Bauzinsen allein sind nicht mehr das Problem – was Hauskäufer jetzt ausbremst

Veröffentlichung: 31.07.2026, 11:07 Uhr - Lesezeit 7 Minuten

Die Zinsen bleiben hoch. Trotzdem entscheidet heute nicht mehr der Kreditzins über den Immobilienkauf. Die neue Interhyp-IW-Studie zeigt, warum Einkommen, Arbeitsmarkt und Wohnungsangebot wichtiger geworden sind.

(PDF)
Hohe Bauzinsen bremsen den Immobilienmarkt nicht mehr allein. Die neue Interhyp-IW-Studie zeigt, warum Einkommen, Arbeitsmarkt und Wohnungsangebot heute wichtiger sind.Hohe Bauzinsen bremsen den Immobilienmarkt nicht mehr allein. Die neue Interhyp-IW-Studie zeigt, warum Einkommen, Arbeitsmarkt und Wohnungsangebot heute wichtiger sind.Experten/KI

Jahrelang schien die Rechnung einfach: Steigende Bauzinsen verteuern die Finanzierung, die Nachfrage bricht ein, der Traum vom Eigenheim rückt in weite Ferne. Dieses Erklärungsmodell greift inzwischen zu kurz. Denn der Immobilienmarkt hat sich an das höhere Zinsniveau angepasst. Nicht der Preis des Geldes entscheidet heute über den Hauskauf, sondern die wirtschaftliche Perspektive der Käufer.

Genau das zeigt die aktuelle Erschwinglichkeitsstudie von Interhyp und dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Der bundesweite Erschwinglichkeitsindex für Einfamilienhäuser liegt mit 103 Punkten praktisch auf dem Niveau des Vorjahres. Trotz höherer Finanzierungskosten bleibt die Belastung für viele Haushalte stabil, weil die Einkommen gestiegen sind. Die höheren Kreditraten werden derzeit weitgehend durch Lohnzuwächse kompensiert.

Bauzinsen haben ihren Schockeffekt verloren

Das bedeutet keineswegs, dass Immobilien plötzlich günstig geworden sind. Es bedeutet vielmehr, dass sich der Markt neu sortiert hat.

Nach dem abrupten Zinsanstieg der Jahre 2022 und 2023 mussten Käufer, Verkäufer und Banken ihre Erwartungen grundlegend verändern. Heute kalkulieren Familien dauerhaft mit höheren Finanzierungskosten. Verkäufer wissen, dass die Zeit rasant steigender Preise vorbei ist. Banken finanzieren konservativer. Aus dem Zins-Schock ist ein neuer Marktstandard geworden.

Gerade deshalb verlieren die Bauzinsen ihre Rolle als alleiniger Taktgeber. Sie setzen weiterhin den finanziellen Rahmen einer Finanzierung. Ob eine Familie tatsächlich kauft, hängt inzwischen aber stärker von der Sicherheit des Arbeitsplatzes, der Einkommensentwicklung und den regionalen Immobilienpreisen ab.

Warum sinkende Bauzinsen das Wohnungsproblem nicht lösen

Besonders deutlich wird dieser Wandel in den Metropolregionen. Dort hat sich die Erschwinglichkeit zwar leicht verbessert, dennoch müssen Käufer im Durchschnitt noch immer rund 44 Prozent ihres verfügbaren Nettoeinkommens für die Finanzierung aufbringen. Damit liegen die Ballungsräume deutlich über der Schwelle, die als dauerhaft tragfähig gilt.

Der Engpass liegt deshalb längst nicht mehr allein beim Kreditzins. Zu wenig Bauland, hohe Baukosten, langwierige Genehmigungsverfahren und ein knappes Wohnungsangebot halten die Preise hoch. Selbst wenn die Europäische Zentralbank ihre Geldpolitik weiter lockern sollte, würde das den Wohnungsmangel kaum beseitigen.

Die Debatte über Bauzinsen droht damit den Blick auf das eigentliche Problem zu verstellen: Deutschland baut weiterhin zu wenig Wohnraum.

Die überraschenden Gewinner der Immobilienkrise

Besonders aufschlussreich sind die Ergebnisse aus klassischen Automobilregionen wie Wolfsburg, Ingolstadt oder Schweinfurt. Dort steigt die rechnerische Erschwinglichkeit teilweise deutlich.

Was zunächst positiv klingt, ist ökonomisch allerdings ein Warnsignal. Denn die Häuser werden dort nicht deshalb erschwinglicher, weil Finanzierungen günstiger geworden wären. Vielmehr bremst die schwächere wirtschaftliche Entwicklung die Nachfrage nach Wohneigentum. Unsichere Beschäftigungsaussichten drücken die Kaufbereitschaft – und damit auch den Preisdruck am Immobilienmarkt.

Die Studie macht damit auf einen wichtigen Zusammenhang aufmerksam: Ein steigender Erschwinglichkeitsindex ist nicht automatisch Ausdruck eines gesunden Immobilienmarktes. Er kann ebenso ein Hinweis auf nachlassende wirtschaftliche Dynamik sein.

Hauskäufer rechnen heute anders

Auch auf Objektebene verändert sich das Kaufverhalten. Käufer betrachten nicht mehr allein die monatliche Kreditrate, sondern die gesamten Kosten einer Immobilie über viele Jahre hinweg.

Davon profitieren Häuser der Energieeffizienzklasse D. Sie kosten je nach Region sieben bis elf Prozent weniger als besonders energieeffiziente Gebäude und bieten für viele Käufer einen wirtschaftlich attraktiven Mittelweg zwischen Kaufpreis und kalkulierbarem Sanierungsaufwand. Energieeffizienz entwickelt sich damit immer stärker zu einem eigenständigen Preisfaktor am Immobilienmarkt.

Der Immobilienmarkt folgt neuen Regeln

Die Interhyp-IW-Studie markiert deshalb einen Perspektivwechsel. Die Zeit, in der sich der Immobilienmarkt fast ausschließlich über den Bauzins erklären ließ, ist vorbei. Finanzierungskosten bleiben wichtig, bestimmen aber nicht mehr allein die Kaufentscheidung.

Entscheidend werden künftig stabile Einkommen, regionale Wirtschaftsstrukturen und vor allem ein größeres Wohnungsangebot sein. Solange diese Faktoren unverändert bleiben, werden auch sinkende Bauzinsen den Traum vom Eigenheim nur begrenzt näher rücken lassen.

Der eigentliche Engpass ist heute nicht mehr der Preis des Geldes. Es ist die Knappheit von Wohnraum – und die Unsicherheit darüber, wie sich Einkommen und Arbeitsplätze künftig entwickeln.


Quelle: Interhyp/IW-Erschwinglichkeitsindex, Studie zur Erschwinglichkeit von Einfamilienhäusern in 400 deutschen Landkreisen und kreisfreien Städten, Stand Juni 2026, veröffentlicht am 29. Juli 2026.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Für viele Menschen bleibt das eigene Haus ein wichtiges Lebensziel. Steigende Baukosten, hohe Immobilienpreise und schwierige Finanzierungsbedingungen erschweren jedoch den Weg ins Eigenheim.Für viele Menschen bleibt das eigene Haus ein wichtiges Lebensziel. Steigende Baukosten, hohe Immobilienpreise und schwierige Finanzierungsbedingungen erschweren jedoch den Weg ins Eigenheim.Redaktion experten.de / KI-generiert
Immobilien

Eigenheim bleibt Wunschtraum: Viele Käufer unterschätzen den Weg zum Eigenkapital

Der Wunsch nach Wohneigentum bleibt in Deutschland ungebrochen. Gleichzeitig zeigt eine aktuelle Studie von Interhyp: Viele Kaufinteressenten kalkulieren zu optimistisch. Mehr als die Hälfte glaubt, das notwendige Eigenkapital innerhalb von fünf Jahren ansparen zu können. Die Erfahrungen tatsächlicher Käufer zeichnen jedoch ein deutlich anderes Bild.
Eine IW-Studie sieht Deutschland bei der steuerlichen Förderung selbst genutzten Wohneigentums im europäischen Vergleich auf einem Sonderweg.Eine IW-Studie sieht Deutschland bei der steuerlichen Förderung selbst genutzten Wohneigentums im europäischen Vergleich auf einem Sonderweg.OleksandrPidvalnyi / pixabay
Immobilien

Eigenheim: Deutschland benachteiligt Selbstnutzer steuerlich

Wer in Deutschland eine Wohnung oder ein Haus selbst nutzt, fährt steuerlich deutlich schlechter als Vermieter. Eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt: Im europäischen Vergleich nimmt Deutschland damit eine Sonderrolle ein.
IVD-Präsident Dirk WohltorfIVD-Präsident Dirk WohltorfIVD, Thomas Rafalzyk
Immobilien

Eigentum als Aufstiegsversprechen: IVD kritisiert Hürden beim Immobilienerwerb

Wohneigentum gilt für viele Menschen als wichtiger Baustein für Vermögensaufbau und Altersvorsorge. Doch nach Ansicht des Immobilienverbands Deutschland (IVD) wird der Weg ins Eigenheim zunehmend erschwert. Auf dem Deutschen Immobilientag in Erfurt forderte der Verband einen wohnungspolitischen Kurswechsel und mehr Unterstützung für Ersterwerber.
Private Vermieter prägen den deutschen Mietwohnungsmarkt. Gleichzeitig sorgen hohe Kosten, regulatorische Anforderungen und politische Unsicherheiten dafür, dass viele Eigentümer geplante energetische Modernisierungen zurückstellen.Private Vermieter prägen den deutschen Mietwohnungsmarkt. Gleichzeitig sorgen hohe Kosten, regulatorische Anforderungen und politische Unsicherheiten dafür, dass viele Eigentümer geplante energetische Modernisierungen zurückstellen.Redaktion experten.de / KI-generie
Immobilien

Vermieterreport 2026: Politik verunsichert private Eigentümer

Private Vermieter stellen fast zwei Drittel aller Mietwohnungen in Deutschland. Doch bei energetischen Sanierungen treten viele auf die Bremse. Laut Vermieterreport 2026 planen 59 Prozent derzeit keine größeren Modernisierungsmaßnahmen. Als Ursache sehen viele Eigentümer fehlende Planungssicherheit und unklare politische Rahmenbedingungen.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht