Straßenverkehr: Jeder Zweite reagiert seinen Ärger am Steuer ab
Drängeln, dichtes Einscheren und Smartphone-Nutzung: Das Verkehrsklima in Deutschland wird rauer. Eine Langzeitstudie der Unfallforschung der Versicherer zeigt, dass nahezu alle untersuchten Werte für aggressives Verhalten seit 2023 weiter gestiegen sind. Besonders auffällig ist jedoch die Wahrnehmung der Verkehrsteilnehmer: Das eigene Verhalten wird deutlich positiver beurteilt als das der anderen.
Das Klima auf Deutschlands Straßen verschlechtert sich weiter. Bei nahezu allen 23 von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) untersuchten Verhaltensweisen, die auf Aggression im Straßenverkehr hindeuten, haben sich die Werte gegenüber der vorherigen Erhebung 2023 verschlechtert. Bei einigen fällt der Anstieg deutlich aus. Besonders sichtbar wird die Entwicklung im Langzeitvergleich. 55 Prozent der Autofahrenden geben inzwischen an, sich sofort abreagieren zu müssen, wenn sie sich über andere Verkehrsteilnehmer ärgern. 2023 waren es 50 Prozent, 2016 erst 29 Prozent.
Auch Drängeln wird häufiger eingeräumt. 47 Prozent fahren nach eigenen Angaben zumindest gelegentlich dicht auf, wenn der Vorausfahrende aus ihrer Sicht zu langsam unterwegs ist. 2023 waren es 39 Prozent, 2016 ebenfalls 29 Prozent. Fast ein Drittel – 32 Prozent – schert nach einem Überholvorgang mitunter so knapp ein, dass das überholte Fahrzeug bremsen muss. Vor zehn Jahren lag dieser Anteil bei 21 Prozent. „Es ist verantwortungslos, aus Wut oder um schneller ans Ziel zu kommen die Gesundheit oder das Leben anderer aufs Spiel zu setzen“, sagt Kirstin Zeidler, Leiterin der Unfallforschung der Versicherer. Die Entwicklung beobachtet die UDV nach eigenen Angaben bereits seit zehn Jahren.
Auch bei Radfahrenden nehmen riskante Verhaltensweisen zu
Das Phänomen beschränkt sich nicht auf Autofahrende. Unter den befragten Radfahrenden geben 43 Prozent an, hin und wieder ihre Vorfahrt zu erzwingen. Bei der Erhebung 2023 waren es noch 28 Prozent. 48 Prozent überholen Autos zumindest gelegentlich links oder schlängeln sich durch den Verkehr, wenn sie rechts nicht vorbeikommen. Auch hier ist der Anstieg erheblich: 2023 hatten 34 Prozent dieses Verhalten angegeben. Damit zeigen die Ergebnisse weniger einen Konflikt zwischen einzelnen Verkehrsgruppen als eine breitere Entwicklung: Riskante oder aggressive Verhaltensweisen werden sowohl von Auto- als auch von Radfahrenden häufiger eingeräumt.
Rücksichtsvoll fährt vor allem einer: man selbst
Besonders deutlich wird in der Studie die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. 92 Prozent der Autofahrenden sagen, Radfahrende selbst besonders rücksichtsvoll zu überholen. Gleichzeitig beobachten 86 Prozent, dass andere Autofahrende Radfahrer zu eng überholen. Ein ähnliches Muster findet sich bei Radfahrenden. 48 Prozent räumen ein, Autos gelegentlich links zu überholen oder sich durch den Verkehr zu schlängeln. Bei anderen Radfahrenden beobachten dagegen 83 Prozent dieses Verhalten. Die UDV hatte diese Diskrepanz bereits in früheren Erhebungen festgestellt. Dass problematisches Verhalten überwiegend bei anderen wahrgenommen wird, bleibt damit ein charakteristisches Merkmal des Verkehrsklimas. Zeidler sieht darin auch eine Folge gesellschaftlicher Entwicklungen: „Das Leben wird immer hektischer, wir sind quasi permanent erreichbar, der Druck nimmt zu.“ Diese Entwicklung gehe auch am Straßenverkehr nicht vorbei, die „Zündschnur wird kürzer“.
Jeder Vierte schreibt während der Fahrt Nachrichten
Parallel zur zunehmenden Aggressivität wächst ein weiteres Sicherheitsrisiko: die Ablenkung durch Smartphones. Jeder vierte Befragte schreibt während der Fahrt zumindest gelegentlich Nachrichten, jeder fünfte nutzt soziale Netzwerke. Besonders verbreitet ist die Smartphone-Nutzung am Steuer unter den 18- bis 35-Jährigen. In dieser Altersgruppe geben 63 Prozent entsprechendes Verhalten an. Das Problem beschränkt sich allerdings längst nicht auf jüngere Fahrer. Unter den 36- bis 55-Jährigen liegt der Anteil inzwischen bei 42 Prozent, bei den 56- bis 69-Jährigen bei 22 Prozent. „Der Zeitgeist läuft der Sicherheit entgegen“, fasst Zeidler die Entwicklung zusammen.
Mehrheit fühlt sich trotzdem sicher
Bemerkenswert ist, dass die Entwicklung aggressiver und ablenkender Verhaltensweisen nicht mit einem grundsätzlich hohen Unsicherheitsgefühl einhergeht. 58 Prozent der Verkehrsteilnehmer fühlen sich im Straßenverkehr sicher. 2016 waren es allerdings noch 62 Prozent. Dabei besteht ein deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern: Von den Männern fühlen sich 66 Prozent sicher, von den Frauen lediglich 48 Prozent. Frauen sprechen sich entsprechend häufiger für strengere gesetzliche Maßnahmen aus. Über beide Geschlechter hinweg findet eine Null-Promille-Grenze für Kraftfahrzeugführer mit 74 Prozent besonders breite Zustimmung. Rund 72 Prozent befürworten zudem eine zusätzliche Grenze von 1,1 Promille für Radfahrende. Auch Geschwindigkeitsbegrenzungen finden mehr Zustimmung als in früheren Befragungen. Rund 60 Prozent sprechen sich für Tempo 130 auf Autobahnen aus, etwa 53 Prozent für Tempo 80 auf Landstraßen und rund 43 Prozent für Tempo 30 in Städten.
UDV fordert mehr Kontrollen und Sanktionen
Die UDV sieht Handlungsbedarf nicht nur bei den Verkehrsteilnehmern selbst. Zwar rechnen die Befragten inzwischen etwas häufiger mit Polizeikontrollen, tatsächlich erleben sie solche Kontrollen nach Einschätzung der Unfallforscher jedoch weiterhin selten. Auch Sanktionen werden vielfach als zu mild wahrgenommen. Die UDV fordert deshalb intensivere Kontrollen und strengere Sanktionen. Darüber hinaus seien Verkehrsplanung und Verkehrspsychologie gefragt, Konzepte gegen aggressives Verhalten in einem zunehmend dichten Verkehr zu entwickeln. Aufklärungskampagnen sollten stärker für gegenseitige Rücksichtnahme werben.
Die Ergebnisse zeigen dabei ein grundlegendes Problem: Wenn aggressives Verhalten zunimmt, die Ursache dafür aber vor allem bei anderen gesehen wird, dürfte sich das Verkehrsklima allein durch Appelle nur schwer verändern lassen.
Über die Studie
Für die Studie wurden zwischen März und April 2026 2.004 Personen ab 18 Jahren im Rahmen einer deutschlandweiten Onlinebefragung befragt. Die Daten wurden unter anderem nach Alter, Geschlecht, Bildung, regionaler Bevölkerungsverteilung, Führerscheinbesitz sowie Pkw-, Fahrrad- und ÖPNV-Nutzung gewichtet. Die UDV erhebt die Studie zum Verkehrsklima regelmäßig seit 2010.
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