Sozialbudget erreicht Rekordniveau: Alter und Krankheit treiben die Ausgaben
Deutschlands Sozialbudget ist 2025 auf 32 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen. Dahinter steht nicht allein die schwache Konjunktur: Preisbereinigt sind die Sozialausgaben seit 1992 um rund 70 Prozent gewachsen. Eine neue Analyse des ifo Instituts zeigt, welche Bereiche für den Anstieg verantwortlich sind – und warum der demografische Wandel den Kostendruck weiter verschärfen dürfte.
Das deutsche Sozialbudget wächst langfristig schneller als die Wirtschaftsleistung. Im Jahr 2025 erreichte die Sozialbudgetquote 32 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und damit einen neuen Höchststand. 1992 hatte sie noch bei rund 26 Prozent gelegen.
Auch der Blick auf die absoluten Ausgaben zeigt die Größenordnung der Entwicklung. Nominal stieg das Sozialbudget seit Anfang der 1990er-Jahre von rund 450 Milliarden Euro auf mehr als 1,4 Billionen Euro. Um Preiseffekte bereinigt nahm es von knapp 700 Milliarden auf etwa 1,2 Billionen Euro zu – ein reales Wachstum von rund 70 Prozent.
Das zeigt eine aktuelle Analyse des ifo Instituts, für die Lilly Fischer, Emilie Höslinger, Andreas Peichl und Nicolas von Gregory die Entwicklung des deutschen Sozialbudgets zwischen 1992 und 2025 untersucht haben. Datengrundlage sind die im Juli veröffentlichten Sozialbudgetdaten des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales.
70 Prozent der Sozialausgaben entfallen auf Alter und Krankheit
Entscheidend ist dabei nicht allein, dass das Sozialbudget wächst, sondern wo die zusätzlichen Ausgaben entstehen. Die beiden Funktionen Alter und Krankheit machten bereits 1992 mehr als 60 Prozent der gesamten Sozialausgaben aus. Bis 2025 ist ihr Anteil auf rund 70 Prozent gestiegen. Die realen Ausgaben für Alter haben sich in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt, die Ausgaben für Krankheit sind um mehr als 80 Prozent gestiegen. Zusammengenommen erklären beide Bereiche mehr als 81 Prozent des gesamten realen Ausgabenzuwachses seit 1992.
„Die Ausgaben für Alter und Krankheit machen 2025 zusammen rund 70 Prozent der gesamten Sozialausgaben aus und sind für über 80 Prozent des realen Ausgabenzuwachses seit 1992 verantwortlich“, erklärt ifo-Forscherin Lilly Fischer. Für die Wissenschaftler ist der demografische Wandel deshalb der zentrale strukturelle Kostentreiber. Eine alternde Bevölkerung lässt nicht nur die Bedeutung der Alterssicherung wachsen, sondern erhöht zugleich den Versorgungs- und Behandlungsbedarf.
Arbeitslosigkeit verliert an Gewicht
Andere Sozialleistungen entwickeln sich teilweise ganz anders. Die preisbereinigten Ausgaben für Arbeitslosigkeit, Hinterbliebene und Ehegattenleistungen sind seit 1992 gesunken. Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung bei der Arbeitslosigkeit: Nach den Hartz-Reformen und während der guten Arbeitsmarktentwicklung bis 2019 verlor dieser Ausgabenblock erheblich an Gewicht.
Gestiegen sind dagegen unter anderem die Leistungen für Kinder. Sie nahmen zwischen 1992 und 2025 real um 152 Prozent zu und erklären knapp 17 Prozent des gesamten realen Ausgabenwachstums.
Auch die steuerfinanzierten Förder- und Fürsorgesysteme sind gewachsen. Sie machen inzwischen knapp ein Fünftel des Sozialbudgets aus; ihre realen Ausgaben haben sich seit 1992 um 135 Prozent erhöht. Dazu zählen beispielsweise Familienleistungen, Grundsicherung, Kinder- und Jugendhilfe sowie Wohngeld.
Seit 2019 weitere 121 Milliarden Euro in Preisen von 2020
Auch die jüngste Entwicklung zeigt nach der ifo-Analyse nach oben. Das reale Sozialbudget stieg von rund 1,053 Billionen Euro im Jahr 2019 auf knapp 1,174 Billionen Euro im Jahr 2025. Das entspricht einem preisbereinigten Plus von 11,5 Prozent beziehungsweise rund 121 Milliarden Euro. Die Sozialbudgetquote erhöhte sich im selben Zeitraum von 29,6 auf 32 Prozent. Dabei mahnen die Autoren allerdings zu einer differenzierten Interpretation: In den Rezessionsjahren 2023 und 2024 stagnierte oder schrumpfte das reale BIP. Dadurch steigt die Quote schon rechnerisch, weil die Wirtschaftsleistung im Nenner schwächer wächst. „Das Sozialbudget wächst schneller als das Bruttoinlandsprodukt. Deshalb trägt auch die schwache Konjunktur dazu bei, dass die Sozialbudgetquote steigt“, sagt ifo-Forscherin Emilie Höslinger. Die Konjunktur erklärt den Anstieg jedoch nur teilweise. Denn zugleich sind die Sozialausgaben real gestiegen.
Demografie dominiert auch die jüngste Entwicklung
Und auch zwischen 2019 und 2025 zeigt sich das langfristige Muster: Alter und Krankheit erklären allein 69 Prozent des realen Ausgabenwachstums. Bei der gesetzlichen Krankenversicherung treffen steigende Leistungsausgaben auf eine alternde Versichertenbasis. In der Pflegeversicherung kommt zur Demografie die Ausweitung von Leistungsansprüchen durch Reformen hinzu. Bei der gesetzlichen Rentenversicherung wirken neben der Bevölkerungsentwicklung politische Eingriffe wie die Aussetzung von Ausgleichs- und Nachhaltigkeitsfaktor.
Damit unterscheidet sich der demografische Kostendruck von vorübergehenden Ausschlägen in Krisenzeiten. Während das Sozialbudget beispielsweise 2009 und 2020 seine Funktion als automatischer Stabilisator erfüllte, sehen die Forscher bei Alter und Krankheit einen dauerhaften Ausgabentrend.
Sozialstaat stabilisiert in Krisen – steht aber strukturell unter Druck
Die ifo-Analyse zeichnet damit kein ausschließlich negatives Bild steigender Sozialausgaben. Gerade die Ausschläge während der Finanzkrise und der Corona-Pandemie zeigen nach Einschätzung der Autoren, dass der Sozialstaat konjunkturelle Schocks abfedert: Während die Wirtschaftsleistung zurückgeht, stabilisieren Transferleistungen Einkommen und Konsum.
Das strukturelle Problem liegt an anderer Stelle. Der demografische Wandel erhöht dauerhaft die Ausgaben in jenen Bereichen, die ohnehin den größten Teil des Sozialbudgets ausmachen. Zugleich verschiebt sich die Finanzierungslast zwischen den Generationen.
Im Fazit sprechen die Wissenschaftler deshalb von einem „persistenten Ausgabendruck“. Für Reformen komme es darauf an, nicht lediglich Zuständigkeiten oder Finanzierungswege zwischen Institutionen zu verschieben, sondern die funktionale Struktur der Sicherungssysteme in den Blick zu nehmen.
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