KI im Versicherungsvertrieb: Die Technik ist da – die Organisation fehlt

Veröffentlichung: 09.06.2026, 16:06 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Künstliche Intelligenz gilt als einer der großen Produktivitätstreiber der kommenden Jahre. Doch im deutschen Versicherungsvertrieb ist von dieser Dynamik bislang wenig zu sehen. Das zeigt eine Untersuchung von BSI Software und der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) unter rund 1.900 Ausschließlichkeitsvermittlern.

(PDF)
Die Versicherungsbranche spricht über KI. Die Studie zeigt jedoch: Das eigentliche Problem sind nicht die Tools, sondern die fehlende organisatorische Integration.Die Versicherungsbranche spricht über KI. Die Studie zeigt jedoch: Das eigentliche Problem sind nicht die Tools, sondern die fehlende organisatorische Integration.Experten/KI

Die Ergebnisse zeichnen ein Bild, das deutlich nüchterner ausfällt als die öffentliche Debatte über KI. Die Mehrheit der Vermittler nutzt entsprechende Anwendungen bislang nicht regelmäßig. Gleichzeitig beklagen viele Befragte fehlende Unterstützung und mangelnde technische Ausstattung durch ihre Versicherer.

Zwischen Erwartung und Wirklichkeit klafft eine Lücke

Auf den ersten Blick scheint die Ursache klar. 68 Prozent der Vermittler fühlen sich beim Einsatz von KI schlecht unterstützt, 69 Prozent sehen keine ausreichenden Werkzeuge seitens der Versicherungsunternehmen.

Doch die Zahlen erzählen noch eine zweite Geschichte.

Lediglich 31 Prozent der Befragten nutzen KI häufig oder sehr häufig. Fast vier von zehn Vermittlern setzen die Technologie selten oder gar nicht ein. Gleichzeitig kann mehr als ein Viertel der Befragten die Chancen und Risiken von KI für die eigene Tätigkeit nicht benennen.

Das deutet auf ein strukturelles Problem hin. Die Versicherungswirtschaft diskutiert KI inzwischen als strategische Schlüsseltechnologie. In vielen Vertriebsorganisationen fehlt jedoch noch die operative Verankerung. Zwischen Vorstandspräsentationen und täglicher Vertriebspraxis liegt weiterhin eine erhebliche Umsetzungslücke.

Der eigentliche Engpass liegt in den Prozessen

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die tatsächlichen Anwendungsfälle.

87 Prozent der KI-Nutzer arbeiten mit allgemeinen Chatbots wie ChatGPT oder Microsoft Copilot. Bereits bei weitergehenden Anwendungen bricht die Nutzung stark ein. CRM-Automatisierung erreicht lediglich neun Prozent, Lead-Scoring fünf Prozent.

Genau dort liegt jedoch der eigentliche wirtschaftliche Hebel.

Chatbots verbessern vor allem individuelle Arbeitsabläufe. Sie helfen bei Formulierungen, Recherchen oder der Erstellung von Dokumenten. Produktivitätsgewinne entstehen dabei auf Ebene des einzelnen Mitarbeiters.

Wettbewerbsvorteile entstehen jedoch erst dann, wenn KI in Vertriebssteuerung, Kundenanalyse und Bestandsmanagement integriert wird. Dort entscheidet sich, welche Kunden angesprochen werden, welche Abschlüsse wahrscheinlich sind und welche Risiken frühzeitig erkannt werden können.

Die Studie zeigt daher weniger einen Technologierückstand als einen Organisationsrückstand.

Die Branche steht vor einem Investitionsproblem

Für Versicherer entsteht daraus eine strategische Herausforderung.

Der wirtschaftliche Nutzen von KI setzt Investitionen voraus, die weit über den Einkauf einzelner Anwendungen hinausgehen. Benötigt werden belastbare Datenstrukturen, integrierte CRM-Systeme, klare Governance-Regeln und qualifizierte Mitarbeiter.

Genau diese Vorleistungen belasten zunächst Kosten und Ressourcen. Die Erträge stellen sich häufig erst später ein.

Viele Häuser befinden sich deshalb in einem klassischen Transformationsdilemma: Die Vorteile der Technologie gelten als unstrittig, die notwendigen Investitionen werden jedoch häufig schrittweise und vorsichtig umgesetzt.

Die Folge ist eine Situation, in der KI zwar präsent ist, aber selten tief in die Wertschöpfung eingreift.

Produktivität wird zur neuen Wettbewerbsfrage

Bemerkenswert ist dabei die grundsätzlich positive Haltung der Vermittler. Eine Mehrheit sieht KI als Chance für die eigene Arbeit. Wer die Technologie bereits nutzt, berichtet überwiegend von Produktivitätsgewinnen.

Das spricht gegen die häufig geäußerte These eines kulturellen Widerstands im Vertrieb.

Die entscheidende Trennlinie verläuft zunehmend zwischen Organisationen, die KI systematisch in ihre Prozesse integrieren, und solchen, die bei punktuellen Anwendungen bleiben. Produktivität wird damit zu einer Infrastrukturfrage.

Wer Daten, Systeme und Vertriebsprozesse konsequent verbindet, kann Skaleneffekte erzielen. Wer KI dagegen auf einzelne Werkzeuge reduziert, wird zwar effizienter formulieren, aber nicht zwangsläufig erfolgreicher verkaufen.

Die Studie verweist damit auf einen grundlegenden Wandel der Versicherungswirtschaft. Die entscheidende Herausforderung besteht nicht mehr darin, Mitarbeiter von KI zu überzeugen. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, aus einer neuen Technologie ein funktionierendes Betriebssystem für Vertrieb und Kundenmanagement zu machen. Erst dann wird aus dem KI-Hype ein messbarer Wettbewerbsvorteil.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Sebastian Pitzler, Executive Vice President AI, BSI SoftwareSebastian Pitzler, Executive Vice President AI, BSI SoftwareBSI Software
Tools

KI-Boom ohne Werkzeuge? Ausschließlichkeitsvermittler vermissen Unterstützung der Versicherer

Künstliche Intelligenz gilt als einer der wichtigsten Treiber für Effizienz und Wachstum im Versicherungsvertrieb. Doch eine neue Studie von BSI Software und der Fachhochschule der Wirtschaft zeigt: Viele Ausschließlichkeitsvermittler nutzen KI bislang kaum. Nicht fehlende Offenheit scheint das Problem zu sein, sondern fehlende Werkzeuge, mangelnde Unterstützung und eine aus Sicht vieler Vermittler unzureichende technische Ausstattung.
Ex-Geheimagent Leo Martin spricht bei der LVM über Vertrauen.Ex-Geheimagent Leo Martin spricht bei der LVM über Vertrauen.Uta Kellermann
Termine

Was Versicherer von Geheimagenten über Vertrauen lernen wollen

Vertrauen gilt als einer der wichtigsten Rohstoffe der Versicherungsbranche – und zugleich als zunehmend knappes Gut. Die LVM Versicherung holt deshalb den ehemaligen Geheimagenten und Verfassungsschützer Leo Martin nach Münster. Hinter der Veranstaltung steckt mehr als ein ungewöhnlicher Vortrag: Sie berührt eine Frage, die Versicherer, Vermittler und Kunden gleichermaßen beschäftigt.
Mit dem Ausscheiden vieler erfahrener Beschäftigter gewinnt Wissensmanagement für Versicherer an strategischer Bedeutung.Mit dem Ausscheiden vieler erfahrener Beschäftigter gewinnt Wissensmanagement für Versicherer an strategischer Bedeutung.Redaktion experten.de / KI-generiert
Assekuranz

Wenn das Erfahrungswissen in Rente geht: Versicherer kämpfen gegen den drohenden Wissensverlust

Tausende Beschäftigte der Versicherungswirtschaft stehen kurz vor dem Ruhestand. Gleichzeitig fehlen Nachwuchskräfte und viele traditionelle Lernwege verschwinden durch Automatisierung. Branchenexperten warnen deshalb vor einem oft unterschätzten Risiko: dem Verlust von Erfahrungswissen.
versicherung-kommunikation-email-kundenportal-studie-sirius-campusversicherung-kommunikation-email-kundenportal-studie-sirius-campusDer klassische Briefkasten steht sinnbildlich für den Wandel der Kundenkommunikation: Versicherte bevorzugen heute zunehmend digitale Kontaktwege.Pexels / pixabay
Studien

E-Mail überholt Vermittlerkontakt: Wie sich die Kommunikation mit Versicherern verändert

Zum ersten Mal seit Beginn der Untersuchung liegt die E-Mail in der Gunst der Versicherungskunden vor dem persönlichen Kontakt zu Vermittlern und Beratern. Gleichzeitig gewinnen Kundenportale und digitale Self-Service-Angebote weiter an Bedeutung. Überraschend: Social Media verliert selbst bei jüngeren Kunden an Relevanz. Das zeigt eine aktuelle Studie von Sirius Campus.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht