Nationale Resilienz: Wird Sicherheit zur Unternehmenspflicht?
Hybride Angriffe, Cyberbedrohungen und geopolitische Spannungen verändern das Sicherheitsverständnis Europas. In einem aktuellen Strategiepapier schlägt BearingPoint vor, Unternehmen systematisch in die nationale Sicherheitsvorsorge einzubinden – bis hin zu einer „Wehrpflicht für Unternehmen“. Was steckt hinter dem Konzept – und welche Rolle könnte die Versicherungswirtschaft dabei spielen?
Sicherheit endet nicht an der Werkstorgrenze
Die Vorstellung, dass nationale Verteidigung allein Sache von Militär und Staat sei, greift nach Ansicht von BearingPoint zu kurz. Moderne Bedrohungen beginnen nicht erst im Bündnisfall – sie wirken längst im Cyberraum, in Lieferketten, in Energie- und Kommunikationsinfrastrukturen. Unternehmen seien heute Teil eines dauerhaften hybriden Konflikts, argumentiert die Beratung.
„Unternehmen stehen heute an der vordersten Front eines hybriden Konflikts, ganz ohne dass ein Krieg erklärt wurde“, sagt Gerrit Aufderheide, Leiter Cybersecurity bei BearingPoint.
Das Strategiepapier zeichnet das Bild einer Sicherheitslage, in der wirtschaftliche Stabilität, digitale Infrastruktur und gesellschaftliches Vertrauen gleichermaßen Ziel koordinierter Angriffe sind. Die zentrale These: Ohne eine systematisch eingebundene Wirtschaft sei nationale Resilienz nicht mehr herzustellen.
Das Modell: Musterung, Krisenfahrplan, Zertifizierung
Kern des Vorschlags ist ein dreistufiges Modell, das alle sicherheitsrelevanten Unternehmen erfassen soll:
-
Grundausbildung:
Benennung von Krisenkoordinatoren, Anschluss an sichere Kommunikationssysteme, Erstellung von Basis-Notfallplänen. -
Spezialausbildung:
Individuell abgestimmte Krisenfahrpläne in Zusammenarbeit mit Behörden, verbindliche Übungen mit Schlüsselpersonal. -
Reservistenprinzip:
Regelmäßige Updates, Übungen und ein mögliches Gütesiegel „Resilience Ready“.
Der Begriff „Wehrpflicht“ ist bewusst gewählt – allerdings nicht im militärischen, sondern im organisatorischen Sinn. BearingPoint versteht darunter eine strukturierte, systematische Einbindung sicherheitsrelevanter Unternehmen in die nationale Vorsorgearchitektur.
Politische Dimension: Freiwilligkeit oder Verpflichtung?
Das Papier wirft bewusst offene Fragen auf. Reicht eine freiwillige Kooperation? Oder braucht es gesetzliche Grundlagen? Sind bestehende Sicherstellungsgesetze aus dem Kalten Krieg noch geeignet für hybride Bedrohungsszenarien? Reinhard Geigenfeind, Globaler Leiter Public & Health Services bei BearingPoint, formuliert es zugespitzt: „Ohne eine robuste Wirtschaft kann Deutschland keinen einzigen hybriden Angriff langfristig abwehren, geschweige denn einen Bündnisfall bestehen.“
Damit verschiebt sich die Debatte: von klassischer Verteidigungsfähigkeit hin zu gesamtgesellschaftlicher Resilienz.
Wirtschaftlicher Nutzen oder regulatorische Zusatzlast?
BearingPoint argumentiert, dass Unternehmen selbst profitieren würden:
- geringere Ausfallrisiken
- stabilere Lieferketten
- verbesserte ESG-Profile
- mögliche Vorteile bei Finanzierung und Versicherung
Hier berührt das Konzept unmittelbar die Versicherungsbranche. Wenn Resilienz messbar und zertifizierbar wird, entstehen neue Bewertungsmaßstäbe für Risiken – etwa in Cyber-, D&O- oder Sachversicherungen. Auch Banken könnten strukturierte Krisenfähigkeit künftig stärker in ihre Kreditprüfung einbeziehen.
Gleichzeitig bleibt offen, wie hoch der organisatorische und finanzielle Aufwand für Unternehmen wäre – insbesondere für mittelständische Strukturen.
Resilienz als neues Wettbewerbsmerkmal
Interessant ist weniger die militärische Metapher als die dahinterliegende Verschiebung: Sicherheit wird nicht mehr als externer Schutz verstanden, sondern als integrierte Unternehmensfunktion. Governance, IT-Sicherheit, Krisenkommunikation und Lieferkettenmanagement verschmelzen zu einem strategischen Faktor. In einer Zeit, in der geopolitische Risiken, Cyberbedrohungen und regulatorische Anforderungen zunehmen, könnte Resilienz selbst zu einem Standort- und Wettbewerbsvorteil werden.
Eine Debatte mit Signalwirkung
Ob der Begriff „Wehrpflicht für Unternehmen“ politisch durchsetzbar oder kommunikativ klug ist, bleibt offen. Unstrittig ist jedoch: Die Grenze zwischen staatlicher Sicherheitsarchitektur und wirtschaftlicher Eigenverantwortung verschiebt sich.
Für die Versicherungswirtschaft stellt sich damit eine zentrale Frage: Wird Resilienz künftig nicht nur versichert – sondern strukturell eingefordert?
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