Fachkräftelücke wächst deutlich: Sozial- und Rentensysteme unter Druck

Veröffentlichung: 15.07.2025, 11:07 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Eine aktuelle Trendfortschreibung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) warnt: Im Jahr 2028 könnten deutschlandweit 768.000 Fachkräfte fehlen – insbesondere in Berufen mit mittlerem Qualifikationsniveau. Die Studie beleuchtet auch die sozialpolitischen Implikationen, etwa mit Blick auf die gesetzliche Rentenversicherung.

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Demografischer Wandel verstärkt Fachkräftemangel

Die IW-Analyse basiert auf der Fortschreibung von Arbeitsmarktdaten zwischen 2017 und 2023. Ein zentrales Ergebnis: Der demografisch bedingte Rückgang an Erwerbspersonen kann selbst durch Zuwanderung nur teilweise kompensiert werden. In Westdeutschland steigt der jährliche demografische Rückgang von rund 67.000 Personen (2017) auf voraussichtlich über 228.000 Personen im Jahr 2028.

Diese Entwicklung hat direkte Auswirkungen auf die Sozialversicherungssysteme, insbesondere auf die umlagefinanzierte gesetzliche Rentenversicherung: Je weniger Menschen erwerbstätig sind, desto geringer fallen die Beitragszahlungen aus – bei gleichzeitig steigendem Rentenbedarf der Babyboomer-Generation.

Versorgungsrelevante Berufe besonders betroffen

Den größten Fachkräfteengpass wird es laut IW weiterhin im Einzelhandel geben. Dort dürften über 40.000 Stellenunbesetzt bleiben, obwohl die Beschäftigung insgesamt sinkt. Der zweite große Engpass betrifft Erzieherberufe, bei denen trotz steigender Beschäftigtenzahlen eine Lücke von rund 30.800 Personen bestehen bleibt.

Auch im Gesundheits- und Pflegebereich ist der Mangel signifikant. So fehlen laut Studie 2028 etwa 21.400 Gesundheits- und Krankenpfleger, bei den Altenpflege-Fachkräften sind es rund 10.900, trotz zuletzt gestiegener Vergütungen und besserer Berufsperspektiven.

Soziale Risiken bei bestimmten Erwerbsbiografien

Besonders problematisch ist die Entwicklung für Personen in von Fachkräftemangel betroffenen Branchen, die zugleich häufig von Teilzeitbeschäftigung und niedrigen Einkommen geprägt sind. Diese Gruppen sind im besonderen Maße von Versorgungslücken im Alter bedroht, da sie seltener auf durchgängige und auskömmliche Versicherungsverläufe zurückblicken können. Rentenansprüche dieser Erwerbsgruppen könnten oft unterhalb des Sicherungsniveaus liegen.

Berufsorientierung reformieren und Erwerbsanreize setzen

IW-Experte Dr. Alexander Burstedde sieht dringenden politischen Handlungsbedarf: Die Politik sollte gezielt über die Chancen in Mangelberufen informieren und Berufsorientierung an allen Schulformen stärken. Auch Maßnahmen zur Förderung längerer Erwerbsverläufe, etwa durch bessere Anreize für spätere Verrentung, seien notwendig. Laut IW könne eine höhere Erwerbsbeteiligung älterer Menschen ab 60 Jahren einen entscheidenden Beitrag zur Sicherung des Arbeitskräfteangebots leisten.

Struktureller Mangel mit Folgen für Sozialversicherung

Die IW-Studie verdeutlicht, dass sich der Fachkräftemangel nicht nur auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, sondern auch auf die Sozialversicherungssysteme auswirkt. Besonders betroffen ist die gesetzliche Rentenversicherung. Der Rückgang der Beschäftigten mit Berufsausbildung – einer Gruppe mit stabilen Erwerbsverläufen – reduziert das Beitragsaufkommen erheblich. In Ostdeutschland wird dieser Rückgang noch schneller verlaufen, da die Verrentungswelle dort früher einsetzt.

Ein weiterer Risikofaktor besteht darin, dass viele der vom Fachkräftemangel betroffenen Berufsgruppen – etwa im Einzelhandel, in der Erziehung oder in der Pflege – durch Teilzeit, niedrige Entgelte und unterbrochene Erwerbsbiografien geprägt sind. Dies erhöht das Risiko, dass Versicherte keine ausreichenden Rentenanwartschaftenerwerben und im Alter auf Grundsicherung angewiesen sind.

Hinzu kommt: Die Lücke bei den ausgebildeten Fachkräften vergrößert sich trotz hoher Ausbildungsaktivitäten, da nicht genügend junge Menschen in Engpassberufe nachrücken. Das IW betont, dass gerade diese Berufe jedoch das Rückgrat der sozialen Sicherung bilden – durch ihre große Zahl, ihre zentrale Rolle in Daseinsvorsorge und Versorgung sowie ihre Beitragsleistung.

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