Auszahlphase: Wenn aus Pensionsrückstellungen Rentenzahlungen werden
Mit dem Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand beginnt für die betriebliche Altersversorgung eine neue Phase. Jahrzehntelang standen Aufbau und Finanzierung der Pensionsverpflichtungen im Mittelpunkt. Nun rückt zunehmend die Auszahlung der zugesagten Betriebsrenten immer näher – mit Folgen für Unternehmen, Beschäftigte und Berater.
Die geburtenstarken Jahrgänge erreichen das Rentenalter. Damit verändert sich auch die betriebliche Altersversorgung. Die DAX-Konzerne zahlten 2025 bereits knapp 16 Milliarden Euro an Betriebsrenten und sonstigen Versorgungsleistungen aus. Experten erwarten, dass dieser Betrag in den kommenden Jahren weiter steigt. Für Unternehmen markiert dies den Übergang von der Anspar- in die Auszahlphase ihrer Versorgungssysteme.
Jahrzehntelang stand der Aufbau im Mittelpunkt
Über viele Jahre wurde die betriebliche Altersversorgung vor allem unter bilanziellen Gesichtspunkten diskutiert. Themen wie Rechnungszins, Pensionsrückstellungen oder Planvermögen bestimmten die Debatte. Mit dem Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand verschiebt sich dieser Blickwinkel nun spürbar.
Wie aus der aktuellen DAX-Geschäftsberichtsanalyse des Beratungsunternehmens Aon hervorgeht, zahlten die größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands im Jahr 2025 bereits knapp 16 Milliarden Euro an Betriebsrenten und sonstigen Versorgungsleistungen aus. Für 2026 rechnen die Autoren mit einem weiteren Anstieg der Auszahlungen. Die betriebliche Altersversorgung tritt damit zunehmend in ihre Auszahlungsphase ein.
Die Babyboomer verändern die Versorgungssysteme
Die Entwicklung kommt nicht überraschend. Seit Anfang 2026 erreichen die geburtenstarken Jahrgänge nach und nach das Rentenalter. Während in den vergangenen Jahrzehnten vor allem neue Versorgungsansprüche aufgebaut wurden, rücken nun diejenigen Beschäftigten in den Mittelpunkt, die ihre Betriebsrenten tatsächlich beziehen. Für Unternehmen bedeutet das einen Perspektivwechsel. Nicht mehr allein die Finanzierung künftiger Verpflichtungen steht im Vordergrund, sondern die verlässliche Erfüllung bereits gegebener Versorgungszusagen. Dass die Unternehmen für diese Phase gut vorbereitet sind, zeigt auch der hohe Ausfinanzierungsgrad der Pensionspläne. Die DAX-Konzerne sichern ihre Betriebsrenten heute so solide ab wie seit Jahren nicht mehr.
Hohe Deckungsgrade schaffen Stabilität
Die Voraussetzungen für den Übergang in die Auszahlungsphase sind günstig. Der durchschnittliche Deckungsgrad der DAX-Pensionspläne stieg 2025 von 81 auf 87 Prozent. Bereits rund jeder vierte DAX-Konzern verfügt inzwischen über vollständig ausfinanzierte Pensionsverpflichtungen. Gleichzeitig entlasten höhere Rechnungszinsen die Unternehmensbilanzen, weil der heutige Barwert künftiger Rentenzahlungen sinkt. Für Beschäftigte bedeutet dies vor allem eines: Die finanziellen Grundlagen für die zugesagten Betriebsrenten sind heute vielfach robuster als noch vor wenigen Jahren. „Sollte sich das Zinsniveau bis Jahresende auf hohem Niveau stabilisieren oder sogar weiter steigen, werden wir weitere DAX-Konzerne mit vollständig ausfinanzierten Pensionsverpflichtungen sehen“, prognostiziert Christoph Tellmann, Senior Consultant bei Aon Wealth Solutions Germany.
Aus Versorgungssystemen werden Versorgungspraxis
Mit den steigenden Rentenzahlungen verändert sich auch die Wahrnehmung der betrieblichen Altersversorgung innerhalb der Unternehmen. Für jüngere Beschäftigte ist die Betriebsrente häufig ein abstrakter Bestandteil ihres Vergütungspakets. Mit jeder Kollegin und jedem Kollegen, die oder der tatsächlich Betriebsrente bezieht, wird das Versorgungssystem greifbarer. Damit wächst zugleich die Bedeutung einer verständlichen Kommunikation. Beschäftigte müssen nachvollziehen können, welche Leistungen ihnen zustehen, wie Arbeitgeberbeiträge wirken und welche Auszahlungsformen möglich sind.
Gerade weil die Betriebsrente sichtbarer wird, gewinnt sie auch als Bestandteil der Arbeitgebermarke weiter an Bedeutung.
Demografischer Wandel verändert die Beratung
Für Vermittler und Berater entstehen dadurch neue Aufgaben. Während bislang häufig die Einführung oder Optimierung betrieblicher Versorgungssysteme im Mittelpunkt stand, rücken künftig Fragen rund um Leistungsbezug, Kommunikation und Nachfolge stärker in den Vordergrund.
Parallel müssen Unternehmen weiterhin neue Beschäftigte für die betriebliche Altersversorgung gewinnen. Die Auszahlungsphase der Babyboomer fällt damit zeitlich zusammen mit der Aufgabe, jüngere Generationen für langfristige Vorsorge zu sensibilisieren. Während die Babyboomer ihre Betriebsrenten beziehen, diskutiert die Politik bereits neue kapitalgedeckte Vorsorgemodelle für die jüngsten Generationen.
Zwei Generationen, zwei Perspektiven
Diese Gleichzeitigkeit macht die aktuelle Entwicklung besonders. Auf der einen Seite beginnt die größte Auszahlungswelle in der Geschichte der betrieblichen Altersversorgung. Auf der anderen Seite entstehen mit Frühstartrente und Altersvorsorgedepot neue Konzepte, um jüngere Menschen früher an kapitalgedeckte Vorsorge heranzuführen.
Die betriebliche Altersversorgung steht damit zwischen zwei Generationen: Sie erfüllt heute jahrzehntelang aufgebaute Versorgungszusagen und bleibt zugleich ein wichtiger Bestandteil der langfristigen Personalstrategie vieler Unternehmen.
Mehr als eine Bilanzkennzahl
Die Aon-Analyse zeigt damit weit mehr als sinkende Pensionsrückstellungen oder steigende Deckungsgrade. Sie markiert einen demografischen Wendepunkt. Aus jahrzehntelang aufgebauten Verpflichtungen werden nun laufende Rentenzahlungen. Für Unternehmen beginnt damit eine Phase, in der sich die Qualität ihrer Versorgungssysteme nicht mehr nur in Geschäftsberichten, sondern zunehmend im Alltag tausender Ruheständler zeigt.
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