Jeder Vierte spricht mit KI – doch die Mehrheit befürchtet mehr Einsamkeit
Es ist spät geworden, die Wohnung ist still, und eigentlich gäbe es noch einiges zu erzählen. Von einem schwierigen Tag vielleicht, einer Entscheidung, die nicht leichter wird, je länger man darüber nachdenkt, oder einfach von etwas, das einen beschäftigt, ohne dass man genau sagen könnte, warum. Früher hätte man möglicherweise einen Freund angerufen, heute genügt es, das Smartphone in die Hand zu nehmen und ein Gespräch mit einer künstlichen Intelligenz zu beginnen. Sie antwortet sofort, fragt nach, widerspricht selten und scheint selbst dann noch aufmerksam zuzuhören, wenn sich die Gedanken längst im Kreis drehen.
Eine solche Szene ist längst keine reine Zukunftsfantasie mehr. Nach dem Digitalklimaindex 2026 der Deutschen Glasfaser haben sich bereits 23 Prozent der Menschen zwischen 16 und 65 Jahren mit einem Chatbot unterhalten, der als digitaler Freund oder Gesprächspartner auftritt. Unter den 16- bis 29-Jährigen ist es sogar jeder Dritte. Allerdings zeigt die Untersuchung auch, dass die Bereitschaft, sich einer Maschine anzuvertrauen, keineswegs bedeutet, sie als Ersatz für menschliche Beziehungen akzeptieren zu wollen.
Ein Gespräch ist noch keine Freundschaft
Was macht den digitalen Gesprächspartner so attraktiv? Er ist verfügbar, wenn andere schlafen, beschäftigt sind oder schlicht keine Lust haben, sich zum wiederholten Mal mit denselben Sorgen auseinanderzusetzen. Er verlangt keine Rücksichtnahme auf eigene Bedürfnisse und kennt weder Ungeduld noch die Verlegenheit, die entstehen kann, wenn ein Gespräch plötzlich zu persönlich wird.
Allerdings hat diese scheinbare Aufmerksamkeit eine Besonderheit: Die Maschine muss sich nicht für den Menschen interessieren, um Interesse überzeugend darstellen zu können.
Dass den Nutzern dieser Unterschied durchaus bewusst ist, zeigt die Untersuchung ebenfalls. Während 34 Prozent der unter 30-Jährigen bereits mit einem Chatbot wie mit einem digitalen Freund gesprochen haben, würden nur 19 Prozent dieser Altersgruppe eine Freundschaft mit einer künstlichen Person befürworten. Über alle Altersgruppen hinweg lehnen sogar 78 Prozent solche Beziehungen ab.
Offenbar wissen die Menschen recht genau, dass zwischen einem Gespräch und einer Freundschaft etwas liegt, das sich nicht allein durch sprachliche Gewandtheit ersetzen lässt. Ein Freund hat eigene Gedanken, eigene Sorgen und manchmal auch schlicht keine Zeit. Eine KI kennt diese Gegenseitigkeit nicht, selbst wenn sie sie sprachlich nachbilden kann.
Wenn Verfügbarkeit menschliche Nähe ersetzt
Kehren wir zu unserem nächtlichen Gespräch zurück. Die Gedanken sind ausgesprochen, die Antworten waren freundlich, vielleicht sogar hilfreich, und das Smartphone wird schließlich zur Seite gelegt. Aber hat dieser Austausch einen menschlichen Kontakt ersetzt, der sonst stattgefunden hätte, oder war er eine zusätzliche Möglichkeit, sich mit den eigenen Gedanken auseinanderzusetzen?
58 Prozent der Befragten befürchten, dass Menschen durch die Kommunikation mit KI weniger auf andere zugehen und dadurch einsamer werden. Nur 32 Prozent erwarten, dass künstliche Gesprächspartner soziale Isolation verringern können. Besonders ausgeprägt ist die Sorge bei den 45- bis 59-Jährigen mit 62 Prozent, doch auch unter den jüngsten Befragten überwiegt sie mit 51 Prozent.
Dabei trifft die Technologie auf ein gesellschaftliches Problem, das lange vor ihrer Verbreitung bestand. Nach einer Untersuchung der Bertelsmann Stiftung fühlten sich bereits 2024 rund 46 Prozent der 16- bis 30-Jährigen zumindest moderat einsam.
Ob künstliche Intelligenz diese Entwicklung verstärkt oder einzelnen Menschen gerade eine Möglichkeit bietet, mit fehlenden sozialen Kontakten besser umzugehen, lässt sich aus dem Digitalklimaindex nicht ableiten. Die Untersuchung erfasst Erwartungen, keine langfristigen Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen.
Zwischen Fortschrittsoptimismus und Skepsis
Wie unterschiedlich die Menschen künstliche Intelligenz wahrnehmen, zeigt der Blick auf die Bundesländer. Während in Hamburg und Bremen jeweils 58 Prozent überwiegend Chancen erkennen, überwiegt in Bayern, Berlin, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern die Einschätzung, dass KI vor allem Risiken mit sich bringt.
Bundesweit betrachten 51 Prozent der Befragten künstliche Intelligenz hauptsächlich als Chance, 43 Prozent verbinden mit ihr überwiegend Risiken. Besonders deutlich zeigt sich der Generationenunterschied: Unter den 16- bis 29-Jährigen sind 64 Prozent optimistisch, bei den 60- bis 65-Jährigen dagegen nur 42 Prozent.
Bemerkenswert ist dabei Brandenburg, das als einziges ostdeutsches Bundesland mit einem Chancenanteil von 56 Prozent über dem Bundesdurchschnitt liegt, während im benachbarten Sachsen-Anhalt lediglich 43 Prozent diese Einschätzung teilen.
Die regionalen Unterschiede zeigen, dass die gesellschaftliche Akzeptanz künstlicher Intelligenz keineswegs einheitlich verläuft. Welche Ursachen dahinterstehen, etwa unterschiedliche Nutzungserfahrungen, wirtschaftliche Erwartungen oder das Vertrauen in digitale Technologien, wurde mit den vorliegenden Ergebnissen allerdings nicht geklärt.
Wem glauben wir, wenn die Maschine spricht?
Unser digitaler Gesprächspartner kann weit mehr, als geduldig zuzuhören. Er kann Nachrichten erklären, Informationen zusammenfassen und Zusammenhänge herstellen, die dem Nutzer zunächst plausibel erscheinen. Nur ist eine überzeugend formulierte Antwort noch lange keine richtige.
74 Prozent der Befragten erwarten, dass künstliche Intelligenz künftig zur Verbreitung von mehr Falschnachrichten beitragen wird. Lediglich 21 Prozent rechnen mit einer Verbesserung der Nachrichtenqualität. Zugleich befürchten 66 Prozent, dass es schwieriger wird, persönliche Daten vor Missbrauch und unerlaubtem Zugriff zu schützen.
Damit erhält die Frage nach dem Vertrauen eine weitere Dimension. Denn wer einer Maschine persönliche Gedanken anvertraut, ihre Antworten zunehmend in eigene Entscheidungen einbezieht und sie möglicherweise sogar um Rat bittet, muss nicht nur wissen, ob die Informationen richtig sind, sondern auch, was mit den eigenen Angaben geschieht.
Ruben Queimano, Chief Commercial Officer bei Deutsche Glasfaser, verweist deshalb auf die Bedeutung nachvollziehbarer Quellen, Transparenz und Medienkompetenz. Vertrauen entstehe dort, wo Informationen verlässlich seien.
Was bleibt, wenn das Gespräch beendet ist?
Vielleicht liegt die eigentliche Aussage des Digitalklimaindex gerade darin, dass die Menschen künstliche Intelligenz durchaus als nützliches Gegenüber entdecken, ohne deshalb die Besonderheit menschlicher Beziehungen infrage zu stellen.
Für die Person aus unserer Eingangsszene kann das nächtliche Gespräch hilfreich gewesen sein. Vielleicht hat sie einen Gedanken ordnen können, für den gerade niemand sonst erreichbar war. Vielleicht hat sie aber auch darauf verzichtet, am nächsten Morgen einen Freund anzurufen, weil das Bedürfnis, darüber zu sprechen, zunächst befriedigt schien.
Welche dieser Möglichkeiten künftig häufiger eintreten wird, weiß die Studie nicht.
Und wenn das Smartphone schließlich ausgeschaltet wird, bleibt eine Frage, die sich mit keiner noch so guten Antwort erledigt: Hat da gerade jemand zugehört, oder hat lediglich etwas geantwortet?
Quelle: Deutsche Glasfaser, Digitalklimaindex 2026
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