Lenka Novak ist Gründerin und Geschäftsführerin der Novak Investments GmbHLenka Novak ist Gründerin und Geschäftsführerin der Novak Investments GmbH

Riester 2027: Warum jetzt noch nicht die Zeit zum Wechseln ist

Veröffentlichung: 05.10.2026, 07:10 Uhr - Lesezeit 7 Minuten

Von 50 Anbietern, die das Institut für Vorsorge und Finanzplanung zwischen dem 11. Mai und dem 8. Juli 2026 befragt hat, rechnen 47 Prozent erst zu einem späteren Zeitpunkt mit Produktunterlagen oder einem ersten Entwurf. Weitere 35 Prozent nannten September oder Oktober. Wer heute zum Wechsel ins Altersvorsorgedepot rät, empfiehlt bei vielen Anbietern ein Produkt, dessen Bedingungen noch gar nicht vorliegen.

(PDF)

Der gesetzliche Rahmen steht dagegen fest. Das Altersvorsorgereformgesetz wurde am 29. Mai 2026 im Bundesgesetzblatt verkündet. Die Ansparphase startet am 1. Januar 2027, die erweiterten Vorschriften zu Meldewesen und Digitalisierung folgen ein Jahr später. Beitragsgarantien sind künftig wählbar. Beim Standardprodukt sind die Effektivkosten auf 1,0 Prozent im Jahr begrenzt.

Die Lücke liegt zwischen Gesetz und Ausführung. In derselben Umfrage entwickeln 36 Prozent der Anbieter bereits digitale Schnittstellen. 46 Prozent können dazu keine Angabe machen, 7 Prozent sehen keine vor. Die zweite Stufe des Gesetzes sagt dasselbe: Meldewesen und Digitalisierung greifen erst zum 1. Januar 2028. Solange Bestandsführung, Zulagenprozess und Vergleichsrechner offen sind, fehlt die Grundlage für einen belastbaren Vergleich zwischen Altvertrag und Depot.

14,7 Millionen offene Fragen

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales zählt zum Jahresende 2025 14,663 Millionen Riester-Verträge, darunter 9,745 Millionen Versicherungsverträge und 2,996 Millionen Fondsverträge. Gegenüber 2024 sind netto 318.000 Verträge weggefallen, das achte Minusjahr in Folge. Den Anteil ruhender Verträge schätzt das Ministerium auf gut ein Fünftel bis knapp ein Viertel. Solche Verträge bleiben im Bestand liegen, bis ihre Inhaber über Tagespresse oder Anbieterwerbung darauf stoßen. Zum Jahreswechsel wird das eine Menge Telefonate geben.

Bestand sortieren, bevor der Kunde anruft

Sortieren Sie zuerst nach zwei Merkmalen: Restlaufzeit und Garantieanteil. Ein Vertrag mit acht Jahren Restlaufzeit und hoher Garantie braucht eine andere Antwort als ein Vertrag mit 25 Jahren Laufzeit und hohem Fondsanteil. Im Dezember bleibt für diese Arbeit keine Zeit mehr.

Im zweiten Schritt geht es um die Wechselkosten. Fragen Sie beim abgebenden Anbieter schriftlich ab, was eine Übertragung kostet, Vertrag für Vertrag. Die Höhe der Wechselkosten entscheidet in vielen Fällen über die spätere Empfehlung, und sie steht selten in der Kundenakte. Deshalb gehört sie für jeden einzelnen Vertrag dokumentiert. Eine telefonische Auskunft reicht dafür nicht, weil sie im Streitfall niemand belegt.

Der dritte Schritt betrifft die eigene Erlaubnis. Ein Altersvorsorgedepot im Versicherungsmantel lässt sich mit der Erlaubnis nach Paragraf 34d Gewerbeordnung vermitteln, die reine Depotvariante verlangt die Erlaubnis nach Paragraf 34f. Frank Rottenbacher, Vorstand des AfW Bundesverband Finanzdienstleistung, rechnet damit, dass ein Teil der Kunden den Versicherungsmantel ausschlägt. Bastian K. Roeder, Vorstand der BCA AG, berichtet von rund 50 Prozent der Versicherungsmakler im BCA-Pool, die zusätzlich eine 34f-Erlaubnis halten. Im Vermittlerregister standen zum 1. Juli 2026 178.810 Eintragungen nach Paragraf 34d und 41.388 nach Paragraf 34f.

Haftung läuft mit

Bei Umdeckungen steigt das Haftungsrisiko. Verletzt ein Vermittler seine Beratungs- und Dokumentationspflichten, können daraus Schadensersatzansprüche nach Paragraf 63 Versicherungsvertragsgesetz entstehen. Das Oberlandesgericht Karlsruhe entschied am 7. März 2023 über eine Umdeckung in der privaten Krankenversicherung, bei der das Krankenhaustagegeld entfiel (Az. 12 U 268/22). Die Rechtsprechung geht davon aus, dass ein Versicherter einmal erreichten Schutz behalten will. Das Urteil stammt zwar aus einem anderen Versicherungszweig. Für die Beratung im Riester-Bestand zeigt es dennoch, wie wichtig eine nachvollziehbare Gegenüberstellung bestehender und neuer Vertragsmerkmale ist. Wer Garantien, Kosten oder Leistungen eines Altvertrags zugunsten höherer Renditechancen aufgibt, sollte Vor- und Nachteile entsprechend sorgfältig dokumentieren.

In unseren eigenen Bestandsgesprächen liegt die Auskunft über die Wechselkosten inzwischen vor dem Termin auf dem Tisch. Das verändert den Ton des Gesprächs, weil der Kunde eine Zahl sieht statt einer Einschätzung.

Welche Lösung die beste ist, ist bei jedem Kunden individuell. Am Ende zählt, was sich wirklich lohnt.

Der Dezember wird laut. Tagespresse, Anbieterkampagnen und Kundenanfragen treffen auf denselben Stichtag. Wer den Bestand bis dahin sortiert hat, die Wechselkosten in der Akte führt und die eigene Erlaubnisfrage geklärt hat, berät im Januar. Wer im Dezember anfängt, verwaltet nur noch Anfragen.

Zur Autorin

Lenka Novak ist Gründerin und Geschäftsführerin der Novak Investments GmbH in Arzberg. Die Finanzanlagenfachfrau mit Schwerpunkt Investment ist nach Paragraf 34d Absatz 1 und Paragraf 34f Absatz 1 GewO registriert und im IHK-Vermittlerregister eingetragen. Mit 23 Beraterinnen und Beratern betreut sie bundesweit über 1.000 Familien und Unternehmer in der Vermögensplanung.


Quellen:

  • IVFP: Anbieterumfrage zum Altersvorsorgedepot, veröffentlicht am 7. August 2026; 50 befragte Unternehmen.
  • BMAS: Riester-Vertragsstatistik zum Jahresende 2025, Auswertung vom 27. April 2026.
  • DIHK: Vermittlerregister, Stand 1. Juli 2026. AssCompact: Beitrag zur Erlaubnisfrage beim Altersvorsorgedepot vom 29. April 2026.
  • Altersvorsorgereformgesetz: Bundesgesetzblatt vom 29. Mai 2026. OLG Karlsruhe: Urteil zur Maklerhaftung bei Umdeckung vom 7. März 2023, Az. 12 U 268/22; § 63 VVG.
(PDF)

LESEN SIE AUCH

Mit der Reform der privaten Altersvorsorge wird die staatliche Förderung ab 2027 stärker an den eigenen Sparbeitrag gekoppelt. Besonders Familien, Berufseinsteiger und Sparer mit kleineren Beiträgen können von den neuen Zulagen profitieren.Mit der Reform der privaten Altersvorsorge wird die staatliche Förderung ab 2027 stärker an den eigenen Sparbeitrag gekoppelt. Besonders Familien, Berufseinsteiger und Sparer mit kleineren Beiträgen können von den neuen Zulagen profitieren.Redaktion experten.de / KI-generiert
Fürs Alter

Private Altersvorsorge ab 2027: Wer besonders von der neuen Förderung profitiert

Ab 2027 verändert sich die staatliche Förderung der privaten Altersvorsorge. Familien, Berufseinsteiger und Menschen mit kleineren Sparraten können besonders profitieren, auch Selbstständige erhalten Zugang. Doch wie viel gibt der Staat künftig tatsächlich dazu?
BVK-Präsident Michael H. Heinz fordert, persönliche Beratung auch beim Wechsel von bestehenden Riester-Verträgen in das neue Standard-Altersvorsorgedepot zu verankern.BVK-Präsident Michael H. Heinz fordert, persönliche Beratung auch beim Wechsel von bestehenden Riester-Verträgen in das neue Standard-Altersvorsorgedepot zu verankern.BVK
Beratung

BVK warnt vor Riester-Wechsel ohne Beratung

Soll der Wechsel aus einem bestehenden Riester-Vertrag in das neue Standard-Altersvorsorgedepot auch ohne Beratung möglich sein? Der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute warnt davor und fordert den Gesetzgeber auf, persönliche Beratung im neuen Fördersystem zu verankern. Rückenwind bekommt der Vermittlerverband ausgerechnet von einer aktuellen Verbraucherbefragung.
Mit der Reform der geförderten Altersvorsorge treffen unterschiedliche Produktwelten aufeinander. Für Vermittler wird der Vergleich anspruchsvoller, weil neben Renditechancen auch Garantien, Risiken und die spätere Auszahlphase berücksichtigt werden müssen.Mit der Reform der geförderten Altersvorsorge treffen unterschiedliche Produktwelten aufeinander. Für Vermittler wird der Vergleich anspruchsvoller, weil neben Renditechancen auch Garantien, Risiken und die spätere Auszahlphase berücksichtigt werden müssen.Redaktion experten.de / KI-generiert
Beratung

Neue Altersvorsorge stellt Produktvergleich auf den Kopf

Mit der Reform der geförderten Altersvorsorge wächst nicht nur die Zahl möglicher Produktlösungen. Versicherungen treffen auf Investmentprodukte, Garantiekonzepte auf stärker kapitalmarktorientierte Angebote und lebenslange Renten auf Auszahlpläne. Für Vermittler entsteht damit eine neue Herausforderung: Produkte müssen miteinander verglichen werden, die nach unterschiedlichen Prinzipien funktionieren.
Neue Analysewerkzeuge sollen Vermittlern helfen, für jeden Riester-Kunden den wirtschaftlich sinnvollsten Wechselzeitpunkt in die neue Förderwelt zu bestimmen (Symbolbild).Neue Analysewerkzeuge sollen Vermittlern helfen, für jeden Riester-Kunden den wirtschaftlich sinnvollsten Wechselzeitpunkt in die neue Förderwelt zu bestimmen (Symbolbild).Redaktion experten.de / KI-generiert
Tools

Riester-Reform: Vermittler bereiten Bestände jetzt systematisch auf den Wechsel vor

Die Vorbereitungen auf die Reform der geförderten Altersvorsorge gehen in die nächste Phase. Nach den ersten Fördervergleichsrechnern folgt nun die automatisierte Analyse bestehender Riester-Verträge. Ziel ist es, Vermittlern frühzeitig aufzuzeigen, wann ein Wechsel in die neue Förderwelt wirtschaftlich sinnvoll werden kann.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

Beihilfe im Wandel
Ausgabe 10/26

Beihilfe im Wandel

Dr. Günther Blaich, Dr. Gerd Sautter und Fabian Ober - INTER
"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht