Die BKK hat heute ihren Gesundheitsreport 2025 veröffentlicht. Grundlage sind Auswertungen der Arbeitsunfähigkeitsdaten von über vier Millionen beschäftigten Mitgliedern der Betriebskrankenkassen. Die Zahlen beziehen sich auf das Kalenderjahr 2024 und wurden nach Geschlecht und Altersstruktur standardisiert. Damit wird eine vergleichbare Datenbasis für bundesweite und regionale Betrachtungen geschaffen.
Ostdeutschland mit höchsten Fehlzeiten
Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern verzeichnen die höchsten durchschnittlichen Arbeitsunfähigkeitszeiten unter BKK-versicherten Beschäftigten. Der Gesundheitsreport verweist auf zwei strukturelle Merkmale: eine überdurchschnittlich hohe Erwerbsbeteiligung in körperlich beanspruchenden Berufen – und eine geringere Dichte betrieblicher Präventionsangebote. Gesundheit ist nicht gleich verteilt. Und Krankheit selten zufällig.
6,4 Prozent Krankenstand im Jahresdurchschnitt
Der durchschnittliche Krankenstand lag im Jahr 2024 bei 6,4 Prozent – das entspricht rund 23,4 Kalendertagen pro beschäftigtem Mitglied. Gegenüber dem Vorjahr ein leichter Rückgang. Der Wert bleibt jedoch über dem Vor-Corona-Niveau von 2019 (5,0 Prozent). Auffällig: Etwa 45 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage entfielen auf Langzeiterkrankungen mit mehr als 14 Tagen Dauer.
Wie wird der Krankenstand berechnet?
Der Krankenstand misst nicht Fälle, sondern Zeit. Er gibt den Anteil der Kalendertage an, an denen eine durchschnittlich beschäftigte Person arbeitsunfähig ist – ausgedrückt in Prozent. Die Formel lautet: AU-Tage je Mitglied geteilt durch die Kalendertage im Monat oder Jahr, multipliziert mit 100.
Beispiel: Bei 1,62 AU-Tagen im Januar ergibt sich ein Krankenstand von 5,23 Prozent (1,62 / 31 × 100).
Hauptursachen: Rücken, Psyche, Atemwege
Die meisten Fehlzeiten verursachen Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems (23 Prozent), gefolgt von psychischen Störungen (19 Prozent) und Atemwegserkrankungen (18 Prozent). Während Letztere nach den Pandemiejahren rückläufig sind, bleiben die psychischen Diagnosen stabil hoch – mit durchschnittlich 38 Tagen Ausfall pro Fall.
Wer ist wie oft betroffen? Der Einfluss der Tätigkeit
Berufe mit hohem körperlichen Einsatz – Reinigung, Logistik, Produktion, Pflege – weisen deutlich höhere Krankenstände auf als Tätigkeiten in Büro, IT oder Management.
Beispiele aus dem Report:
– Reinigungsberufe: über 9 %
– Verkehr und Logistik: dauerhaft erhöhte Fehlzeiten
– Pflege- und Sozialberufe: häufige und lange Krankschreibungen
– IT, Naturwissenschaften, Unternehmensführung: unterdurchschnittliche Werte
Daraus ergibt sich ein klares Bild: Beschäftigte in körperlich geprägten Berufsfeldern sind häufiger und länger krank – insbesondere durch Muskel- und Skeletterkrankungen sowie psychische Belastung.
Strukturen wirken – nicht nur Symptome
Auffällig ist auch, wie stark sich betriebliche Bedingungen auf den Krankenstand auswirken. Wo Arbeitszeiten starr, Erholungspausen knapp und Einflussmöglichkeiten gering sind, steigen die Fehlzeiten. Flexibilität, Planbarkeit, Pausenkultur – sie entscheiden mit darüber, ob Belastung zur Krankheit wird.
Der Einfluss von Gesundheitsmanagement ist statistisch nachvollziehbar – nicht kausal bewiesen, aber durch wiederkehrende Muster und Unternehmensvergleiche gut belegt. Es geht nicht um einzelne Maßnahmen, sondern um die Gesamtheit betrieblicher Strukturen: Führung, Ergonomie, Erreichbarkeit. Wo sie greifen, sinkt die Zahl der Krankheitstage – oft dauerhaft.
Saisonaler Verlauf: Winter hoch, Sommer stabil
Die monatlichen Krankenstände von 2023 bis 2025 zeigen ein wiederkehrendes Muster.
- Februar bleibt Spitze: Mit 7,7 % im Jahr 2025 der höchste Einzelwert der Reihe.
- Sommermonate entlastet: August 2025 liegt bei 4,9 % – niedrigster Wert.
- Herbst/Winteranstieg abgeschwächt: Oktober 2025 bei 6,2 % – etwas niedriger als im Vorjahr.
Im gleitenden Schnitt liegt der Krankenstand Januar bis Oktober 2025 bei 5,7 Prozent – unter dem Wert von 2024. Die saisonale Dynamik bleibt stabil, Ausschläge nach oben betreffen vor allem das erste Quartal.
Keine individuelle Diagnose – ein strukturelles Muster
Der Krankenstand misst kein Verhalten, sondern Bedingungen. Die Unterschiede nach Branche, Geschlecht und Region folgen bekannten Mustern – dokumentiert, vergleichbar, wiederholbar. Die Krankheit zeigt nicht nur den Körper, sondern auch das System.
In Berufen mit hoher körperlicher Belastung – besonders in Fertigung, Logistik und Pflege – ist das Risiko für lange Ausfallzeiten überdurchschnittlich. Frauen sind zudem häufiger in Teilzeit beschäftigt, übernehmen oft zusätzliche Sorgearbeit und zeigen über alle Regionen hinweg höhere Krankenstände.
Hinzu kommt: In Ostdeutschland dominieren kleinere und mittlere Betriebe – oft ohne eigene Präventionsstrukturen, ohne betriebsärztliche Betreuung, ohne internes Gesundheitsmanagement. Der strukturelle Unterschied zu westdeutschen Großunternehmen lässt sich auch an den Fehlzeiten ablesen.
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