Auswandern: Jeder dritte Deutsche denkt ernsthaft darüber nach
Österreich steht ganz oben auf der Wunschliste, doch hinter den Auswanderungsgedanken steckt nicht nur Fernweh. Eine internationale Befragung zeigt: Vor allem steigende Lebenshaltungskosten machen ein Leben außerhalb Deutschlands attraktiver. Für Versicherungs- und Vorsorgefragen kann aus dem Ortswechsel allerdings schnell eine komplexe Angelegenheit werden.
Das Leben im Ausland ist für viele Deutsche offenbar mehr als eine Urlaubsidee. 52 Prozent der Befragten können sich vorstellen, irgendwann in einem anderen Land zu leben. Fast jeder Dritte – 31 Prozent – denkt ernsthaft über einen solchen Schritt nach oder plant ihn bereits. Zehn Prozent verfolgen derzeit konkrete Umzugspläne.
Das geht aus der Studie „Future of Expats“ der digitalen Versicherungsplattform Feather hervor. Befragt wurden insgesamt 2.000 Erwachsene in Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien.
Im europäischen Vergleich fallen die deutschen Ergebnisse besonders durch ihre Konkretisierung auf. Zwar ist der Anteil derjenigen, die sich grundsätzlich ein Leben im Ausland vorstellen können, in Frankreich mit 57 Prozent noch höher. Doch nirgendwo sonst beschäftigen sich so viele Befragte bereits ernsthaft mit einem Umzug oder planen ihn aktiv.
Lebenshaltungskosten treiben Auswanderungsgedanken
Dabei geht es keineswegs nur um besseres Wetter oder einen anderen Lebensstil. 43 Prozent der deutschen Befragten geben die Lebenshaltungskosten als einen Faktor an, der sie für ein Leben im Ausland empfänglicher macht. In Großbritannien ist dieser Effekt mit 53 Prozent noch ausgeprägter, in Frankreich nennen ihn 48 Prozent. Unter den italienischen Befragten sind es 32 Prozent.
Die Motive unterscheiden sich allerdings zwischen den Ländern. Während für Franzosen die Lebensqualität besonders wichtig ist, spielen für Italiener Karrierechancen und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben eine vergleichsweise große Rolle. Britische Befragte orientieren sich besonders stark an niedrigeren Lebenshaltungskosten.
Und wohin würden die Deutschen am liebsten gehen? Österreich führt mit 17 Prozent die Liste der bevorzugten Ziele an. Briten und Italiener nennen dagegen besonders häufig Spanien, französische Befragte Kanada.
Der Umzug endet nicht an der Landesgrenze
Für die Versicherungs- und Finanzbranche ist an den Ergebnissen weniger das bevorzugte Zielland interessant als die zunehmende Bereitschaft, den Lebensmittelpunkt über Landesgrenzen hinweg zu verlagern. Denn mit einem dauerhaften Umzug können sich zahlreiche Fragen neu stellen: Welches Sozialversicherungssystem ist zuständig? Wie funktioniert die Krankenversicherung? Was geschieht mit bestehenden Vorsorgeverträgen? Welche Versicherungen gelten auch im neuen Wohnsitzland – und welche müssen angepasst werden?
Hinzu kommen steuerliche und arbeitsrechtliche Fragen, die davon abhängen können, ob jemand dauerhaft auswandert, vorübergehend im Ausland arbeitet oder seinen Wohn- und Arbeitsort auf verschiedene Staaten verteilt.
Damit wird aus einer zunächst privaten Lebensentscheidung schnell ein Beratungsanlass. Rob Schumacher, Geschäftsführer und Mitbegründer von Feather, verweist deshalb auf die praktische Seite der Auswanderung: Gesundheitsversorgung, Beschäftigung, Wohnen und Steuersystem könnten darüber entscheiden, ob ein auf dem Papier attraktives Zielland tatsächlich zur persönlichen Situation passe.
Auslandsleben wird vielfältiger
Interessant ist dabei noch eine zweite Entwicklung. Der klassische Begriff des Auswanderers beschreibt die heutigen Lebensmodelle nur noch bedingt. Remote Work, internationale Arbeitgeber und flexible Erwerbsbiografien erleichtern es zumindest einem Teil der Beschäftigten, ihren Lebensmittelpunkt zu verlagern, ohne sämtliche wirtschaftlichen Verbindungen zum Herkunftsland abzubrechen. Gerade dadurch können die Absicherungsfragen allerdings komplizierter werden.
Ob Versicherungsverträge fortbestehen, welche Sozialversicherung greift und wo Steuern anfallen, lässt sich nicht allein mit der Frage beantworten, in welchem Land jemand künftig wohnen möchte. Entscheidend sind unter anderem Aufenthaltsdauer, Beschäftigungsform und Zielland.
Die Feather-Befragung misst zunächst Absichten und Einstellungen – aus 31 Prozent ernsthaft Interessierten werden deshalb nicht automatisch 31 Prozent Auswanderer. Sie zeigt aber, dass ein Leben jenseits der deutschen Grenze für einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung inzwischen eine realistische Option darstellt.
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