Rätsel Rentenreform: Mehrheit fühlt sich über neue Vorsorgeprodukte schlecht informiert

Veröffentlichung: 18.06.2026, 08:06 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Die Reform der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge soll mehr Menschen zum Vermögensaufbau für das Alter bewegen. Doch eine aktuelle Studie der BarmeniaGothaer zeigt: Viele Bürger kennen die Reform kaum oder fühlen sich unzureichend informiert. Besonders bei jungen Erwachsenen klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander.

(PDF)
Alina vom Bruck sieht bei vielen Verbrauchern erhebliche Wissenslücken rund um die geplante Reform der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge.Alina vom Bruck sieht bei vielen Verbrauchern erhebliche Wissenslücken rund um die geplante Reform der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge.Frank van Groen

Die geplante Reform der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge gilt als eines der größten Vorsorgeprojekte der vergangenen Jahre. Neue Produktkategorien, erweiterte Fördermöglichkeiten und mehr Flexibilität sollen die private Altersvorsorge attraktiver machen. Doch ausgerechnet bei den Menschen, die die neuen Angebote künftig nutzen sollen, bestehen offenbar erhebliche Wissenslücken. Das zeigt eine repräsentative Befragung der BarmeniaGothaer.

Jeder Dritte kennt die Reform überhaupt nicht

Demnach hat ein Drittel der Befragten bislang noch nie von der Reform gehört. Insgesamt geben 67 Prozent an, die Reform zumindest wahrgenommen zu haben. Besonders auffällig sind die Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Während die Bekanntheit mit zunehmendem Alter steigt, zeigt sich bei jungen Erwachsenen ein deutlich anderes Bild. Mehr als die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen hat nach eigenen Angaben noch nie von der Reform und den daraus entstehenden neuen Vorsorgeprodukten gehört. „Über die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen haben noch nie etwas von der Altersvorsorgereform und den daraus resultierenden neuen Produkten gehört“, sagt Alina vom Bruck, Vorständin der Lebensversicherung bei der BarmeniaGothaer.

Gehört ja – verstanden nein

Doch selbst dort, wo die Reform bekannt ist, fehlt häufig das Verständnis für Inhalte und Auswirkungen. Rund 65 Prozent derjenigen, die bereits von der Reform gehört haben, bewerten ihren Informationsstand als schlecht oder sehr schlecht. Bemerkenswert sind dabei die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Während 57 Prozent der Männer ihren Kenntnisstand kritisch bewerten, liegt dieser Anteil bei Frauen mit 72 Prozent deutlich höher. Für die Versicherungsbranche ergibt sich daraus eine zentrale Herausforderung: Die öffentliche Diskussion über die Reform scheint bislang nur begrenzt bei den Verbrauchern anzukommen.

Komplexität wird bereits vor dem Start erwartet

Hinzu kommt ein weiteres Problem. Noch bevor die ersten Produkte überhaupt am Markt sind, erwarten viele Verbraucher eine hohe Komplexität. 67 Prozent der Befragten rechnen mit komplexen oder sogar sehr komplexen Vorsorgelösungen. Lediglich 21 Prozent erwarten einfache und leicht verständliche Produkte. „Wenn eine klare Mehrheit bereits vor Einführung der Produkte von hoher Komplexität ausgeht, zeigt das, wie groß der Bedarf an verständlicher Beratung und einfacher Strukturierung sein wird“, erklärt vom Bruck. Die Ergebnisse zeigen damit ein bekanntes Dilemma der Altersvorsorge: Je größer die Auswahl und Flexibilität, desto höher häufig auch der Informationsbedarf.

Junge Menschen sehen den größten Beratungsbedarf

Auf den ersten Blick scheint die Mehrheit der Bevölkerung keinen hohen Unterstützungsbedarf zu erwarten. Insgesamt 69 Prozent gehen davon aus, wenig oder keine zusätzliche Beratung zu benötigen. Die Altersgruppen unterscheiden sich jedoch deutlich. Unter den 18- bis 29-Jährigen sieht jede zweite Person einen hohen oder sehr hohen Beratungsbedarf. Bei den 30- bis 44-Jährigen liegt dieser Wert bei 38 Prozent, bei den 45- bis 59-Jährigen bei 31 Prozent. Unter den über 60-Jährigen erwarten lediglich 16 Prozent einen hohen Unterstützungsbedarf. Gerade die jüngere Generation scheint sich der Herausforderungen stärker bewusst zu sein als viele ältere Befragte.

Reformziel könnte an Wissenslücken scheitern

Die Ergebnisse werfen damit auch Fragen hinsichtlich der politischen Zielsetzung der Reform auf. Das Altersvorsorgereformgesetz soll die Verbreitung privater Altersvorsorge erhöhen und neue Zielgruppen erschließen. Dazu zählen insbesondere junge Menschen sowie Selbstständige und Freiberufler. Wenn jedoch große Teile dieser Zielgruppen die Reform weder kennen noch verstehen, könnte die gewünschte Breitenwirkung geringer ausfallen als erhofft. „Wenn Wissen und Zugang fehlen, steigt das Risiko, dass Vorsorgechancen ungenutzt bleiben. Das widerspricht auch dem zentralen Ziel der Reform, die Durchdringung der privaten Altersvorsorge zu erhöhen“, warnt vom Bruck.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Der Bundesrat in Berlin: Die Länderkammer spielt eine zentrale Rolle bei der Verabschiedung bundesweiter Gesetze und Reformvorhaben.Der Bundesrat in Berlin: Die Länderkammer spielt eine zentrale Rolle bei der Verabschiedung bundesweiter Gesetze und Reformvorhaben.Redaktion experten.de / KI-generiert
Politik

Altersvorsorgereform passiert Bundesrat – Streit um Staatsfonds und Kosten beginnt erst jetzt

Mit der Zustimmung des Bundesrates ist die Reform der privaten Altersvorsorge beschlossen. Während Branchenverbände die stärkere Kapitalmarktorientierung grundsätzlich begrüßen, wächst zugleich die Kritik an Staatsfonds-Modellen, fehlender Beratung und möglichen Kostenfallen.
GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg AsmussenGDV-Hauptgeschäftsführer Jörg AsmussenGDV
Politik

Rentenkommission löst erste Grundsatzdebatte aus: Wer soll die Kapitalrente verwalten?

Noch bevor der Abschlussbericht der Rentenkommission offiziell vorgestellt wurde, formiert sich Widerstand gegen zentrale Vorschläge. Während Versicherer und Vermittler mehr Kapitaldeckung in der Altersvorsorge grundsätzlich begrüßen, warnen sie vor einer zu starken Konzentration neuer Vorsorgeelemente beim Staat. Im Mittelpunkt der Debatte stehen die geplante Kapitalrente, die Zukunft der Frühstart-Rente und die Rolle privater Anbieter.
Bei der privaten Altersvorsorge stehen für viele Verbraucher weiterhin Sicherheit und Kapitalerhalt im Vordergrund. Die Mehrheit bevorzugt Vorsorgelösungen mit Garantien statt reiner Kapitalmarktanlagen ohne Absicherung.Bei der privaten Altersvorsorge stehen für viele Verbraucher weiterhin Sicherheit und Kapitalerhalt im Vordergrund. Die Mehrheit bevorzugt Vorsorgelösungen mit Garantien statt reiner Kapitalmarktanlagen ohne Absicherung.Redaktion experten.de / KI-generiert
Studien

Altersvorsorge-Depot: Deutsche wollen Sicherheit statt Rendite

Die Politik setzt bei der Reform der privaten Altersvorsorge auf mehr Kapitalmarkt und höhere Renditechancen. Die Verbraucher sehen das offenbar differenzierter. Eine neue Studie von Sirius Campus und Aeiforia zeigt: Die Mehrheit der potenziellen Kunden wünscht sich weiterhin Garantien. Reine Aktienlösungen ohne Absicherung stoßen dagegen nur auf begrenztes Interesse.
Das geplante Altersvorsorge-Depot stößt bereits vor seiner Einführung auf großes Interesse. Marktforscher sehen erhebliches Potenzial für Millionen Neuabschlüsse und ein milliardenschweres Sparvolumen ab 2027.Das geplante Altersvorsorge-Depot stößt bereits vor seiner Einführung auf großes Interesse. Marktforscher sehen erhebliches Potenzial für Millionen Neuabschlüsse und ein milliardenschweres Sparvolumen ab 2027.Redaktion experten.de / KI-generiert
Fürs Alter

Altersvorsorge-Depot: Studie erwartet bis zu 4,5 Millionen Abschlüsse

Das geplante Altersvorsorge-Depot könnte zu den erfolgreichsten Vorsorgeprodukten der vergangenen Jahre werden. Eine neue Marktuntersuchung von Sirius Campus und Aeiforia prognostiziert für die erste Angebotswelle im Jahr 2027 bis zu 4,5 Millionen Abschlüsse. Voraussetzung ist allerdings, dass Anbieter und Vermittler die hohe Aufmerksamkeit für die Reform in konkrete Vertragsabschlüsse umwandeln können.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht