Der Traum vom Eigenheim trifft auf einen Markt, der nicht passt

Veröffentlichung: 13.08.2026, 06:08 Uhr - Lesezeit 10 Minuten

Der Traum vom eigenen Haus ist ungebrochen. Ein Stück Land, vier Wände, Platz für die Familie und die Aussicht, im Alter keine Miete mehr zahlen zu müssen: Das Einfamilienhaus bleibt für viele Haushalte ein zentraler Baustein des privaten Vermögensaufbaus. Doch zwischen dem Wunsch nach Eigentum und dem tatsächlich verfügbaren Angebot öffnet sich eine Lücke.

(PDF)
Der Traum vom Eigenheim lebt. Doch immer häufiger steht das falsche Haus am falschen Ort zum falschen Preis. Was die Verschiebung von Angebot und Nachfrage über den deutschen Immobilienmarkt verrät.Der Traum vom Eigenheim lebt. Doch immer häufiger steht das falsche Haus am falschen Ort zum falschen Preis. Was die Verschiebung von Angebot und Nachfrage über den deutschen Immobilienmarkt verrät.Experten/KI

Eine aktuelle Analyse von ImmoScout24 zeigt, dass diese Lücke nicht überall gleich aussieht. In den Metropolen stehen vergleichsweise viele Häuser jenseits der Millionengrenze zum Verkauf. Im Umland und in kreisfreien Städten suchen Interessenten vor allem im deutlich niedrigeren Preissegment. Und auf dem Land gibt es zwar viele günstige Häuser – doch ausgerechnet diese finden relativ weniger Nachfrage.

Das Problem des Eigenheimmarktes ist damit nicht allein, dass Häuser teuer oder knapp sind. Angebot, Kaufkraft und die Qualität der verfügbaren Immobilien passen regional immer weniger zusammen.

In der Großstadt endet der Traum häufig an der Finanzierung

Besonders sichtbar wird das in den acht größten deutschen Städten. Zwar befinden sich dort nur rund sechs Prozent der auf ImmoScout24 angebotenen Einfamilienhäuser. Doch mehr als jedes dritte davon kostet über eine Million Euro. 34 Prozent des Angebots entfallen auf diese Preisklasse, aber nur 24 Prozent der Kontaktanfragen.

Gesucht wird eine Etage darunter. Auf Häuser zwischen 500.000 und 750.000 Euro entfallen 30 Prozent der Anfragen, während ihr Anteil am Angebot bei 27 Prozent liegt.

Das ist mehr als eine statistische Verschiebung. Es markiert die finanzielle Grenze eines Teils der Nachfrage. Hohe Grundstückspreise und ein knappes Angebot halten die Preisvorstellungen der Verkäufer hoch. Gleichzeitig bestimmen Einkommen, Eigenkapital und Finanzierungskosten, welcher Kaufpreis für Haushalte tatsächlich tragfähig ist.

Damit entsteht eine ungewöhnliche Konstellation: Das Einfamilienhaus bleibt in der Metropole knapp, aber ein Teil des knappen Angebots liegt trotzdem oberhalb dessen, was der Markt in gleicher Größenordnung nachfragt.

cms.miojv

Das Umland wird zum eigentlichen Engpass

Wer sich das Haus in der Großstadt nicht leisten kann, weicht traditionell auf das Umland aus. Doch genau dort konzentriert sich inzwischen die Nachfrage in einem engen Preiskorridor.

47 Prozent der Kontaktanfragen im Metropolen-Umland entfallen auf Häuser zwischen 250.000 und 500.000 Euro. Nur 39 Prozent der angebotenen Häuser liegen in diesem Segment. In den kreisfreien Städten ist das Bild ähnlich: 49 Prozent der Nachfrage treffen auf 42 Prozent des Angebots.

Der Traum vom Eigenheim verschwindet also nicht. Er wandert.

Damit verändert sich die ökonomische Funktion des Umlands. Es ist nicht mehr lediglich die günstigere Alternative zur Großstadt, sondern wird selbst zum Knappheitsmarkt für Haushalte mit begrenztem Finanzierungsrahmen. Gute Verkehrsanbindungen, Schulen, Infrastruktur und akzeptable Pendelzeiten werden dadurch zusätzlich preisbildend.

Das kann einen selbstverstärkenden Effekt auslösen: Je mehr Nachfrage aus den Metropolen in gut angebundene Regionen ausweicht, desto stärker geraten dort gerade jene Immobilien unter Preisdruck, die bislang als bezahlbare Alternative galten.

Auf dem Land wartet das günstige Haus – aber nicht unbedingt das gesuchte

Eigentlich müsste der ländliche Raum der Gewinner dieser Entwicklung sein. Dort kostet knapp jedes dritte angebotene Einfamilienhaus weniger als 250.000 Euro. Doch nur 26 Prozent der Kontaktanfragen entfallen auf diese günstigen Objekte.

Stattdessen konzentriert sich auch auf dem Land fast die Hälfte der Nachfrage auf Häuser zwischen 250.000 und 500.000 Euro. 49 Prozent der Kontaktanfragen treffen dort auf einen Angebotsanteil von 44 Prozent.

Der niedrige Preis allein zieht also nicht.

Dahinter steckt eine entscheidende Verschiebung in der Kalkulation von Käufern. Ein Haus für 200.000 Euro ist nicht zwingend günstiger als eines für 350.000 Euro. Ist das preiswerte Gebäude älter und müssen Dach, Heizung, Fenster oder Gebäudehülle erneuert werden, kann sich der vermeintliche Preisvorteil schnell auflösen.

Hinzu kommt der Standort. Pendelwege, Infrastruktur, Arbeitsmarkt, Schulen und die Aussicht auf einen späteren Wiederverkauf gehören wirtschaftlich ebenfalls zur Immobilie. Der Markt bewertet deshalb nicht nur den Kaufpreis, sondern zunehmend die Kosten und Risiken, die hinter diesem Preis stehen.

Aus dem Kaufpreis wird eine Gesamtkostenrechnung

Genau darin liegt die strukturelle Aussage der ImmoScout24-Daten. Kontaktanfragen sind zwar noch keine Käufe und erlauben keine unmittelbare Aussage über tatsächlich erzielte Transaktionspreise. Sie zeigen aber, in welchen Segmenten Kaufinteressenten überhaupt bereit sind, sich näher mit einem Objekt zu beschäftigen.

Die klassische Annahme, dass ein niedrigerer Preis automatisch mehr Nachfrage erzeugt, verliert damit an Erklärungskraft.

Nach Jahren gestiegener Immobilienpreise, höherer Finanzierungskosten und einer intensiveren Debatte über energetische Anforderungen wird der Immobilienkauf stärker zur Gesamtkostenrechnung. Kaufpreis, Zinsbelastung, Sanierungsbedarf, Energieverbrauch und Standortperspektive werden gemeinsam betrachtet.

Das dürfte auch die Preisbildung verändern. Häuser mit erheblichem Investitionsstau benötigen stärkere Abschläge, wenn Käufer die späteren Modernisierungskosten bereits beim Erwerb berücksichtigen. Ein technisch und energetisch guter Zustand kann dagegen einen wachsenden Teil des Immobilienwerts ausmachen.

Für Banken und Versicherer ist diese Entwicklung ebenfalls relevant. Wenn Gebäudequalität und langfristige Standortattraktivität stärker darüber entscheiden, ob ein Objekt nachgefragt wird, verändern sich auch Beleihungs-, Wiederverkaufs- und Wertrisiken. Zwei Häuser mit gleichem Kaufpreis können ökonomisch sehr unterschiedliche Sicherheiten darstellen.

Der Eigenheimmarkt hat nicht nur ein Mengenproblem

Damit berührt die Entwicklung schließlich die Wohnungspolitik. Dort dominiert häufig die Vorstellung eines quantitativen Mangels: Wenn Wohnraum knapp ist, muss mehr gebaut werden.

Für Teile des Marktes stimmt das. Die ImmoScout24-Zahlen zeigen aber zugleich, dass zusätzliche Menge allein das Problem nicht löst. Auf dem Land existieren günstige Häuser, für die relativ wenig Nachfrage besteht. Im Umland fehlen dagegen gerade Immobilien in dem Preissegment, in dem sich ein großer Teil der Kaufinteressenten bewegt.

Wohnungspolitisch entsteht daraus ein schwieriger Zielkonflikt. Neubau kann Knappheit reduzieren, ist wegen Grundstücks-, Bau- und Finanzierungskosten aber nicht automatisch dort bezahlbar, wo die größte Nachfrage besteht. Die Modernisierung günstiger Bestände kann wiederum wirtschaftlich sinnvoll sein, stößt aber dort an Grenzen, wo die langfristige Standortnachfrage schwach bleibt.

Der Traum vom Eigenheim ist nicht verschwunden. Aber der Markt, auf dem er verwirklicht werden soll, hat sich verändert. Die entscheidende Knappheit besteht zunehmend nicht an Häusern schlechthin, sondern an Häusern, deren Preis, Zustand und Standort gleichzeitig zur finanziellen Realität der Käufer passen. Bezahlbarkeit ist damit nicht mehr nur eine Frage des Kaufpreises – sondern der Passgenauigkeit des gesamten Angebots.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Tim Großkurth, Geschäftsführer HW Baufi Finanzgruppe GmbHTim Großkurth, Geschäftsführer HW Baufi Finanzgruppe GmbHHW Baufi Finanzgruppe GmbH
Investment

Hausbesitz als Lebenszyklus: Warum Kauf, Finanzierung und Verkauf zusammengehören

Der Traum vom Eigenheim ist für viele eng mit Sicherheit und Lebensplanung verbunden. Warum Hausbesitz jedoch weit mehr ist als eine einmalige Entscheidung – und wie sich Finanzierung, Nutzung und Verkauf als langfristiger Zyklus verstehen lassen, zeigt Timm Großkurth, geschäftsführender Gesellschafter der HW BAUFI Finanzgruppe, in seinem Gastbeitrag. Der Text erschien zuerst im expertenReport 05/26.
Das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Die sächsische Großstadt  erreicht laut Postbank-Wohnatlas den höchsten erwarteten Kaufpreisanstieg aller 400 untersuchten Landkreise und kreisfreien Städte.Das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Die sächsische Großstadt erreicht laut Postbank-Wohnatlas den höchsten erwarteten Kaufpreisanstieg aller 400 untersuchten Landkreise und kreisfreien Städte.ThomasWolter / pixabay
Immobilien

Wo Eigentumswohnungen bis 2035 an Wert gewinnen könnten

Die Preise für Eigentumswohnungen könnten in vielen Regionen Deutschlands langfristig weiter steigen. Besonders Großstädte, ihr Umland und wirtschaftsstarke Regionen dürften laut dem aktuellen Postbank Wohnatlas 2026 profitieren. In einigen ländlichen Gebieten Ostdeutschlands rechnen die Experten dagegen mit sinkenden Immobilienpreisen.
Rotes Bauklotz-Häuschen mit SchlüsselnRotes Bauklotz-Häuschen mit Schlüsselnpeterschreiber.media – stock.adobe.com
Finanzen

Durststrecke auf dem Immobilienmarkt scheint beendet

Der Preisverfall auf dem Immobilienmarkt scheint vorerst sein Ende gefunden zu haben. So liegt das Niveau der Angebotspreise zwar weiterhin deutlich unter den Höchstwerten des vergangenen Jahres, doch bleiben sie wie im 1. Quartal auch in Q2 weiterhin stabil.
Hohe Bauzinsen bremsen den Immobilienmarkt nicht mehr allein. Die neue Interhyp-IW-Studie zeigt, warum Einkommen, Arbeitsmarkt und Wohnungsangebot heute wichtiger sind.Hohe Bauzinsen bremsen den Immobilienmarkt nicht mehr allein. Die neue Interhyp-IW-Studie zeigt, warum Einkommen, Arbeitsmarkt und Wohnungsangebot heute wichtiger sind.Experten/KI
Immobilien

Bauzinsen allein sind nicht mehr das Problem – was Hauskäufer jetzt ausbremst

Hohe Bauzinsen verlieren an Einfluss. Die Interhyp-IW-Studie zeigt, warum heute Einkommen, Arbeitsmarkt und Wohnungsangebot über den Immobilienkauf entscheiden.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht