Gold für den Ernstfall: Warum die Niederlande ihre Reserven neu verteilen
Die niederländische Zentralbank De Nederlandsche Bank (DNB) ordnet ihre Goldreserven neu. Rund 86 Tonnen Gold wurden aus Nordamerika nach London verlagert. Offiziell geht es um bessere Handelbarkeit, Risikostreuung und höhere Krisenfestigkeit. Doch die Maßnahme fällt in eine Zeit wachsender geopolitischer Spannungen. Steckt dahinter auch die Sorge vor einem Krieg?
Die gesamten niederländischen Goldreserven bleiben mit 612,4 Tonnen unverändert. Verändert wird lediglich ihre geografische Verteilung. Künftig liegen 32,1 Prozent in London und 30,8 Prozent in den Niederlanden. Jeweils 18,5 Prozent verbleiben in New York und Ottawa. Zuvor hatte allein New York einen Anteil von 31,3 Prozent. Damit befinden sich künftig fast zwei Drittel der niederländischen Goldreserven in Europa.
Warum London?
Die DNB begründet den Schritt vor allem mit der besseren Handelbarkeit. London gehört zu den wichtigsten Märkten für physisches Gold weltweit. Dort gelagertes und den entsprechenden Handelsstandards genügendes Gold kann im Krisenfall schneller eingesetzt oder verkauft werden.
DNB-Präsident Olaf Sleijpen erklärt dazu, man gehe zwar davon aus, die Reserven niemals einsetzen zu müssen, müsse aber Widerstandsfähigkeit und Krisenvorsorge stärken.
Damit bekommt die Entscheidung eine sicherheitspolitische Dimension. Die DNB verweist ausdrücklich auf zunehmende geopolitische Unruhe. Gold dient dabei als strategische Reserve für außergewöhnliche Krisensituationen.
Spielt Kriegsgefahr eine Rolle?
Einen unmittelbar bevorstehenden Krieg nennt die Zentralbank nicht als Grund für die Verlagerung. Allerdings gehört ein solches Szenario inzwischen ausdrücklich zur niederländischen Krisenplanung.
Bereits Anfang 2026 hatte die DNB ihr Programm zur Vorbereitung auf geopolitische Risiken vorgestellt. Untersucht werden darin Szenarien von Cyberangriffen und unterbrochenen Lieferketten über längerfristige Stromausfälle bis hin zu „economic and physical warfare“ – wirtschaftlicher und physischer Kriegsführung.
Die Goldverlagerung sollte deshalb nicht als Hinweis darauf interpretiert werden, dass die Niederlande konkret mit einem Krieg rechnen. Sie zeigt vielmehr, dass Zentralbanken ihre Reserven inzwischen auch auf extreme geopolitische Szenarien ausrichten.
Keine Flucht aus den USA
Bemerkenswert ist zugleich, was die Niederlande **nicht** tun: Sie holen ihr Gold nicht vollständig ins eigene Land zurück. Rund 37 Prozent bleiben weiterhin in den USA und Kanada.
Das spricht gegen die These einer Flucht aus Nordamerika. Vielmehr versucht die DNB, drei Anforderungen miteinander zu verbinden: Gold im eigenen Land verfügbar zu halten, geopolitische Risiken auf mehrere Standorte zu verteilen und gleichzeitig einen größeren Teil der Reserve unmittelbar an einem der wichtigsten Goldhandelsplätze der Welt vorzuhalten.
Dennoch verliert New York erheblich an Bedeutung. Bereits 2014 hatte die DNB Gold aus den USA zurückgeholt. Damals sank der dort gelagerte Anteil von rund 51 auf 31 Prozent. Nun geht er auf 18,5 Prozent zurück.
Gold als Versicherung gegen extreme Krisen
Die Entscheidung zeigt, wie stark sich die Risikowahrnehmung europäischer Zentralbanken verändert hat. Neben Inflation, Finanzkrisen und Rezessionen spielen heute Cyberangriffe, geopolitische Konflikte, Sanktionen und mögliche Störungen kritischer Infrastruktur eine wesentlich größere Rolle.
Gold erhält in diesem Umfeld eine besondere Bedeutung. Es ist keine Forderung gegenüber einer Bank, einem Unternehmen oder einem anderen Staat und kann deshalb in Extremsituationen als strategische Reserve dienen.
Die Niederlande verlagern ihr Gold somit nicht, weil ein Krieg unmittelbar bevorstehen würde. Sie positionieren ihre Reserven vielmehr so, dass der Staat auch dann handlungsfähig bleibt, wenn internationale Finanz- und Handelsbeziehungen durch eine schwere geopolitische Krise beeinträchtigt werden.
Die Goldverlagerung ist damit kein Kriegsalarm. Sie ist aber ein bemerkenswertes Zeichen dafür, auf welche Szenarien sich europäische Institutionen inzwischen vorbereiten.
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