Stornoprävention: Warum Versicherer Kunden oft zu spät halten wollen

Veröffentlichung: 22.10.2026, 16:10 Uhr - Lesezeit 8 Minuten

Viele Versicherer reagieren erst auf eine Kündigung, statt frühzeitig auf Anzeichen für eine mögliche Abwanderung zu achten. Die Unternehmensberatung Simon-Kucher fordert einen Kurswechsel im Bestandsmanagement. Dabei geht es nicht nur um Daten und KI, sondern auch um eine unbequeme Frage: Welche Kundenbindung lohnt sich wirtschaftlich überhaupt?

(PDF)
Dr. Dirk Schmidt-Gallas, Senior Partner und Gründer der globalen Insurance-Practice von Simon-KucherDr. Dirk Schmidt-Gallas, Senior Partner und Gründer der globalen Insurance-Practice von Simon-KucherSimon-Kucher

Versicherer investieren in Digitalisierung, künstliche Intelligenz und datenbasierte Kundenansprache. Bei der Vermeidung von Vertragskündigungen dominieren nach Einschätzung der Unternehmensberatung Simon-Kucher dennoch häufig reaktive Verfahren. Erst wenn ein Kunde kündigt, beginnt der Versuch, ihn mit einem Gegenangebot zum Bleiben zu bewegen. „Viele Versicherer betreiben Stornoprävention mit den Methoden von Gestern, obwohl sie längst über die Technologien von Morgen verfügen“, kritisiert Dr. Dirk Schmidt-Gallas, Senior Partner und Gründer der Insurance Practice von Simon-Kucher. Dabei entstehe die Entscheidung zur Kündigung meist nicht plötzlich. Häufig gehe ihr eine längere Phase nachlassender Kundenzufriedenheit voraus. Beschwerden, negative Serviceerfahrungen oder ein wachsendes Interesse an Alternativangeboten könnten frühzeitig auf eine gefährdete Kundenbeziehung hinweisen.

Warnsignale erkennen, bevor die Kündigung kommt

Andere vertragsbasierte Branchen wie Telekommunikation und Energie seien bei der systematischen Kundenbindung bereits weiter, argumentiert Simon-Kucher. Auch Versicherer verfügten über umfangreiche Informationen aus Verträgen, Schadenfällen, Servicekontakten und digitalen Anwendungen. Bislang werde die Kundenansprache jedoch vielfach an festen Anlässen ausgerichtet, etwa Beitragsanpassungen oder bevorstehenden Kündigungsfristen. „Viele Versicherer konzentrieren sich allerdings noch immer auf klassische Anlässe wie Beitragsanpassungen oder bevorstehende Kündigungsfristen“, sagt Konstantin Schaller, Partner in der Insurance Practice von Simon-Kucher. Als mögliche Frühindikatoren nennt die Beratung wiederholte Beschwerden, auffällige Tarifvergleiche und häufige Aufrufe von Kündigungsinformationen. Unternehmen mit fortgeschrittenen Verfahren arbeiteten bereits mit 20 bis 30 solcher Signale. Entscheidend sei allerdings nicht allein, möglichst viele Daten zu sammeln. Die Informationen müssten miteinander verknüpft werden und konkrete Reaktionen auslösen – etwa einen persönlichen Kontakt, eine Serviceverbesserung oder die Überprüfung eines bestehenden Vertrags.

Warum Rabatte das eigentliche Problem verfehlen können

Ein weiteres Problem sieht Simon-Kucher in der verbreiteten Praxis, kündigungsgefährdeten Kunden vorschnell Preisnachlässe anzubieten. Denn nicht jede Kündigungsabsicht sei auf einen zu hohen Beitrag zurückzuführen. Hat sich ein Kunde beispielsweise über eine schleppende Schadenregulierung geärgert, dürfte ein Rabatt die Ursache seiner Unzufriedenheit kaum beseitigen. „Wer einem unzufriedenen Kunden nach einer schlechten Schadenregulierung einen Rabatt anbietet, löst nicht sein Problem. Er verschenkt im Zweifel nur Marge“, warnt Schmidt-Gallas. Stattdessen könnten ein klärendes Gespräch, eine verständliche Erklärung oder eine schnellere Bearbeitung wirksamer sein. Für Versicherer bedeutet das, zwischen preisbedingter Wechselbereitschaft und Problemen mit der Servicequalität zu unterscheiden.

Nicht jeder gefährdete Kunde lässt sich zurückgewinnen

Selbst eine zutreffende Prognose des Kündigungsrisikos reicht nach Ansicht der Berater noch nicht aus. Denn sie beantwortet nicht die Frage, ob sich ein Kunde durch eine konkrete Maßnahme überhaupt zum Bleiben bewegen lässt. Manche Versicherte würden ihren Vertrag auch ohne zusätzliche Ansprache fortführen. Andere hätten ihre Wechselentscheidung bereits endgültig getroffen. Maßnahmen für beide Gruppen verursachten Kosten, ohne das Ergebnis wesentlich zu verändern. Hier setzt das sogenannte Uplift Modeling an. Mit diesem statistischen Verfahren soll nicht nur das Abwanderungsrisiko vorhergesagt werden. Es soll auch abgeschätzt werden, bei welchen Kunden eine bestimmte Maßnahme tatsächlich einen zusätzlichen Bindungseffekt erzielt. „Gute Stornoprävention bedeutet auch zu wissen, wann man einen Kunden besser in Ruhe lässt“, erklärt Schaller.

Kundenbindung muss sich wirtschaftlich rechnen

Besonders deutlich wird der Perspektivwechsel bei der Erfolgsmessung. Eine niedrige Stornoquote allein sagt wenig darüber aus, ob Maßnahmen zur Kundenbindung wirtschaftlich sinnvoll waren. Wenn ein Versicherer hohe Rabatte gewährt, zusätzliche Kulanzleistungen erbringt oder besonders aufwendige Betreuungsmaßnahmen finanziert, kann die Fortführung eines Vertrags unter Umständen teurer sein als dessen Verlust. „Ein gehaltener Vertrag ist noch kein wirtschaftlicher Erfolg“, betont Schmidt-Gallas. Die Beratung empfiehlt deshalb, den zukünftigen Kundenwert und die Kosten der Bindungsmaßnahmen stärker zu berücksichtigen. Dabei sollte nicht nur ein einzelner Vertrag betrachtet werden, sondern möglichst die gesamte Kundenbeziehung über verschiedene Versicherungssparten hinweg. Das hat auch Konsequenzen für die Zusammenarbeit zwischen Versicherern und Vermittlern. Denn Erkenntnisse aus dem Servicecenter, der Schadenbearbeitung und digitalen Kontaktpunkten müssen dort ankommen, wo Kunden tatsächlich betreut werden.

Simon-Kucher sieht Verbesserungspotenzial von 20 bis 30 Prozent

Nach Angaben von Schmidt-Gallas zeigen Projekte in der Versicherungswirtschaft und angrenzenden Branchen, dass bei einzelnen Maßnahmen zur Kundenbindung Verbesserungen von 20 bis 30 Prozent möglich seien. Die tatsächlichen Ergebnisse hingen jedoch von der Ausgangssituation und dem Zusammenspiel verschiedener Instrumente ab. Eine allgemeine Erfolgsquote für die gesamte Branche lässt sich daraus nicht ableiten. Simon-Kucher nennt in der Mitteilung weder eine konkrete Stichprobe noch eine einheitliche Kennzahl, auf die sich die Verbesserungsspanne bezieht. Der Ansatz der Beratung zielt damit auf mehr als eine technisch aufgerüstete Kündigungsabwehr: Versicherer sollen früher erkennen, warum Kunden unzufrieden werden, gezielter reagieren und zugleich prüfen, ob der Aufwand wirtschaftlich gerechtfertigt ist.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Ex-Geheimagent Leo Martin spricht bei der LVM über Vertrauen.Ex-Geheimagent Leo Martin spricht bei der LVM über Vertrauen.Uta Kellermann
Termine

Was Versicherer von Geheimagenten über Vertrauen lernen wollen

Vertrauen gilt als einer der wichtigsten Rohstoffe der Versicherungsbranche – und zugleich als zunehmend knappes Gut. Die LVM Versicherung holt deshalb den ehemaligen Geheimagenten und Verfassungsschützer Leo Martin nach Münster. Hinter der Veranstaltung steckt mehr als ein ungewöhnlicher Vortrag: Sie berührt eine Frage, die Versicherer, Vermittler und Kunden gleichermaßen beschäftigt.
Künstliche Intelligenz kann Standardanfragen schneller und günstiger bearbeiten. Doch nicht jeder Kundenkontakt ist reine Routine: Wer ausschließlich auf Effizienz optimiert, riskiert, Beratungsanlässe zu übersehen und Kundenbindung zu verlieren.Künstliche Intelligenz kann Standardanfragen schneller und günstiger bearbeiten. Doch nicht jeder Kundenkontakt ist reine Routine: Wer ausschließlich auf Effizienz optimiert, riskiert, Beratungsanlässe zu übersehen und Kundenbindung zu verlieren.experten.de, KI-generiert
Digitalisierung

KI im Kundenservice: Wenn Effizienz zum Geschäftsrisiko wird

KI soll Kundenservice schneller und günstiger machen. Doch reine Effizienz kann teuer werden: Schlechte Kundenerfahrungen gefährden laut einer internationalen Befragung allein in Deutschland 111 Milliarden US-Dollar Umsatz. Entscheidend ist deshalb, welche Kontakte Unternehmen automatisieren.
Wibke Becker, Generalbevollmächtigte und Leiterin Maklervertrieb beim Continentale Versicherungsverbund, spricht über Konsolidierung, neue Abhängigkeiten und die wachsenden Anforderungen im Maklermarkt.Wibke Becker, Generalbevollmächtigte und Leiterin Maklervertrieb beim Continentale Versicherungsverbund, spricht über Konsolidierung, neue Abhängigkeiten und die wachsenden Anforderungen im Maklermarkt.Continentale/Tim Luhmann
Beratung

„Größe heißt nicht gleich Qualität“: Wibke Becker über die Konsolidierung im Maklermarkt

Der Maklermarkt konsolidiert sich, Einkaufsmacht bündelt sich und digitale Prozesse verändern die Beratung. Wibke Becker, Leiterin Maklervertrieb beim Continentale Versicherungsverbund, spricht im expertenReport über neue Abhängigkeiten im Vertrieb, die Rolle persönlicher Beratung und darüber, warum Vermittler heute auch wissen müssen, was ChatGPT ihren Kunden empfiehlt.
KI kann Versicherungsinformationen aufbereiten und Empfehlungen formulieren. Der BVK sieht bei weitreichenden Entscheidungen weiterhin einen entscheidenden Unterschied zur regulierten persönlichen Beratung.KI kann Versicherungsinformationen aufbereiten und Empfehlungen formulieren. Der BVK sieht bei weitreichenden Entscheidungen weiterhin einen entscheidenden Unterschied zur regulierten persönlichen Beratung.Redaktion experten.de / KI-generiert
Beratung

„KI haftet nicht für Empfehlungen“: BVK warnt vor Versicherungsberatung durch Chatbots

KI-Chatbots werden längst auch bei Versicherungsfragen eingesetzt. Der BVK sieht darin kein Problem, solange sie der Information dienen. Bei konkreten Entscheidungen über Altersvorsorge, Berufsunfähigkeit oder die Absicherung einer Familie zieht der Vermittlerverband jedoch eine Grenze – und verweist auf einen entscheidenden Unterschied zur persönlichen Beratung.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

Beihilfe im Wandel
Ausgabe 10/26

Beihilfe im Wandel

Dr. Günther Blaich, Dr. Gerd Sautter und Fabian Ober - INTER
"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht