendungen liegt vor allem in der strukturierten Vorbereitung. Viele Sparer verfügen über ältere Verträge, deren Leistungen, Kostenstrukturen oder Garantien nicht mehr präsent sind. Ein digitaler Schnellcheck kann helfen, Unterlagen zusammenzutragen, erste Vergleichsparameter sichtbar zu machen und mögliche Beratungsanlässe zu identifizieren.
Auch Vermittler stehen vor einer großen Aufgabe. Mit dem Start der neuen Förderwelt müssen zahlreiche Bestandskunden prüfen lassen, welche Auswirkungen die Reform auf ihre persönliche Vorsorgesituation haben könnte. Digitale Werkzeuge können dabei helfen, diese Bestände systematischer zu analysieren.
Was Rechner nicht ersetzen können
Die Grenzen solcher Tools werden jedoch häufig unterschätzt. Denn ein rechnerischer Fördervorteil allein sagt noch nichts darüber aus, ob ein Vertragswechsel tatsächlich sinnvoll ist. Faktoren wie bestehende Garantien, Abschlusskosten, steuerliche Auswirkungen, individuelle Lebensplanung oder persönliche Risikobereitschaft lassen sich nur begrenzt automatisiert bewerten. Selbst der BVSV weist darauf hin, dass die Ergebnisse des Rechners keine individuelle Rechts-, Steuer-, Versicherungs- oder Anlageberatung ersetzen.
Gerade bei langjährigen Verträgen können vermeintlich attraktive neue Fördermöglichkeiten durch bestehende Garantien oder bereits aufgebaute Vertragswerte relativiert werden.
Vermittler stehen vor einer neuen Beratungsaufgabe
Für Vermittler dürfte die Altersvorsorgereform deshalb nicht nur neue Produkte bringen, sondern vor allem einen erhöhten Beratungsbedarf. Während die Reform neue Chancen eröffnet, müssen bestehende Verträge sorgfältig analysiert und dokumentiert werden. Gleichzeitig erwarten Kunden verständliche Antworten auf komplexe Fragestellungen. Digitale Förderrechner können dabei eine wichtige Rolle spielen – allerdings eher als Einstieg in den Beratungsprozess als dessen Ersatz.
Die eigentliche Herausforderung beginnt erst 2027
Mit dem Inkrafttreten der Reform werden die neuen Produkte und Fördermodelle erstmals in der Praxis aufeinandertreffen. Dann wird sich zeigen, welche Lösungen sich am Markt durchsetzen und wie groß der tatsächliche Beratungsbedarf ausfällt.
Schon heute zeichnet sich jedoch ab: Die größte Herausforderung liegt nicht in der Entwicklung neuer Rechner oder Vergleichsprogramme. Entscheidend wird sein, die neuen Möglichkeiten verständlich zu erklären und individuelle Entscheidungen nachvollziehbar zu begleiten.
Themen:
LESEN SIE AUCH
Alte Leipziger startet in die Post-Riester-Ära
Altersvorsorgereform passiert Bundesrat – Streit um Staatsfonds und Kosten beginnt erst jetzt
Riester-Förderung wirkt: Neue Zahlen zeigen gezielte Unterstützung für Frauen, Familien und Geringverdiener
Altersvorsorge-Reform wird konkret: Allianz plant Angebote für alle drei Vorsorgewege
Unsere Themen im Überblick
Themenwelt
Wirtschaft
Management
Recht
Finanzen
Assekuranz
KI-Boom ohne Werkzeuge? Ausschließlichkeitsvermittler vermissen Unterstützung der Versicherer
Altersvorsorge-Depot: Der Wettlauf um die digitalen Abschlussstrecken beginnt
Servicevereinbarungen auf Knopfdruck: Wie sich Maklervergütung digitalisiert
KI soll Risikovoranfragen in der BU automatisieren
Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk
Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.















