Acht Anlegertypen statt alter Schubladen

Veröffentlichung: 17.07.2026, 06:07 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Alter und Vermögen reichen nach Einschätzung von Roland Berger nicht mehr aus, um Anleger sinnvoll zu segmentieren. Stattdessen identifiziert die Unternehmensberatung acht unterschiedliche Kundentypen, die sich vor allem durch Finanzwissen, Risikoverständnis, digitale Affinität und Beratungsbedarf unterscheiden.

(PDF)
Statt alter Schubladen: Roland Berger unterscheidet acht Anlegertypen, die sich weniger durch Alter oder Vermögen als durch Finanzwissen, Risikoverständnis und Beratungsbedürfnisse unterscheiden.Statt alter Schubladen: Roland Berger unterscheidet acht Anlegertypen, die sich weniger durch Alter oder Vermögen als durch Finanzwissen, Risikoverständnis und Beratungsbedürfnisse unterscheiden.DreamQuest / pixabay

Der klassische Blick auf Kunden greift zu kurz

Lange Zeit orientierte sich die Beratung im Retail-Banking vor allem an zwei Kriterien: Alter und Vermögen. Wer jung war, erhielt andere Angebote als ältere Kunden. Vermögende Anleger wurden intensiver betreut als Kunden mit kleineren Anlagebeträgen.
Nach Einschätzung von Roland Berger stößt dieses Modell jedoch zunehmend an seine Grenzen. Wie experten.de bereits berichtet hat, unterscheiden sich Anleger heute weniger nach ihrem Alter als nach ihrem Finanzwissen, ihrer digitalen Affinität, ihrem Informationsverhalten und ihrer Bereitschaft, Risiken einzugehen. Die Unternehmensberatung schlägt deshalb eine neue Form der Kundensegmentierung vor.

Acht Anlegertypen mit unterschiedlichen Bedürfnissen

Auf Grundlage einer Befragung von 1.000 Retail-Kunden identifiziert Roland Berger acht unterschiedliche Anlegerprofile. Dazu zählen digitale Vermögensaufbauer, Next-Gen-Kunden, traditionelle Familienhaushalte, erfahrene Anleger, sicherheitsorientierte Anleger, einkommensschwache Single-Haushalte, nachhaltige Anleger sowie konsum- und renditeorientierte Anleger.
Gemeinsam ist diesen Gruppen, dass sie sich nicht allein über Einkommen oder Vermögen definieren. Entscheidend sind vielmehr Fragen wie:

  • Wie ausgeprägt ist das Finanzwissen?
  • Welche Informationsquellen werden genutzt?
  • Wie hoch ist die Risikobereitschaft?
  • Welche Rolle spielt persönliche Beratung?
  • Wie selbstverständlich werden digitale Angebote genutzt?

Aus Sicht der Studienautoren entstehen daraus sehr unterschiedliche Anforderungen an Banken und Berater.

Nicht jeder Kunde braucht dieselbe Beratung

Die Untersuchung zeigt beispielsweise, dass erfahrene Anleger häufig über ein breites Finanzwissen verfügen, langfristige Beraterbeziehungen schätzen und persönliche Gespräche auch künftig bevorzugen.
Digitale Vermögensaufbauer dagegen verwalten ihre Anlagen weitgehend selbst, nutzen digitale Plattformen intensiv und erwarten leistungsfähige technische Lösungen. Persönliche Beratung spielt für sie vor allem bei strategischen Entscheidungen eine Rolle.
Sicherheitsorientierte Anleger wiederum investieren überwiegend in Bargeld, Tagesgeld oder Immobilien. Für sie stehen Vertrauen, Übersichtlichkeit und persönliche Ansprechpartner deutlich stärker im Vordergrund als Renditechancen.

Beratung wird individueller

Für Roland Berger ergibt sich daraus ein grundlegender Wandel der Anlageberatung. Ziel könne es künftig nicht mehr sein, jedem Kunden dieselben Produkte anzubieten. Stattdessen müssten Beratung, digitale Werkzeuge und Kommunikationswege deutlich stärker an den individuellen Bedürfnissen ausgerichtet werden.
Künstliche Intelligenz könne Banken dabei unterstützen, unterschiedliche Kundentypen besser zu erkennen und Beratung wirtschaftlich zu personalisieren. Gleichzeitig bleibe der persönliche Berater insbesondere bei komplexen Finanzentscheidungen ein wichtiger Bestandteil des Betreuungsmodells.

Orientierung wird wichtiger als Produktverkauf

Nach Einschätzung der Studienautoren verschiebt sich damit auch die Rolle der Banken. Wer sich künftig erfolgreich gegenüber Neobrokern und digitalen Plattformen behaupten wolle, müsse weniger Produkte verkaufen als vielmehr Orientierung geben.
Die Qualität einer Beratung entscheide sich zunehmend daran, ob sie zum Wissensstand, zur Lebenssituation und zu den Zielen des jeweiligen Kunden passe. Standardisierte Zielgruppenmodelle verlieren damit an Bedeutung – individuelle Betreuung gewinnt an Gewicht.

Ausblick: Die acht Anlegertypen im Überblick

  • Digitale Vermögensaufbauer – investieren aktiv, digital und eigenständig.
  • Next-Gen-Kunden – jung, kapitalmarktaffin und offen für Beratung.
  • Traditionelle Familienhaushalte – diszipliniert, langfristig und vertrauensorientiert.
  • Erfahrene Anleger – finanzkundig, breit diversifiziert und beratungsaffin.
  • Sicherheitsorientierte Anleger – setzen auf Stabilität statt Rendite.
  • Einkommensschwache Single-Haushalte – benötigen vor allem Orientierung und einfachen Zugang.
  • Nachhaltige Anleger – verbinden Vermögensaufbau mit ESG-Kriterien.
  • Konsum- und renditeorientierte Anleger – digital, marktnah und risikobereit.

Die unterschiedlichen Kundentypen und ihre Bedeutung für Beratung, Digitalisierung und den Einsatz künstlicher Intelligenz beleuchtet der expertenReport in einer der kommenden Ausgaben ausführlicher.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Digitale Anwendungen gewinnen im Anlagegeschäft an Bedeutung. Bei wichtigen Vermögensentscheidungen wünschen sich viele Kunden jedoch weiterhin persönliche Beratung.Digitale Anwendungen gewinnen im Anlagegeschäft an Bedeutung. Bei wichtigen Vermögensentscheidungen wünschen sich viele Kunden jedoch weiterhin persönliche Beratung.Redaktion experten.de / KI-generiert
Beratung

Acht von zehn Anlegern wollen Beratung – aber anders

Digitale Angebote gewinnen im Retail-Banking weiter an Bedeutung. Dennoch möchten viele Anleger wichtige Finanzentscheidungen nicht allein treffen. Eine Studie von Roland Berger sieht deshalb die Zukunft nicht im Entweder-oder, sondern in der Verbindung aus persönlicher Beratung, digitalen Werkzeugen und künstlicher Intelligenz.
Der Zugang zum Kapitalmarkt wird einfacher. Beim Verständnis grundlegender Finanzkonzepte wie Inflation, Diversifikation oder Zinseszins bestehen jedoch weiterhin deutliche Wissenslücken.Der Zugang zum Kapitalmarkt wird einfacher. Beim Verständnis grundlegender Finanzkonzepte wie Inflation, Diversifikation oder Zinseszins bestehen jedoch weiterhin deutliche Wissenslücken.Redaktion experten.de / KI-generiert
Beratung

Finanzwissen hält mit dem Kapitalmarkt nicht Schritt

Neobroker, ETF-Sparpläne und Kryptowährungen haben den Zugang zum Kapitalmarkt erheblich vereinfacht. Doch das Finanzwissen vieler Anleger entwickelt sich deutlich langsamer. Eine Studie von Roland Berger sieht darin eine der größten Herausforderungen für Banken und Anlageberater.
3d illustration of human brain  on artificial technology element3d illustration of human brain on artificial technology element
Finanzen

Ersetzt KI bald den menschlichen Anlageberater?

KI ist jetzt schon ein Meilenstein in der Automatisierung und Digitalisierung der Finanzbranche: Sie beschleunigt die Verarbeitung der Unmengen von Daten und vereinfacht Abläufe und Prozesse. Doch wird KI auch das persönliche Beratungsgespräch ersetzen können?
Frühe Vorsorge, höhere Risiken: Jüngere Anleger setzen deutlich häufiger auf ETFs, Aktien und Kryptowährungen als ältere Generationen.Frühe Vorsorge, höhere Risiken: Jüngere Anleger setzen deutlich häufiger auf ETFs, Aktien und Kryptowährungen als ältere Generationen.Redaktion experten.de / KI-generiert
Beratung

Mehr Vorsorge, mehr Risiko: Junge Anleger investieren anders

Die Generation unter 40 beschäftigt sich intensiver mit der privaten Altersvorsorge als ältere Anleger. Gleichzeitig investieren Jüngere deutlich häufiger in ETFs, Einzelaktien und Kryptowährungen. Eine Studie von Roland Berger sieht darin Chancen für den langfristigen Vermögensaufbau – aber auch wachsenden Beratungsbedarf.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht