Investitionsrisiken: Warum gute Staatsfinanzen nur die halbe Wahrheit sind
Politische Stabilität und solide Staatsfinanzen gelten als wichtige Kriterien für Investitionen. Doch sie reichen längst nicht mehr aus. Eine Analyse von Creditsafe zeigt, dass sich das tatsächliche Risiko eines Marktes erst aus mehreren Faktoren ergibt – und Deutschland dafür ein besonders anschauliches Beispiel liefert.
Ranglisten erzählen nur einen Teil der Geschichte
Wer neue Märkte erschließt, internationale Geschäftspartner auswählt oder Investitionsentscheidungen trifft, orientiert sich häufig zunächst an der wirtschaftlichen Stabilität eines Landes. Ratings und Länderrankings gelten dabei als erste Orientierung. Doch genau dieser Blick kann nach Einschätzung von Creditsafe zu kurz greifen. Der Wirtschaftsinformationsdienst hat Länder weltweit anhand von vier gleichrangigen Risikokategorien untersucht: Staatsrisiko, Geldwäsche- und Finanzkriminalität, Nachhaltigkeits- und Governance-Risiken sowie Lieferkettenrisiken. Das Ergebnis zeigt, dass sich das tatsächliche Risikoprofil eines Landes erst aus dem Zusammenspiel dieser Faktoren ergibt.
Deutschland zeigt die Grenzen klassischer Länderratings
Wie unterschiedlich die Bewertungen ausfallen können, zeigt Deutschland besonders deutlich. Im globalen Länderrisikoindex belegt die Bundesrepublik Rang vier und gehört damit weltweit zur Spitzengruppe. Bewertet werden dabei unter anderem politische Stabilität, funktionierende staatliche Institutionen sowie die Fähigkeit eines Staates, seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Nur die Schweiz, Norwegen und Schweden schneiden besser ab. In den übrigen Kategorien ergibt sich jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. Während Deutschland bei Nachhaltigkeits- und Governance-Risiken mit Rang sechs ebenfalls zu den führenden Ländern zählt, fällt die Platzierung bei den Lieferkettenrisiken auf Rang 37 zurück. Noch deutlicher wird der Unterschied bei Geldwäsche- und Finanzkriminalitätsrisiken, wo Deutschland lediglich Rang 55 erreicht. Die Analyse macht damit deutlich, dass eine gute Bewertung der Staatsfinanzen allein wenig über operative Risiken im internationalen Geschäft aussagt.
Operative Risiken gewinnen an Bedeutung
Für Unternehmen haben diese Unterschiede unmittelbare Konsequenzen. Während das Staatsrisiko vor allem langfristige wirtschaftliche und politische Stabilität beschreibt, betreffen Geldwäsche- und Compliance-Risiken die Prüfung von Geschäftspartnern und regulatorische Anforderungen. Lieferkettenrisiken beeinflussen wiederum die Stabilität internationaler Beschaffungs- und Produktionsprozesse. Nachhaltigkeits- und Governance-Aspekte spielen insbesondere bei Berichtspflichten, Reputationsfragen und ESG-Anforderungen eine wachsende Rolle. Je nach Geschäftsmodell können einzelne Risikofelder deshalb erheblich stärker ins Gewicht fallen als die allgemeine Bonität eines Landes.
Vier Perspektiven statt einer Kennzahl
Auch der internationale Vergleich unterstreicht diese Unterschiede. So erreicht Frankreich im globalen Länderrisikoindex lediglich Rang 51, gehört bei den Geldwäsche- und Finanzkriminalitätsrisiken jedoch zur weltweiten Spitzengruppe. Umgekehrt schneiden die Niederlande oder die Vereinigten Arabischen Emirate beim Staatsrisiko hervorragend ab, liegen bei Compliance-Risiken aber deutlich weiter hinten. Nach Einschätzung von Creditsafe zeigt sich daran, dass einzelne Rankings zunehmend an Aussagekraft verlieren. Wer Investitionen, internationale Lieferketten oder neue Geschäftsbeziehungen belastbar bewerten will, müsse verschiedene Risikodimensionen gemeinsam betrachten.
Risikomanagement wird vielschichtiger
Die Analyse verdeutlicht damit einen grundlegenden Wandel im internationalen Risikomanagement. Während früher häufig wirtschaftliche Kennzahlen oder staatliche Bonität im Mittelpunkt standen, rücken heute operative Risiken stärker in den Fokus. Compliance, Lieferketten, ESG-Anforderungen und regulatorische Entwicklungen entscheiden zunehmend mit darüber, wie verlässlich ein Markt tatsächlich ist. Für Unternehmen bedeutet das: Gute Staatsfinanzen bleiben ein wichtiger Stabilitätsindikator – sie sind jedoch längst nicht mehr die einzige Größe, auf der belastbare Investitionsentscheidungen beruhen.
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