Küssen verboten? Wenn Zuneigung vor Gericht endet

Veröffentlichung: 03.07.2026, 10:07 Uhr - Lesezeit 5 Minuten

Die Prinzen machten "Küssen verboten" schon Anfang der 1990er Jahre zum Pop-Hit. Spätestens seit dem Kuss-Eklat um den ehemaligen Präsidenten des spanischen Fußballverbandes ist jedoch klar: Unerwünschte Küsse sind längst kein gesellschaftliches Randthema mehr. Auch deutsche Gerichte beschäftigen sich immer wieder mit Fällen, in denen ein Kuss straf-, disziplinar- oder berufsrechtliche Folgen hat.

(PDF)
Gerichte beschäftigen sich immer wieder mit Fällen, in denen unerwünschte Küsse straf-, disziplinar- oder berufsrechtliche Folgen haben können.Gerichte beschäftigen sich immer wieder mit Fällen, in denen unerwünschte Küsse straf-, disziplinar- oder berufsrechtliche Folgen haben können.Redaktion experten.de / KI-generiert

"Küssen verboten" sang die Leipziger Band Die Prinzen einst mit einem Augenzwinkern. Heute bekommt der Titel eine ganz neue Bedeutung. Weltweit sorgte der Kuss des damaligen Präsidenten des spanischen Fußballverbandes, Luis Rubiales, bei der Siegerehrung der Frauen-Weltmeisterschaft 2023 für Schlagzeilen. Der unerwünschte Kuss gegen Nationalspielerin Jennifer Hermoso löste eine internationale Debatte über Grenzen, Zustimmung und Machtverhältnisse aus und führte schließlich zum Rücktritt Rubiales'.
Auch deutsche Gerichte beschäftigen sich regelmäßig mit Fällen, in denen körperliche Nähe rechtliche Konsequenzen nach sich zieht. Die ARAG-Experten haben dazu mehrere aktuelle Entscheidungen zusammengestellt.

Richter landet selbst vor Gericht

Flirts am Arbeitsplatz mögen harmlos erscheinen – solange beide Seiten einverstanden sind. Wo diese Zustimmung fehlt, kann aus einer Annäherung jedoch schnell eine Straftat werden.
So musste sich ausgerechnet ein Richter selbst vor Gericht verantworten. Nach Angaben der ARAG-Experten hatte er bei zwei Gelegenheiten versucht, eine Kollegin gegen ihren Willen auf den Mund zu küssen. Das Landgericht Osnabrück verurteilte ihn wegen zweifacher sexueller Belästigung zu einer Geldstrafe von insgesamt 7.000 Euro. Weitere Vorwürfe, darunter anzügliche Chatnachrichten und sogenannter "Dirty Talk", konnten ihm dagegen nicht nachgewiesen werden (Az.: 15 Kls 5/25).

Lehrer verliert Beamtenstatus

Noch gravierender bewerteten Gerichte den Fall eines Lehrers, der eine 14-jährige Schülerin wiederholt umarmte und küsste.
Nach Auffassung des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts handelte es sich dabei um sexuelle Handlungen. Entscheidend sei nicht gewesen, ob die Schülerin dem Verhalten zugestimmt habe. Aufgrund ihres Alters und des bestehenden Abhängigkeitsverhältnisses könne sie in ein solches Näheverhältnis rechtlich nicht wirksam einwilligen. Hinzu kam, dass der Lehrer dienstliche Anweisungen missachtete, den Kontakt fortsetzte und seine Vorgesetzten täuschte. Das Gericht entfernte ihn deshalb aus dem Beamtenverhältnis (Az.: 3 LD 9/24).

Therapeut scheitert mit ungewöhnlicher Methode

Auch im therapeutischen Umfeld gelten besonders strenge Maßstäbe.
Ein Psychologe hatte versucht, eine Patientin auf den Mund zu küssen. Als sie den Kopf wegdrehte, erklärte er den misslungenen Kuss später als therapeutisch sinnvolle Intervention. Die Richter folgten dieser Argumentation nicht. Die Patientin entwickelte nach dem Vorfall unter anderem Angstzustände, Schlafstörungen und Albträume.
Das Verwaltungsgericht Gießen wertete den Kuss als Verstoß gegen das berufsrechtliche Verbot sexueller Kontakte zu Patienten. Der Psychologe erhielt einen Verweis und musste eine Geldbuße von 3.500 Euro zahlen (Az.: 21 K 51/09.GI.B).

Zustimmung entscheidet

Die drei Entscheidungen zeigen einen gemeinsamen Nenner: Im Mittelpunkt steht nicht der Kuss selbst, sondern die Frage nach Zustimmung und Machtverhältnissen. Gerade dort, wo berufliche oder persönliche Abhängigkeiten bestehen, ziehen Gerichte besonders enge Grenzen. Was im privaten Umfeld Ausdruck von Zuneigung sein kann, kann am Arbeitsplatz, in der Schule oder im Behandlungszimmer straf-, disziplinar- oder berufsrechtliche Folgen nach sich ziehen.
Zum Internationalen Tag des Kusses erinnert die Rechtsprechung damit an eine einfache, aber zentrale Regel: Nähe setzt gegenseitiges Einverständnis voraus.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Young woman getting new hairstyle at professional hair styling sYoung woman getting new hairstyle at professional hair styling sdjoronimo – stock.adobe.com
Recht

Haarige Gerichtsurteile zum Friseurbesuch

Haare zu kurz, zu blond, zu dunkel, zu glatt – es gibt viele Gründe für einen Nervenzusammenbruch beim Friseur. Dabei kann es sogar zu ernsthaften Verletzungen durch den Figaro kommen.
Dr. Matthias MaslatonDr. Matthias Maslaton
Recht

Arbeitsrecht: ARAG berät Premium-Mitglieder von XING

Haben Premium-Kunden des sozialen Netzwerks XING Fragen oder Probleme zum Arbeitsrecht, können sie ab sofort schnell und einfach eine telefonische Erstberatung einholen. Möglich wird dies durch eine Kooperation zwischen XING und der ARAG SE.
Call-Recording und KI-gestützte Transkription gewinnen in Unternehmen an Bedeutung. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Datenschutz, Einwilligung und rechtssichere Informationsprozesse.Call-Recording und KI-gestützte Transkription gewinnen in Unternehmen an Bedeutung. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Datenschutz, Einwilligung und rechtssichere Informationsprozesse.Redaktion experten.de / KI-generiert
Recht

Call-Recording und KI: Wo rechtliche Risiken beginnen

Gesprächsaufzeichnungen gehören in vielen Unternehmen längst zum Alltag – ob zur Dokumentation, Qualitätssicherung oder KI-gestützten Analyse. Doch wer Telefonate mitschneidet oder transkribiert, bewegt sich schnell im Spannungsfeld zwischen Strafrecht, DSGVO und Informationspflichten. Worauf Vermittler und Beratungsunternehmen achten sollten, hat Felix Pflüger (peoplefon) im Gastbeitrag zusammengestellt.
Das neue Wehrdienstmodell kombiniert freiwilligen Dienst mit verpflichtenden Elementen wie Fragebogen und geplanter Musterung – und wirft auch rechtliche Fragen auf.Das neue Wehrdienstmodell kombiniert freiwilligen Dienst mit verpflichtenden Elementen wie Fragebogen und geplanter Musterung – und wirft auch rechtliche Fragen auf.Redaktion experten.de / KI-generiert
Recht

Neues Wehrdienstmodell: Was für junge Menschen jetzt gilt

Seit 2026 gilt in Deutschland ein neues Wehrdienstmodell mit freiwilligem Kern und verpflichtenden Elementen. Die ARAG SE hat zentrale Regelungen und praktische Fragen zum Einstieg zusammengefasst.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht