Staatliche Aktienrente mit Schwachstellen

Veröffentlichung: 08.04.2022, 08:04 Uhr - Lesezeit 8 Minuten

Die Rentenpläne der Regierungsparteien sind, was die gesetzliche Rente angeht, recht klar. Sie soll insgesamt gestärkt und das Umlageverfahren um eine Aktienrente ergänzt werden. Die Pläne zur privaten Altersvorsorge hingegen sind diffuser und lassen viele Fragen offen.

(PDF)
man thinking about taking big risk to reach the other side withman thinking about taking big risk to reach the other side withfran_kie – stock.adobe.com

Im Koalitionsvertrag findet sich dazu ein Prüfauftrag für einen öffentlich verantworteten Fonds, offensichtlich verbunden mit der Absicht, über ein Obligatorium für alle, um in der privaten Altersvorsorge mehr Raum für Aktieninvestments zu geben.

Das Deutsche Institut für Vermögensbildung und Alterssicherung (DIVA) hat im Rahmen des halbjährlich durchgeführten DIVAX Altersvorsorge-Index gefragt, welche Arten der privaten Altersvorsorge die Menschen in Deutschland bevorzugen. Die Ergebnisse liefern der Politik aufbauend auf dem Koalitionsvertrag hilfreiche Erkenntnisse dazu, ob und wie die private Altersvorsorge reformiert werden sollte.

Bürger haben unterschiedliche Präferenzen und Ausgangssituationen

Das entscheidende Ergebnis der Befragung dürfte mit Blick auf die Pläne der Regierungsparteien die große Breite der Vorsorgewünsche der Bürgerinnen und Bürger sein: Die beliebteste Form der Altersvorsorge ist für 66,1 Prozent der Befragten die selbstgenutzte Immobilie. Mit 63,1 Prozent folgt dicht darauf bereits die private Rentenversicherung mit Garantie. Auch der Abstand zu Aktien beziehungsweise Aktienfonds (54,3 Prozent der Nennungen) ist nur moderat.

Die Präferenzen der Bürgerinnen und Bürger bei ihrer privaten Vorsorge seien sehr unterschiedlich und individuell, so Prof. Dr. Michael Heuser, Wissenschaftlicher Direktor des DIVA:

Die breite Streuung der Absicherungswünsche ist ein Indiz dafür, dass die Bürger bei der privaten Altersvorsorge auf ihre individuelle Situation blicken. Das ist naheliegend.

Denn wer beispielsweise eine hohe gesetzliche Rente erwarte, werde sich bei der ergänzenden privaten Altersvorsorge eher für Aktien und Immobilien und weniger für eine zusätzliche private Rente interessieren. Wer hingegen wenig gesetzliche Rente bekommen werde, müsse zunächst das Alterseinkommen absichern. Dafür eigne sich die Privatrente mit Garantie am besten, so Heuser.

Zusätzliches Obligatorium geht an den Interessen der Bürger vorbei

Mit Blick auf die Pläne der Regierungsparteien stellt sich damit die Frage nach der Bürgernähe eines Staatsfonds mit Obligatorium in der privaten Altersvorsorge, in den alle Bürger einzahlen müssten. Dr. Helge Lach, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Vermögensberater (BDV), kommentiert:

Vieles spricht dagegen, neben der gesetzlichen Rente eine zweite Pflichtversicherung für die Rente einzuführen - und das auch noch in der privaten Säule.

Schon heute werden den Bürgern per Zwang fast 10 Prozent vom Brutto für die gesetzliche Rente abgenommen, mit Arbeitgeberanteil sind es aktuell 18,6 Prozent. Am meisten träfe eine weitere Pflichtversicherung die Geringverdiener, denn die haben schon heute zu wenig Netto. Und die anderen haben im Zweifel längst individuell privat vorgesorgt, vertieft Lach. Er ist der Ansicht, dass man die Bürger selbst entscheiden lassen sollte, auf welche Art sie vorsorgen. Nur so bleibe die Individualität erhalten. Er erklärt:

Ein Staatsfonds kann das nicht leisten, denn bei diesem würde nicht mehr der einzelne Bürger für sich selbst, sondern der Fondsverwalter für alle entscheiden, auf welche Art Vorsorge aufgebaut wird.

Die zusätzlichen Zwangsbeiträge würden außerdem bei vielen dazu führen, dass kein Geld mehr übrig bleibe, um zum Beispiel für die eigenen vier Wände zu sparen, ergänzt der BDV-Vorsitzende.

„Opt-Out“ verfängt nicht

Die im Koalitionsvertrag enthaltene Möglichkeit, sich einem Obligatorium durch Nachweis einer alternative Vorsorgemaßnahme zu entziehen („Opt-Out“), hat nach Ansicht von Heuser Schwachstellen, denn es bliebe nichts anderes übrig, als das Obligatorium, so wie die gesetzliche Rente, über die Arbeitgeber abzuwickeln:

Gerade kleine Betriebe müssten dann die sonst von den Vermittlern übernommenen Beratungs- und Abwicklungsleistungen und -kosten der Vermittler übernehmen. Das würde viele überfordern.

Auch bei der Umsetzung würde das Subsidiaritätsprinzip verlassen, denn staatliche Fonds hätten vordergründig immer Kostenvorteile, weil bei einem staatlichen Obligatorium Werbung und Beratung wegfielen und der Staat zudem keine Eigenmittel nachweisen müsse, erklärt Heuser. Ein „Level-Playing-Field“ sei das nicht. Die Privatwirtschaft käme ins Hintertreffen.

Plädoyer für das Riester-Sparen

Fasst man die Befragungsergebnisse und Schlussfolgerungen zusammen, rückt das Riester-Sparen in ein ganz neues, positives Licht. Denn die Bürger können entsprechend ihrer Präferenzen frei wählen: Riester-Rente, Fondssparplan oder Wohn-Riester decken ein breites Spektrum ab. Alle Formen werden mit denselben staatlichen Zulagen gefördert.

Damit spiegelt das Riester-Sparen genau das Bild der Heterogenität der Präferenzen und der Individualität der Ausgangssituationen in der Bevölkerung wider. Außerdem profitieren gerade Bürger mit niedrigen Einkommen besonders, ein sozialpolitisch sehr wünschenswerter Effekt, den es so nur beim Riester-Sparen gibt. Denn die sonst übliche staatliche Förderung über die Steuer kommt im Regelfall bei dieser Bevölkerungsgruppe nicht an.

Lach konstatiert, dass seit Jahren die Anbieter der gesamten Finanzwirtschaft die Politik bitten, das Riester-Sparen zu reformieren, also die Bruttobeitragsgarantie abzuschwächen oder abzuschaffen und das Zulagenverfahren sowie die Förderbedingungen zu vereinfachen.

Bisher sei nichts geschehen, vielleicht, weil Teile der Politik der Finanzwirtschaft immer noch Eigeninteresse unterstellen. Das könne aber gar nicht mehr sein, denn fast alle Anbieter seien inzwischen vom Markt verschwunden. Vielleicht geben die Meinungen der Bürger einen erneuten Anstoß, hofft Lach.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Mann-Papier-ungluecklich-288236678-AS-fizkesMann-Papier-ungluecklich-288236678-AS-fizkesfizkes – stock.adobe.com
Finanzen

DIVAX: Jeder Dritte im Alter unzureichend abgesichert

Die Stimmung der Bürger zur Altersvorsorge in Deutschland sinkt kontinuierlich. 38,7 Prozent schätzen ihre Altersvorsorge als unzureichend ein. Diese pessimistische Einschätzung fällt bei Geringverdienern sowie bei Frauen noch deutlich höher aus.
Mit dem geplanten Altersvorsorgedepot verschiebt sich die staatlich geförderte Altersvorsorge stärker in Richtung Kapitalmarkt und langfristiger Renditechancen.Mit dem geplanten Altersvorsorgedepot verschiebt sich die staatlich geförderte Altersvorsorge stärker in Richtung Kapitalmarkt und langfristiger Renditechancen.Redaktion experten.de / KI-generiert
Hintergrund

Warum die Riester-Rente politisch nicht mehr zu retten war

Mit dem geplanten Altersvorsorgedepot verabschiedet sich die Politik schrittweise von der bisherigen Riester-Logik. Garantien verlieren an Bedeutung, der Kapitalmarkt rückt ins Zentrum – und damit auch die Frage, wie viel Risiko künftig Teil staatlich geförderter Altersvorsorge sein soll.
Der Bundesrat in Berlin: Die Länderkammer spielt eine zentrale Rolle bei der Verabschiedung bundesweiter Gesetze und Reformvorhaben.Der Bundesrat in Berlin: Die Länderkammer spielt eine zentrale Rolle bei der Verabschiedung bundesweiter Gesetze und Reformvorhaben.Redaktion experten.de / KI-generiert
Politik

Altersvorsorgereform passiert Bundesrat – Streit um Staatsfonds und Kosten beginnt erst jetzt

Mit der Zustimmung des Bundesrates ist die Reform der privaten Altersvorsorge beschlossen. Während Branchenverbände die stärkere Kapitalmarktorientierung grundsätzlich begrüßen, wächst zugleich die Kritik an Staatsfonds-Modellen, fehlender Beratung und möglichen Kostenfallen.
Polen startet mit einem Konzept, das anderswo schon Erfolge feiert: Mit einem steuerfreien Anlagesparkonto sollen Bürger Vermögen aufbauen und den Kapitalmarkt stärken.Polen startet mit einem Konzept, das anderswo schon Erfolge feiert: Mit einem steuerfreien Anlagesparkonto sollen Bürger Vermögen aufbauen und den Kapitalmarkt stärken.DALL-E
Fürs Alter

Polen setzt auf steuergefördertes Anlagesparkonto – Deutsche Wirtschaft fordert deutsches Pendant

Polen startet mit einem Konzept, das anderswo schon Erfolge feiert: Mit einem steuerfreien Anlagesparkonto sollen Bürger Vermögen aufbauen und den Kapitalmarkt stärken. Das Deutsche Aktieninstitut fordert, dass Deutschland nicht länger abseitssteht.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht