Warum Nachhaltigkeit für Versicherer zur Managementfrage wird
Greenwashing, Klimarisiken, Biodiversität und soziale Nachhaltigkeit: Beim fünften GSN-Summit in Berlin diskutierten Vertreter aus Versicherungswirtschaft, Aufsicht und Wissenschaft über die wachsenden ESG-Herausforderungen für die Branche. Deutlich wurde dabei vor allem eines: Nachhaltigkeit entwickelt sich zunehmend vom Reporting-Thema zur strategischen Managementaufgabe.
Beim fünften GSN-Summit des German Sustainability Network (GSN) am 19. und 20. Mai in Berlin stand die Versicherungs- und Finanzbranche erneut vor einer zentralen Frage: Wie lassen sich Nachhaltigkeit, Risikomanagement und wirtschaftliche Stabilität miteinander verbinden?
Vertreter aus Versicherungswirtschaft, Aufsicht, Wissenschaft und Beratung diskutierten dabei insbesondere über Klimarisiken, Greenwashing, Biodiversitätsverluste, Regulierung und soziale Nachhaltigkeit. Der Tenor vieler Beiträge: Nachhaltigkeit betrifft längst nicht mehr nur Berichtspflichten oder ESG-Kennzahlen, sondern zunehmend Geschäftsmodelle, Versicherbarkeit und strategische Steuerung.
BaFin warnt vor Greenwashing und Vertrauensverlust
Bereits zum Auftakt machte BaFin-Präsident Mark Branson deutlich, dass Nachhaltigkeit im Finanzsektor nur dann glaubwürdig bleibe, wenn sie nachvollziehbar und belastbar verankert sei. „Greenwashing gefährdet nicht nur einzelne Produktversprechen, sondern das Vertrauen in die Integrität der Finanzmärkte“, sagte Branson in seiner Keynote. Zugleich warnte er davor, Nachhaltigkeitsprodukte zu komplex oder zu unverbindlich zu gestalten. Anleger erwarteten zunehmend nicht nur Rendite, sondern auch reale Wirkung. Werden diese Erwartungen enttäuscht, drohe ein erheblicher Vertrauensverlust.
Branson verwies außerdem auf die wachsende Bedeutung physischer Klimarisiken. Extremwetterereignisse, steigende Schäden und mögliche Grenzen der Versicherbarkeit träfen zunehmend das Kerngeschäft von Versicherern und Finanzinstituten.
Klimarisiken verändern das Versicherungsgeschäft
Wie stark Klimafolgen inzwischen finanzwirtschaftliche Relevanz besitzen, zog sich als Leitmotiv durch zahlreiche Beiträge des Summits. Meteorologe Sven Plöger kritisierte, dass beim Klimawandel weniger das Wissen fehle als vielmehr konsequentes Handeln. Klimarisiken würden häufig unterschätzt, weil viele Entwicklungen schleichend verliefen und schwer greifbar seien. Transformation müsse deshalb stärker über positive Zukunftsbilder und konkrete Handlungsfähigkeit kommuniziert werden.
Auch Prof. Dr. Markus Zimmer von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Allianz Research betonte die zunehmende Bedeutung von Versicherungslücken als makrofinanzielles Risiko. Wenn Schäden nicht mehr versichert oder unbezahlbar würden, verlagerten sich Risiken auf Haushalte, Unternehmen und den Staat.
Philipp Bäcker von der R+V Versicherung beschrieb in diesem Zusammenhang einen Rollenwandel der Assekuranz: Versicherer müssten sich zunehmend von reinen Schadenregulierern zu Präventions-, Resilienz- und Transformationspartnern entwickeln.
Nachhaltigkeit wird Teil der Unternehmenssteuerung
Auch für das Risikomanagement ergeben sich nach Einschätzung der Teilnehmer neue Anforderungen. Dr. Dietmar Schölisch von der Provinzial verwies darauf, dass Nachhaltigkeitsrisiken häufig quer zu klassischen Risikokategorien verliefen. Physische Risiken, Transitionsrisiken, Reputationsrisiken und strategische Risiken griffen zunehmend ineinander. Szenarioanalysen könnten deshalb helfen, vulnerable Zielgruppen zu identifizieren und strategische Entscheidungen vorzubereiten.
Ähnlich argumentierte Svetlana Thaller-Honold von der BarmeniaGothaer. Klima-Transitionspläne seien nicht bloß regulatorische Pflichtübungen, sondern dynamische Steuerungsinstrumente, die Kapitalanlage, Versicherungsgeschäft, Schadenmanagement und Betriebsprozesse miteinander verbinden müssten.
Green Claims und Klimaklagen rücken näher
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Greenwashing-Risiken und der rechtlichen Dimension von Nachhaltigkeitskommunikation. Dr. Meike Gebhard von der UTOPIA GmbH erläuterte, dass die kommende EmpCo-Richtlinie die Anforderungen an Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen deutlich verschärfen werde. Allgemeine Begriffe wie „nachhaltig“, „grün“ oder „klimaneutral“ müssten künftig wesentlich genauer begründet werden.
Ergänzt wurde diese Perspektive durch Beiträge zu sogenannten Climate-Litigation-Verfahren. Lydia Savill und Dr. Moritz Voit von Hogan Lovells zeigten, dass Klimaklagen weltweit strategischer und wirkungsorientierter würden. Für Versicherer entstünden dadurch Risiken in unterschiedlichen Sparten – von D&O bis Haftpflicht.
Biodiversität und soziale Nachhaltigkeit gewinnen an Bedeutung
Neben Klimathemen rückte der Summit auch Biodiversitäts- und Naturkapitalrisiken stärker in den Fokus. Dr. Ralf Lütz von BNP Paribas verwies darauf, dass mehr als die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung moderat bis stark von funktionierenden Ökosystemen abhänge. Naturbezogene Risiken könnten Lieferketten, Kreditportfolios und Kapitalanlagen gleichermaßen beeinflussen.
Daneben spielte auch die soziale Dimension von Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. Anke Holste von der LVM Versicherung sprach über soziale Gesundheit und psychologische Sicherheit als Grundlage nachhaltiger Organisationen. Yolanda Rother von The Impact Company thematisierte Diversity, Equity & Inclusion sowie strukturelle Fragen von Unternehmenskultur und Teilhabe.
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