Wenn ChatGPT zum Versicherungsvermittler wird

Veröffentlichung: 21.05.2026, 10:05 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Darf eine KI konkrete Versicherungsempfehlungen aussprechen, ohne über eine Erlaubnis nach § 34d GewO zu verfügen? Der VOTUM Verband sieht erhelichen Klärungsbedarf und hat sich mit einer Anfrage an BaFin und DIHK gewandt. Im Mittelpunkt stehen Haftungsfragen, Verbraucherschutz und die regulatorische Einordnung KI-basierter Versicherungsberatung.

(PDF)
KI-Chatbots wie ChatGPT oder Claude könnten die Grenzen zwischen digitaler Assistenz und erlaubnispflichtiger Versicherungsberatung zunehmend verschwimmen lassen.KI-Chatbots wie ChatGPT oder Claude könnten die Grenzen zwischen digitaler Assistenz und erlaubnispflichtiger Versicherungsberatung zunehmend verschwimmen lassen.Redaktion experten.de / KI-generiert

Die Debatte um künstliche Intelligenz in der Versicherungsbranche erreicht eine neue regulatorische Dimension. Der VOTUM Verband hat sich mit einer Anfrage an die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) sowie die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) gewandt. Hintergrund sind dokumentierte Fälle, in denen marktführende KI-Systeme wie ChatGPT von OpenAI oder Claude von Anthropic konkrete Versicherungsempfehlungen ausgesprochen haben – inklusive Tarifnennung und individueller Begründung.

Aus Sicht des Verbands berührt dies zentrale Fragen des Versicherungsvertriebsrechts. Denn sobald Systeme nicht mehr nur allgemeine Informationen liefern, sondern individuelle Produktempfehlungen aussprechen, rückt die erlaubnispflichtige Versicherungsvermittlung nach § 34d Gewerbeordnung in den Fokus.
„Sobald ein System nicht mehr nur allgemeine Hinweise gibt, sondern eine individuelle Produktempfehlung ausspricht, bewegt es sich im Bereich der erlaubnispflichtigen Versicherungsberatung", erklärt Martin Klein, geschäftsführender Vorstand des VOTUM Verbands. „Die entscheidende Frage lautet: Wer haftet, wenn der Verbraucher auf Basis einer fehlerhaften KI-Empfehlung eine ungeeignete Versicherung abschließt?"

Zwischen digitalem Assistenten und Versicherungsvermittlung

Der Fall zeigt, wie stark sich die Grenzen zwischen digitaler Unterstützung und regulierter Beratung zunehmend verschieben. KI-Chatbots werden von vielen Nutzern längst nicht mehr nur als Such- oder Textwerkzeuge wahrgenommen, sondern als dialogfähige Assistenten mit hoher fachlicher Kompetenz. Gerade darin sieht der VOTUM Verband jedoch ein Problem. Während klassische Versicherungsvermittler umfangreichen Beratungs-, Dokumentations- und Haftungspflichten unterliegen, existieren für KI-Systeme bislang weder eine berufsrechtliche Zulassung noch vergleichbare Haftungsregelungen.
Der Verband warnt deshalb vor einem möglichen „Haftungsvakuum“. Verbraucher könnten sich auf scheinbar kompetente Empfehlungen verlassen, ohne nachvollziehen zu können, auf welcher Datengrundlage die KI ihre Einschätzung trifft oder ob die Empfehlung überhaupt auf einer ausreichenden Risikoanalyse basiert.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Anders als menschliche Vermittler begleiten KI-Systeme Kunden nicht dauerhaft. Änderungen der Lebenssituation – etwa durch Familiengründung, Immobilienerwerb oder veränderte Einkommensverhältnisse – werden nicht automatisch berücksichtigt.
„Ein wesentlicher Bestandteil qualifizierter Versicherungsvermittlung ist die kontinuierliche Begleitung des Kunden“, betont Martin Klein. „Eine KI-Konversation endet mit dem Schließen des Browserfensters."

Verbraucherschutz als Kernfrage

Im Zentrum der Debatte steht damit weniger die technische Leistungsfähigkeit der Systeme als die Frage nach gleichen regulatorischen Rahmenbedingungen. Der VOTUM Verband betont ausdrücklich, dass KI-Systeme großes Potenzial zur Effizienzsteigerung und Beratungsunterstützung bieten könnten – allerdings nur als Werkzeug qualifizierter Vermittler.
„Die Frage ist nicht, ob wir technologischen Fortschritt wollen. Die Frage ist, ob wir zulassen, dass bewährte Verbraucherschutzstandards durch die Hintertür ausgehebelt werden, nur weil der Berater diesmal kein Mensch, sondern ein Algorithmus ist", so Klein.
Der Verband fordert deshalb eine zeitnahe regulatorische Einordnung durch die zuständigen Behörden. Aus Sicht von VOTUM müsse geklärt werden, ab wann KI-generierte Antworten rechtlich als Versicherungsvermittlung oder Versicherungsberatung einzustufen sind – und wer in solchen Fällen die Verantwortung trägt.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Die Zukunft der KI ist nicht algorithmisch – sie ist dialogisch. Sie entsteht dort, wo Mensch und Modell sich nicht verwechseln, sondern ergänzen.Die Zukunft der KI ist nicht algorithmisch – sie ist dialogisch. Sie entsteht dort, wo Mensch und Modell sich nicht verwechseln, sondern ergänzen.Foto: Adobestock
Kommentar

Intuitiv, aber nicht trivial – Was Unternehmen beim Einsatz generativer KI übersehen

Was aussieht wie Magie, ist in Wahrheit ein Systemrisiko: Warum Unternehmen bei ChatGPT & Co. dringend mehr Kontrolle als Komfort brauchen, erklärt Diplom-Mathematiker Dirk Pappelbaum (Inveda.net) im Gastbeitrag.
photosforyou / pixabay
Digitalisierung

Wie sammelt KI IDD-Bildungszeit?

Wenn künstliche Intelligenz Bedarfsanalysen vorbereitet und Produktempfehlungen generiert, bewegt sie sich funktional im Raum regulierter Beratung. Doch unsere Aufsichtssysteme sind auf Menschen zugeschnitten. Wie reguliert man adaptive Systeme mit statischen Instrumenten?
Simon Moser, Gründer und CEO muffintech GmbHSimon Moser, Gründer und CEO muffintech GmbH
Digitalisierung

„Unsere KI ersetzt keine Vermittler – sie verschafft ihnen Zeit für das, was wirklich zählt“

Künstliche Intelligenz als Entlastung im Vermittleralltag: Mit einem maßgeschneiderten KI-System will muffintech die Versicherungsbranche neu denken. CEO und Gründer Simon Moser berichtet über seinen Weg vom Makler zum Tech-Unternehmer – und wie smarte Prozesse echten Unterschied machen können. Der Text erschien zuerst im expertenReport 10/25.
Jung, digital, anspruchsvoll: Die Studie „Jungmaklermarkt 2025“ zeigt, wie eine neue Maklergeneration den Vertrieb umkrempeln will.Jung, digital, anspruchsvoll: Die Studie „Jungmaklermarkt 2025“ zeigt, wie eine neue Maklergeneration den Vertrieb umkrempeln will.DALL-E
Studien

„Jungmakler definieren aktiv die Zukunft des Versicherungsvertriebs“

Jung, digital, anspruchsvoll: Die Studie „Jungmaklermarkt 2025“ zeigt, wie eine neue Maklergeneration den Vertrieb umkrempelt – mit klaren Werten, neuen Tools und viel Gestaltungslust.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht