„Aussagen von Kanzler Friedrich Merz zur Altersvorsorge bagatellisieren das Problem“

Veröffentlichung: 18.08.2025, 10:08 Uhr - Lesezeit 5 Minuten

Ein Instagram-Video des Bundeskanzlers löst eine hitzige Debatte aus: Friedrich Merz empfiehlt jungen Menschen, schon mit 10 Euro im Monat für die Rente vorzusorgen. Finanzexperte Hermann-Josef Tenhagen widerspricht entschieden – und rechnet vor, warum solche Aussagen gefährlich sind.

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Für Aussagen in einem Social Media-Post wird Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kritisiert (Symbolbild).Für Aussagen in einem Social Media-Post wird Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kritisiert (Symbolbild).DALL-E

Die Diskussion begann mit einem Posting auf Instagram. Dort hatte ein Nutzer Bundeskanzler Friedrich Merz gefragt, ob er sich schon jetzt Sorgen um seine Rente machen müsse. Merz antwortete:

„Nein. Vorausgesetzt (…) du tust in jungen Jahren genug für deine Altersversorgung. Verlass dich nicht nur auf die gesetzliche Rentenversicherung. Ein ganz klein bisschen zu sparen im Monat, 10 Euro, 20 Euro, 50 Euro und das über eine lange Zeit, einfach festlegen, sichert ein sicheres Alterseinkommen. Damit kann man gar nicht früh genug anfangen.“

Diese Aussage stößt auf deutliche Kritik. Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur des unabhängigen Geldratgebers Finanztip, warnt:

„Wenn Friedrich Merz jungen Leuten rät, früh für das Alter vorzusorgen, ist das im Grundsatz richtig und wichtig. Allein auf die gesetzliche Rente sollte sich niemand verlassen. Aber man sollte den jungen Menschen auch nichts vormachen. (…) Die Botschaft von Friedrich Merz, schon 10 oder 20 Euro im Monat reichten für ein sicheres Alterseinkommen, ist irreführend und bagatellisiert das große Problem der Altersvorsorge.“

Zur Verdeutlichung rechnet Tenhagen vor: Wer mit 20 Jahren jeden Monat 10 Euro in einen weltweit gestreuten Aktien-ETF mit sechs Prozent Rendite investiere, verfüge mit 67 Jahren über rund 30.000 Euro – vor Steuern. Soll dieses Kapital bis ans Lebensende reichen, könnten davon jährlich nur etwa drei Prozent entnommen werden. Das ergäbe weniger als 80 Euro im Monat – inflationsbereinigt entspräche dies gerade einmal 30 Euro heutiger Kaufkraft. „Junge Menschen brauchen klare Fakten, keine Nebelkerzen“, betont Tenhagen. „Die für die private Altersvorsorge erforderlichen Summen sind viel höher als Friedrich Merz jungen Nutzern nahelegt. Und als ehemaliger Aufsichtsratschef von Blackrock sollte er es besser wissen.“

Finanztip verweist auf eigene Berechnungen: Eine 20-jährige Person mit einem Jahresbruttogehalt von 30.000 Euro müsse mindestens zehn Prozent ihres Nettogehalts – etwa 190 Euro monatlich – in einen globalen Aktien-ETF investieren, um die spätere Rentenlücke zu schließen. Wer später mit dem Sparen beginnt, müsse den Anteil deutlich erhöhen: Ab dem 30. Lebensjahr seien mindestens 15 Prozent erforderlich. Grundlage dieser Berechnungen seien über 900 Musterfälle von Personen im Alter zwischen 20 und 55 Jahren.

Die Problematik ist laut Tenhagen auch empirisch belegt. Eine repräsentative Finanztip-Umfrage vom Januar 2025 zeigt: 57 Prozent der Menschen, die noch nicht im Ruhestand sind, machen sich große oder sehr große Sorgen um ihre Altersvorsorge. Gleichzeitig verlässt sich mehr als jeder Vierte ausschließlich auf die gesetzliche Rente, ohne zusätzliche Vorsorge zu betreiben.

Vor diesem Hintergrund fordert Tenhagen die Politik auf, das Thema nicht länger zu beschönigen: „Nur mit klarer Kommunikation und verlässlichen Rahmenbedingungen können junge Menschen fundierte Entscheidungen treffen und die private Altersvorsorge realistisch planen.“

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