Cyberangriffe: Warum Selbstständige häufiger einen Schaden erleiden
Cyberkriminelle greifen Selbstständige und Freiberufler nicht häufiger an als andere kleine und mittlere Unternehmen. Doch wenn eine Attacke erfolgt, bleibt sie deutlich häufiger nicht folgenlos. Besonders drastisch fällt der Unterschied bei Ärzten, Rechtsanwälten und anderen Kammerberufen aus.
Cyberangriffe treffen Selbstständige und Freiberufler nicht wesentlich häufiger als andere kleine und mittlere Unternehmen. Doch wenn eine Attacke erfolgt, bleibt sie deutlich häufiger nicht folgenlos. Besonders drastisch fällt der Unterschied bei Ärzten, Rechtsanwälten und anderen Kammerberufen aus. Das zeigt die HDI Cyberstudie 2026. Für die Untersuchung befragte Sirius Campus im Auftrag des Versicherers Anfang 2026 rund 1.100 Versicherungs- und IT-Verantwortliche kleiner und mittlerer Unternehmen sowie Selbstständige und Freiberufler. Rund ein Drittel der Befragten war in den beiden Jahren vor der Befragung mindestens einmal Ziel eines Cyberangriffs. Selbstständige und Freiberufler wurden dabei ähnlich häufig attackiert wie kleine und mittlere Unternehmen. Der entscheidende Unterschied zeigt sich erst danach.
Bei Kammerberufen bleiben nur vier von zehn Angriffen folgenlos
Über alle Befragten hinweg konnten 65 Prozent der von Cyberattacken Betroffenen die Angriffe abwehren, ohne dass ein Schaden entstand. Bei Selbstständigen und Freiberuflern gelang dies nur in 52 Prozent der Fälle. Noch deutlicher fällt der Unterschied bei sogenannten Kammerberufen aus. Bei Ärzten, Rechtsanwälten oder Architekten blieben lediglich 40 Prozent der Angriffe ohne Schaden.
„Kleinstunternehmen, Selbstständige und Freiberufler verfügen häufig nicht über so wirkungsvolle IT-Sicherheitsressourcen wie größere Unternehmen“, erklärt Peter Bertram, Leiter Produktmanagement und Underwriting Cyber der HDI Versicherung. Eigene IT-Abteilungen oder spezialisierte Fachkräfte stünden kleineren Strukturen häufig nicht zur Verfügung. Damit ist nicht unbedingt die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs das besondere Risiko von Selbstständigen. Ihre Verwundbarkeit wird vielmehr dann sichtbar, wenn ein Angriff tatsächlich stattfindet.
Gestohlene Daten treffen Geschäftsmodelle, die auf Vertrauen beruhen
Bei den Folgen verschärft sich das Bild noch einmal. Über alle Geschädigten hinweg waren Betriebsunterbrechungen mit 32 Prozent die häufigste genannte Folge eines Cyberangriffs. 26 Prozent berichteten vom Diebstahl von Kundendaten, 25 Prozent von Image- oder Reputationsschäden. Bei betroffenen Kammerberufen liegen die Werte erheblich höher. 57 Prozent berichteten von einer Betriebsunterbrechung. Bei 61 Prozent wurden Kunden- oder Mandantendaten gestohlen oder gelöscht. 63 Prozent erlitten nach eigenen Angaben Image- und Reputationsschäden. Hinzu kommt ein unmittelbares Haftungsrisiko: 44 Prozent der betroffenen Kammerberufe sahen sich nach dem Cybervorfall mit Schadenersatzforderungen von Kunden oder Mandanten konfrontiert. Gerade für Ärzte, Rechtsanwälte, Steuerberater oder andere beratende Berufe kann ein Cyberangriff deshalb über die Wiederherstellung von IT-Systemen hinausreichen. „Vertrauen ist für viele freie Berufe eine zentrale Geschäftsgrundlage“, sagt Bertram. Werden vertrauliche Informationen entwendet oder ein Vorfall öffentlich bekannt, könne dies das Verhältnis zu Patienten, Mandanten oder Kunden nachhaltig beeinträchtigen.
Mehr als jeder zweite Schaden kostet Selbstständige über 10.000 Euro
Auch bei den finanziellen Folgen zeigt die Studie Unterschiede. Von allen Befragten, die bereits einen Cyberschaden erlitten hatten, bezifferten 44 Prozent die Kosten ihres letzten Vorfalls auf mehr als 10.000 Euro. Unter Selbstständigen und Freiberuflern waren es 58 Prozent. Damit zeigt sich innerhalb der Studie ein bemerkenswerter Gegensatz: Insgesamt ist die durchschnittliche Schadenhöhe erfolgreicher Cyberangriffe gegenüber früheren HDI-Untersuchungen deutlich zurückgegangen. Für Selbstständige bleibt die Wahrscheinlichkeit eines fünfstelligen Schadens nach einem erfolgreichen Angriff jedoch überdurchschnittlich hoch.
Der Versicherer führt die höhere Verwundbarkeit kleiner Strukturen insbesondere auf begrenzte IT-Ressourcen zurück. Wo keine eigene IT-Abteilung existiert, müssen technische Absicherung, Aktualisierungen, Datensicherung und organisatorische Vorkehrungen häufig parallel zum eigentlichen Geschäft bewältigt werden.
Cyberprävention wird zur Frage der Betriebsfähigkeit
Die HDI-Studie zeigt zugleich, dass Unternehmen zunehmend Schutzmaßnahmen einsetzen. Dazu gehören technische Vorkehrungen wie Firewalls und automatische Backups ebenso wie Mitarbeiterschulungen, interne Richtlinien und Notfallpläne. Dass solche Maßnahmen einen messbaren Unterschied machen können, hatte bereits die Gesamtauswertung der Cyberstudie 2026 gezeigt. Unternehmen mit Präventionsmaßnahmen verzeichneten demnach eine um 33 Prozent niedrigere durchschnittliche Schadenhöhe als Unternehmen ohne entsprechende Vorkehrungen. 35 Prozent der Teilnehmer der aktuellen Untersuchung verfügen zudem über eine Cyberversicherung.
Für Selbstständige und Freiberufler spricht aus den Ergebnissen jedoch vor allem eine andere Erkenntnis: Kleine Unternehmensgröße schützt nicht vor Cyberangriffen – kann aber die Möglichkeiten begrenzen, einen Angriff ohne Schaden zu überstehen.
Besonders für Berufsgruppen, deren Geschäft auf vertraulichen Kunden-, Mandanten- oder Patientendaten beruht, wird Cybersicherheit damit nicht allein zur IT-Frage. Sie betrifft zugleich Betriebsfähigkeit, Haftung und Reputation.
Themen:
LESEN SIE AUCH
Cyberstudie: Heilberufe unterschätzen Präventionspotenzial – Angriffsziel Patientendaten
Ransomware: Jedes fünfte betroffene Unternehmen hat schon Lösegeld gezahlt
Angespannte Sicherheitslage: Cyberrisiken als neue Normalität für Versicherer
Cyber-Versicherung: Die größten Schwächen schlechter Tarife
Unsere Themen im Überblick
Themenwelt
Wirtschaft
Management
Recht
Finanzen
Assekuranz
Autonome KI-Agenten verändern die Cyberversicherung: Versicherer definieren ihre Policen neu
Cyberversicherung für Privatkunden: Nur ein Tarif schafft die Bestnote
Corgi will Unternehmen gegen Schäden durch künstliche Intelligenz absichern
OpenAI-Crawler erfasste Kundendaten der uniVersa: Warum der Vorfall die gesamte Versicherungsbranche betrifft
Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk
Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.
















