Junge Deutsche wollen mit 60 in Rente – rechnen aber erst mit 69 Jahren
Die junge Generation in Deutschland blickt skeptisch auf ihre finanzielle Zukunft. Eine aktuelle HDI-Studie zeigt eine erhebliche Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit beim Renteneintritt. Gleichzeitig halten viele zusätzliche private Vorsorge für notwendig – handeln aber noch nicht entsprechend.
Wenn es nach ihren Wünschen geht, würden junge Menschen in Deutschland deutlich früher in den Ruhestand gehen als heutige Rentner. Laut der HDI Rentner-Studie 2026 wünschen sich die 18- bis 35-Jährigen einen durchschnittlichen Renteneintritt mit 60 Jahren. Gleichzeitig rechnen sie selbst damit, tatsächlich erst mit durchschnittlich 69 Jahren in Rente gehen zu können. Damit klafft eine Lücke von neun Jahren zwischen Wunsch und erwarteter Realität.
Erwartungen haben sich drastisch verändert
Zum Vergleich: Die befragten Rentner zwischen 63 und 70 Jahren gingen im Durchschnitt bereits mit 63 Jahren in den Ruhestand. Die Zahlen verdeutlichen, wie stark sich die Erwartungen an das Rentensystem innerhalb weniger Jahrzehnte verändert haben. Viele junge Menschen gehen offenbar davon aus, deutlich länger arbeiten zu müssen als die Generation ihrer Eltern. Dennoch ist die Bereitschaft begrenzt, freiwillig über das Renteneintrittsalter hinaus tätig zu bleiben. Nur 38 Prozent der jungen Befragten können sich vorstellen, länger zu arbeiten.
Finanzielle Sorgen prägen den Blick auf den Ruhestand
Die Skepsis beschränkt sich nicht auf das Renteneintrittsalter. 21 Prozent der jungen Menschen erwarten bereits heute, ihren Lebensstandard im Alter nicht halten zu können. Lediglich 13 Prozent gehen davon aus, später ohne finanzielle Einschränkungen auszukommen. Gleichzeitig sehen viele junge Menschen steigende Lebenshaltungs-, Wohn- und Gesundheitskosten als zentrale Risiken für ihre finanzielle Zukunft. 77 Prozent empfinden die aktuellen Lebenshaltungskosten bereits heute als belastend.
Private Vorsorge wird wichtiger
Drei Viertel der jungen Befragten sind überzeugt, künftig stärker privat vorsorgen zu müssen, um ihren Lebensstandard im Alter zu sichern. Zwischen Erkenntnis und Handeln besteht jedoch weiterhin eine deutliche Lücke. Denn trotz der verbreiteten Sorge verlassen sich 35 Prozent der jungen Menschen nach wie vor ausschließlich auf die gesetzliche Altersvorsorge. Private Vorsorgeprodukte oder Kapitalmarktanlagen spielen bei ihnen bislang keine Rolle.
Aktien vor Versicherung
Bei denjenigen, die privat vorsorgen, zeigt sich ein deutlicher Wandel der Präferenzen. 44 Prozent setzen auf Aktien, Fonds oder Anleihen. Damit liegen Kapitalmarktanlagen vor klassischen privaten Lebens- und Rentenversicherungen, die von 30 Prozent genutzt werden. Ebenfalls beliebt bleiben Spareinlagen mit 37 Prozent. Auch bei der Frage nach den attraktivsten Vorsorgeformen liegen Wertpapiere vorne. 39 Prozent halten Aktien, Fonds und Anleihen für die beste Lösung zur Altersvorsorge. Auf Platz zwei folgt Wohneigentum mit 38 Prozent.
Reformen allein werden nicht reichen
Für Holm Diez, Mitglied des Vorstands der HDI Deutschland AG, zeigt die Studie, dass viele Menschen die Grenzen der gesetzlichen Rente erkannt haben. „Viele Befragte haben einen bemerkenswert nüchternen Blick auf das deutsche Rentensystem und erkennen dessen Grenzen“, sagt Diez. „Ich bin davon überzeugt, dass künftig ein Zusammenspiel aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge für die finanzielle Sicherheit im Alter notwendig sein wird.“
Die Ergebnisse liefern damit auch eine interessante Perspektive auf die aktuelle Altersvorsorgereform. Während die Politik verstärkt auf kapitalmarktorientierte Vorsorgelösungen setzt, scheinen viele junge Menschen deren Notwendigkeit längst erkannt zu haben. Die eigentliche Herausforderung bleibt jedoch, aus dieser Erkenntnis konkretes Vorsorgeverhalten entstehen zu lassen.
Über die Studie:
Die HDI Rentner-Studie wurde 2026 zum dritten Mal in Folge gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut YouGov durchgeführt. Befragt wurden im YouGov-Panel insgesamt 1.079 Rentnerinnen und Rentner zwischen 63 und 70 Jahren sowie 1.021 Personen zwischen 18 und 35 Jahren in Deutschland, die quotiert nach Geschlecht eingeladen wurden. Der Erhebungszeitraum lag zwischen dem 27. März und dem 8. April 2026.
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