Finanzwissen hält mit dem Kapitalmarkt nicht Schritt
Neobroker, ETF-Sparpläne und Kryptowährungen haben den Zugang zum Kapitalmarkt erheblich vereinfacht. Doch das Finanzwissen vieler Anleger entwickelt sich deutlich langsamer. Eine Studie von Roland Berger sieht darin eine der größten Herausforderungen für Banken und Anlageberater.
Der Kapitalmarkt ist heute nur wenige Klicks entfernt
Noch nie war es für Privatanleger so einfach, Geld an den Kapitalmärkten anzulegen. Neobroker, digitale Plattformen und kostengünstige ETF-Sparpläne haben die Einstiegshürden in den vergangenen Jahren deutlich gesenkt. Die Zahl der Wertpapierdepots wächst seit Jahren kontinuierlich. Gleichzeitig stehen heute selbst komplexere Anlageformen wie Kryptowährungen oder ELTIFs auch privaten Anlegern offen.
Wie experten.de bereits berichtet hat, sieht Roland Berger darin einen grundlegenden Wandel für das Retail-Banking. Die Unternehmensberatung fordert Banken auf, ihre Kunden stärker nach Finanzwissen, Anlageverhalten und Beratungsbedarf zu segmentieren statt allein nach Alter oder Vermögen.
Grundlegende Finanzkonzepte bereiten vielen Schwierigkeiten
Der einfachere Zugang zum Kapitalmarkt bedeutet jedoch nicht automatisch, dass Anleger finanzielle Zusammenhänge besser verstehen. Nach den Ergebnissen der Studie beantworten lediglich 62 Prozent der Befragten Fragen zur Inflation richtig. Nur 52 Prozent verstehen die Vorteile einer breiten Diversifikation, und lediglich 53 Prozent können den Zinseszinseffekt korrekt einschätzen.
Aus Sicht der Autoren entsteht dadurch eine problematische Entwicklung. Immer mehr Menschen treffen eigenständig Anlageentscheidungen, obwohl wichtige Grundlagen für die Bewertung von Chancen und Risiken fehlen.
Zwischen Unsicherheit und Selbstüberschätzung
Die Wissenslücken wirken sich unterschiedlich auf das Anlageverhalten aus. Ein Teil der Anleger bleibt trotz grundsätzlich vorhandener Kenntnisse bei klassischen Sparformen wie Tages- oder Festgeld und verzichtet damit langfristig auf Renditechancen. Andere überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten und investieren größere Vermögensanteile in besonders volatile Anlageklassen wie Kryptowährungen.
Roland Berger beschreibt dieses Spannungsfeld als Diskrepanz zwischen wahrgenommenem Wissen, tatsächlicher Kompetenz und realem Anlageverhalten. Gerade diese Unterschiede erschweren Banken und Beratern eine passgenaue Ansprache ihrer Kunden.
Informationsquellen prägen das Finanzwissen
Die Studie zeigt außerdem, dass die Wahl der Informationsquellen einen erheblichen Einfluss auf das Finanzwissen hat. Viele Menschen informieren sich zunächst im Familien- oder Freundeskreis. Wer dagegen digitale Informationsangebote oder professionelle Beratung nutzt, erreicht im Durchschnitt bessere Ergebnisse bei grundlegenden Finanzfragen.
Für Banken ergibt sich daraus eine anspruchsvolle Ausgangslage. Während einige Kunden bereits fundiert informiert in Beratungsgespräche kommen und vor allem eine Einordnung suchen, benötigen andere zunächst Orientierung bei grundlegenden Finanzthemen. Einheitliche Beratungskonzepte stoßen deshalb zunehmend an ihre Grenzen.
Finanzbildung wird zum Wettbewerbsfaktor
Nach Einschätzung von Roland Berger liegt darin zugleich eine Chance für Finanzinstitute. Wer komplexe Zusammenhänge verständlich erklärt und Kunden entsprechend ihres Wissensstands begleitet, kann sich vom reinen Produktanbieter zum langfristigen Ansprechpartner entwickeln. Beratung beginne deshalb künftig nicht erst bei der Produktauswahl, sondern bereits beim Aufbau finanzieller Kompetenz.
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