Nationale Resilienz: Wird Sicherheit zur Unternehmenspflicht?

Veröffentlichung: 26.02.2026, 11:02 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Hybride Angriffe, Cyberbedrohungen und geopolitische Spannungen verändern das Sicherheitsverständnis Europas. In einem aktuellen Strategiepapier schlägt BearingPoint vor, Unternehmen systematisch in die nationale Sicherheitsvorsorge einzubinden – bis hin zu einer „Wehrpflicht für Unternehmen“. Was steckt hinter dem Konzept – und welche Rolle könnte die Versicherungswirtschaft dabei spielen?

(PDF)
cms.eayxiDALL-E

Sicherheit endet nicht an der Werkstorgrenze

Die Vorstellung, dass nationale Verteidigung allein Sache von Militär und Staat sei, greift nach Ansicht von BearingPoint zu kurz. Moderne Bedrohungen beginnen nicht erst im Bündnisfall – sie wirken längst im Cyberraum, in Lieferketten, in Energie- und Kommunikationsinfrastrukturen. Unternehmen seien heute Teil eines dauerhaften hybriden Konflikts, argumentiert die Beratung.

„Unternehmen stehen heute an der vordersten Front eines hybriden Konflikts, ganz ohne dass ein Krieg erklärt wurde“, sagt Gerrit Aufderheide, Leiter Cybersecurity bei BearingPoint.

Das Strategiepapier zeichnet das Bild einer Sicherheitslage, in der wirtschaftliche Stabilität, digitale Infrastruktur und gesellschaftliches Vertrauen gleichermaßen Ziel koordinierter Angriffe sind. Die zentrale These: Ohne eine systematisch eingebundene Wirtschaft sei nationale Resilienz nicht mehr herzustellen.

Das Modell: Musterung, Krisenfahrplan, Zertifizierung

Kern des Vorschlags ist ein dreistufiges Modell, das alle sicherheitsrelevanten Unternehmen erfassen soll:

  • Grundausbildung:
    Benennung von Krisenkoordinatoren, Anschluss an sichere Kommunikationssysteme, Erstellung von Basis-Notfallplänen.
  • Spezialausbildung:
    Individuell abgestimmte Krisenfahrpläne in Zusammenarbeit mit Behörden, verbindliche Übungen mit Schlüsselpersonal.
  • Reservistenprinzip:
    Regelmäßige Updates, Übungen und ein mögliches Gütesiegel „Resilience Ready“.

Der Begriff „Wehrpflicht“ ist bewusst gewählt – allerdings nicht im militärischen, sondern im organisatorischen Sinn. BearingPoint versteht darunter eine strukturierte, systematische Einbindung sicherheitsrelevanter Unternehmen in die nationale Vorsorgearchitektur.

Politische Dimension: Freiwilligkeit oder Verpflichtung?

Das Papier wirft bewusst offene Fragen auf. Reicht eine freiwillige Kooperation? Oder braucht es gesetzliche Grundlagen? Sind bestehende Sicherstellungsgesetze aus dem Kalten Krieg noch geeignet für hybride Bedrohungsszenarien? Reinhard Geigenfeind, Globaler Leiter Public & Health Services bei BearingPoint, formuliert es zugespitzt: „Ohne eine robuste Wirtschaft kann Deutschland keinen einzigen hybriden Angriff langfristig abwehren, geschweige denn einen Bündnisfall bestehen.“
Damit verschiebt sich die Debatte: von klassischer Verteidigungsfähigkeit hin zu gesamtgesellschaftlicher Resilienz.

Wirtschaftlicher Nutzen oder regulatorische Zusatzlast?

BearingPoint argumentiert, dass Unternehmen selbst profitieren würden:

  • geringere Ausfallrisiken
  • stabilere Lieferketten
  • verbesserte ESG-Profile
  • mögliche Vorteile bei Finanzierung und Versicherung

Hier berührt das Konzept unmittelbar die Versicherungsbranche. Wenn Resilienz messbar und zertifizierbar wird, entstehen neue Bewertungsmaßstäbe für Risiken – etwa in Cyber-, D&O- oder Sachversicherungen. Auch Banken könnten strukturierte Krisenfähigkeit künftig stärker in ihre Kreditprüfung einbeziehen.

Gleichzeitig bleibt offen, wie hoch der organisatorische und finanzielle Aufwand für Unternehmen wäre – insbesondere für mittelständische Strukturen.

Resilienz als neues Wettbewerbsmerkmal

Interessant ist weniger die militärische Metapher als die dahinterliegende Verschiebung: Sicherheit wird nicht mehr als externer Schutz verstanden, sondern als integrierte Unternehmensfunktion. Governance, IT-Sicherheit, Krisenkommunikation und Lieferkettenmanagement verschmelzen zu einem strategischen Faktor. In einer Zeit, in der geopolitische Risiken, Cyberbedrohungen und regulatorische Anforderungen zunehmen, könnte Resilienz selbst zu einem Standort- und Wettbewerbsvorteil werden.

Eine Debatte mit Signalwirkung

Ob der Begriff „Wehrpflicht für Unternehmen“ politisch durchsetzbar oder kommunikativ klug ist, bleibt offen. Unstrittig ist jedoch: Die Grenze zwischen staatlicher Sicherheitsarchitektur und wirtschaftlicher Eigenverantwortung verschiebt sich.
Für die Versicherungswirtschaft stellt sich damit eine zentrale Frage: Wird Resilienz künftig nicht nur versichert – sondern strukturell eingefordert?

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Für Zurich entgegengenommen haben die Auszeichnung v.l. Danny Steiner, Elena Göttsche, Verena Sündermann und Ulrich ChristmannFür Zurich entgegengenommen haben die Auszeichnung v.l. Danny Steiner, Elena Göttsche, Verena Sündermann und Ulrich ChristmannZurich
Infothek KMU

ESG-Beratung für den Mittelstand: Wie Vermittler von Zurichs 'Change Enabler'-Strategie profitieren können

Die Zurich Gruppe Deutschland wurde für ihr Engagement im Bereich ESG-Risikoanalyse und nachhaltiger Unternehmensberatung mit dem ESG Transformation Award ausgezeichnet. Für Vermittler kann diese Auszeichnung mehr sein als eine Branchenmeldung: Sie schafft einen wertvollen Anknüpfpunkt für die Beratung von Gewerbekunden.
DALL-E
Digitalisierung

KI im Versicherungsmarkt: Innovationstreiber und Haftungsrisiko

Künstliche Intelligenz gilt als Effizienzbooster der Branche – von automatisiertem Underwriting bis zur Schadenregulierung per Bildanalyse. Doch die Aon-Marktprognose 2026 zeigt: KI ist längst nicht nur Innovationsmotor, sondern eines der größten Unternehmensrisiken weltweit. Für Versicherer, Makler und ihre Kunden verschiebt sich damit das Risikoverständnis grundlegend.
Julia Wiens, Exekutivdirektorin Versicherungs- und PensionsfondsaufsichtJulia Wiens, Exekutivdirektorin Versicherungs- und PensionsfondsaufsichtMatthias Sandmann
Assekuranz

BaFin: KI ja – aber nicht um jeden Preis

Künstliche Intelligenz ist für Versicherer unverzichtbar – doch die Aufsicht setzt klare Leitplanken. Wo aus Sicht der BaFin die Grenzen verlaufen, erklärt Julia Wiens im Gespräch mit insureNXT.
Cyberangriffe bleiben das größte Geschäftsrisiko, während Künstliche Intelligenz neue Unsicherheiten und Angriffsflächen schafft (Symbolbild).Cyberangriffe bleiben das größte Geschäftsrisiko, während Künstliche Intelligenz neue Unsicherheiten und Angriffsflächen schafft (Symbolbild).DALL-E
Gewerbeschutz

Cyber dominiert, KI holt auf: Die größten Geschäftsrisiken 2026

Cyberangriffe führen das Allianz Risk Barometer 2026 erneut an – zum fünften Mal in Folge. Neu ist der rasante Aufstieg der Künstlichen Intelligenz, die sich binnen eines Jahres unter die größten Geschäftsrisiken schiebt.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht