Der berechenbarste Gläubiger: Warum das Finanzamt planbarer ist als jede Bank
Das Finanzamt gilt vielen Unternehmern als besonders gefürchteter Gläubiger. Doch gerade diese Angst kann teuer werden. Steffen Thomas, ehemaliger Banker, Unternehmer und Experte für Unternehmenssteuern, erklärt in seinem Gastbeitrag, warum das Finanzamt oft berechenbarer ist als Banken und Lieferanten.
Ich habe Unternehmen aus drei Rollen betrachtet: als Banker, als Unternehmer selbst und als Experte für Unternehmenssteuern. Aus dieser Erfahrung sage ich: Von allen Gläubigern eines Unternehmens ist das Finanzamt der berechenbarste. Unternehmer behandeln es trotzdem wie den gefährlichsten. Dieser Irrtum kostet Liquidität, und Berater sehen ihn früher als ihre Mandanten.
Jedes Unternehmen hat Gläubiger. Lieferanten, Banken, Vermieter, Sozialkassen, das Finanzamt. Wird das Geld knapp, entscheidet der Unternehmer über eine Reihenfolge der Zahlungen. Fast immer entscheidet er falsch. Er bedient den Lieferanten, weil der anruft. Er bedient die Bank, weil sie Macht ausübt. Gegenüber dem Finanzamt schweigt er oft, weil er es fürchtet. Genau diese Reihenfolge erzeugt den Schaden im Unternehmen und kann sogar die Insolvenz bedeuten.
Der einzige Gläubiger, dessen Konditionen im Gesetz stehen
Eine Bank verhandelt ihre Konditionen im Einzelfall. Das Finanzamt verhandelt nichts. Seine Konditionen stehen in der Abgabenordnung, öffentlich einsehbar und für jeden Betrieb identisch.
Eine gestundete Steuer kostet nach § 238 der Abgabenordnung 0,5 Prozent Zinsen im Monat, also sechs Prozent im Jahr. Dieser Satz gilt für den Handwerksbetrieb mit drei Mitarbeitern ebenso wie für den Mittelständler mit 300. Kein Rating, keine Sicherheiten, keine Bonitätsprüfung. Ein Gläubiger mit veröffentlichtem Preis ist planbar. Planbarkeit ist im Liquiditätsmanagement das wertvollste Gut.
Der Preis des Schweigens
Die Stundung setzt einen Antrag mit Begründung voraus. Über einen Antrag, der fehlt, entscheidet niemand.
Wer schweigt, rutscht in die Säumnis. Der Säumniszuschlag beträgt nach § 240 der Abgabenordnung ein Prozent des rückständigen Betrags für jeden angefangenen Monat. Das sind zwölf Prozent im Jahr. Schweigen kostet damit exakt das Doppelte einer Stundung. Die Zinssenkung des Gesetzgebers von 2022 ändert daran nichts, sie gilt allein für Nachzahlungszinsen.
Dazu kommt der Verspätungszuschlag bei zu später Erklärung. Nach § 152 der Abgabenordnung beträgt er 0,25 Prozent der festgesetzten Steuer je angefangenem Monat, mindestens 25 Euro im Monat. Diese Beträge entstehen ohne inhaltliche Prüfung. Sie entstehen durch Zeitablauf.
Was ich als Banker gesehen habe
Eine Bank übt Ermessen aus. Sie kürzt eine Kreditlinie, wenn ihr die Zahlen missfallen. Sie fordert Sicherheiten nach. Sie beendet das Engagement. In meiner Zeit als Banker habe ich erlebt, wie schnell aus einem geduldeten Überziehungsrahmen eine Kündigung wird. Ausschlaggebend war fast nie die Zahl. Ausschlaggebend war das Schweigen davor.
Das Finanzamt kündigt keine Linie. Es vollstreckt. Es vollstreckt erst dann, wenn über Monate niemand geredet hat. Zwischen der ersten Mahnung und der Kontopfändung liegt ein Zeitraum, in dem ein einziger begründeter Antrag den Verlauf ändert.
Warum Berater den Engpass früher sehen als der Unternehmer
Berater in Finanz- und Unternehmensfragen bekommen Einblicke in Zahlen, die der Unternehmer selbst meidet. Wer eine Investition kalkuliert oder eine Finanzierung begleitet, sieht die Umsatzsteuer-Vorauszahlung, die zweimal verschoben wurde. Er sieht das Konto, das am Zehnten leer ist. Das sind Frühwarnsignale, lange bevor eine Bilanz sie zeigt.
Genau dort entsteht Beratungswert. Die Frage nach dem Stand beim Finanzamt gehört in jedes Liquiditätsgespräch. Sie ist unangenehm und sie ist die günstigste Frage im ganzen Termin.
Dieselbe Logik gilt für die Berater selbst. Ein Versicherungsmakler ist Unternehmer. Ein Finanzberater ist Unternehmer. Beide beurteilen fremde Zahlen und schieben die eigenen auf den Jahresabschluss. Zahlenkompetenz gehört zur Unternehmer-DNA, auch im eigenen Büro.
Der Unterschied liegt im Kalender
Am Tatort Unternehmer entsteht der Schaden selten durch eine falsche Zahl. Er entsteht durch ein ungeöffnetes Kuvert. Wer seine betriebswirtschaftliche Auswertung monatlich liest, erkennt den Engpass, solange er ihn noch gestalten kann. Aus einem Unternehmer wird auf diesem Weg ein Zahlenmensch.
Wer beim Engpass zuerst zum Hörer greift, verhandelt mit dem Gläubiger, dessen Preis er kennt. Wer wartet, überlässt die Entscheidung dem Gläubiger, der frei entscheidet.
Über den Autor
Steffen Thomas ist Experte für Unternehmenssteuern. Er vereint drei Perspektiven, die selten zusammentreffen: Er war Banker, führt seit über 20 Jahren eigene Unternehmen und arbeitet seit mehr als 15 Jahren als Steuerexperte. Unter dem Titel „Tatort Unternehmer“ übersetzt er das Zahlenwerk mittelständischer Betriebe in Klartext und begleitet Unternehmer in Wachstums- wie in Krisenphasen. Sein Anliegen: aus Zahlenangst Zahlenkompetenz machen.
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