ETFs übernehmen das Neugeschäft: Aktiv verwaltete Aktienfonds geraten ins Hintertreffen
Die deutsche Fondsbranche verwaltet erstmals knapp 5,2 Billionen Euro. Hinter dem Rekordwert verbirgt sich jedoch ein deutlich interessanterer Strukturwandel: Fast neun von zehn Euro, die im ersten Halbjahr neu in Aktienfonds flossen, landeten in ETFs. Gleichzeitig holen Publikumsfonds gegenüber dem traditionell dominierenden institutionellen Geschäft auf.
5,2 Billionen Euro verwaltetes Vermögen markieren einen neuen Höchststand für die deutsche Fondsbranche. Doch die spannendere Entwicklung steckt im Neugeschäft: Bei Aktienfonds ziehen ETFs inzwischen den weitaus größten Teil der neuen Gelder an – und verändern damit zunehmend die Struktur des Fondsmarktes.
Fondsvermögen steigt um sieben Prozent
Die Fondsgesellschaften verwalteten für Anleger in Deutschland zur Jahresmitte 2026 knapp 5,2 Billionen Euro. Gegenüber Ende 2025 entspricht das einem Anstieg um 348 Milliarden Euro beziehungsweise sieben Prozent. Zum Wachstum trugen auch erhebliche Mittelzuflüsse bei. Publikums- und Spezialfonds sammelten im ersten Halbjahr zusammen rund 80 Milliarden Euro netto ein. Die größte Fondsgruppe bleiben offene Spezialfonds mit einem verwalteten Vermögen von 2,409 Billionen Euro. Besonders bedeutende Anleger sind Altersvorsorgeeinrichtungen mit 851 Milliarden Euro und Versicherer mit 560 Milliarden Euro.
Publikumsfonds holen gegenüber Spezialfonds auf
Hinter den Gesamtzahlen zeigt sich jedoch bereits die erste strukturelle Verschiebung. Seit Ende der 1990er-Jahre stellen Spezialfonds die volumenstärkste Fondsgruppe in Deutschland. Ihr Vorsprung gegenüber Publikumsfonds schrumpft allerdings deutlich. Vor fünf Jahren lagen noch mehr als 700 Milliarden Euro zwischen beiden Segmenten. Inzwischen beträgt die Differenz nur noch 360 Milliarden Euro. Publikumsfonds verwalten mittlerweile 2,049 Billionen Euro. Nach Angaben des BVI entspricht dies einem Anstieg um 695 Milliarden Euro beziehungsweise 51 Prozent, wobei der Verband ausdrücklich darauf hinweist, dass neben einem starken Neugeschäft auch eine neue Erfassungsmethode für ETFs zu dieser Entwicklung beigetragen hat.
Fast neun von zehn neuen Euro gehen in ETFs
Besonders deutlich wird der Wandel beim Blick auf Aktienfonds. Im ersten Halbjahr flossen offenen Publikumsfonds insgesamt 51,8 Milliarden Euro zu. Aktienfonds standen mit 38,3 Milliarden Euro an der Spitze der Absatzstatistik. Davon entfielen allein 33,9 Milliarden Euro auf Aktien-ETFs. Damit vereinten ETFs rechnerisch knapp 89 Prozent des gesamten Netto-Mittelaufkommens der Aktienfonds auf sich. Das ist bemerkenswert: ETFs stellen damit nicht nur einen bedeutenden Teil des bereits vorhandenen Aktienfondsvermögens. Im aktuellen Neugeschäft dominieren sie das Segment deutlich.
Fast die Hälfte des Aktienfondsvermögens steckt bereits in ETFs
Auch im Bestand ist die Verschiebung weit fortgeschritten. Aktienfonds sind mit 1,092 Billionen Euro die größte Gruppe innerhalb der offenen Publikumsfonds. Davon entfallen 496 Milliarden Euro auf Aktien-ETFs. Ihr Anteil am gesamten Aktienfondsvermögen liegt damit bereits bei 45 Prozent. Über sämtliche Anlageklassen hinweg erfasst die BVI-Statistik ein ETF-Vermögen von 585 Milliarden Euro. Die tatsächliche Bedeutung des Marktes dürfte noch größer sein, da die Erhebung nicht sämtliche ETF-Bestände umfasst. Der BVI schätzt den deutschen ETF-Markt auf insgesamt mehr als 800 Milliarden Euro. Damit ist Deutschland nach Angaben des Verbandes inzwischen der größte ETF-Markt Europas.
Rentenfonds profitieren ebenfalls von Zuflüssen
Neben Aktienfonds konnten auch Rentenfonds neue Gelder anziehen. Ihnen flossen im ersten Halbjahr netto 10,6 Milliarden Euro zu. Besonders gefragt waren Fonds mit Schwerpunkt auf Anleihen mit bis zu drei Jahren Restlaufzeit sowie Unternehmensanleihen. Mischfonds kamen auf Zuflüsse von 3,6 Milliarden Euro. Damit konzentriert sich ein erheblicher Teil des Neugeschäfts auf zwei Anlagewelten: Aktienprodukte – dort überwiegend ETFs – und vergleichsweise kurz laufende beziehungsweise unternehmensorientierte Rentenanlagen.
ETFs werden vom Anlageprodukt zur Marktstruktur
Lange wurden ETFs vor allem als günstige Alternative zu aktiv gemanagten Fonds diskutiert. Die aktuellen BVI-Zahlen legen eine weitergehende Entwicklung nahe. Wenn bereits 45 Prozent des Aktienfondsvermögens in ETFs liegen und gleichzeitig knapp 89 Prozent der aktuellen Nettozuflüsse des Segments auf diese Produkte entfallen, verändert sich nicht mehr nur die Produktwahl einzelner Anleger. Die Gewichte innerhalb des Fondsmarktes selbst verschieben sich.
Das dürfte auch für die Beratung relevant werden. Mit dem geplanten staatlich geförderten Altersvorsorgedepot könnte kapitalmarktbasierte private Vorsorge zusätzlich an Bedeutung gewinnen. Die aktuellen Zahlen zeigen, welche Produktform Anleger bei Aktienfonds schon heute besonders stark mit neuem Kapital bedienen.
Der deutsche Fondsmarkt zur Jahresmitte 2026
- Knapp 5,2 Billionen Euro verwaltetes Fondsvermögen
- Rund 80 Milliarden Euro Nettozuflüsse in Publikums- und Spezialfonds
- 2,049 Billionen Euro Vermögen in offenen Publikumsfonds
- 38,3 Milliarden Euro Zuflüsse in Aktienfonds
- Davon 33,9 Milliarden Euro in Aktien-ETFs
- 496 Milliarden Euro Aktienfondsvermögen liegen bereits in ETFs
- 45 Prozent ETF-Anteil am gesamten Aktienfondsvermögen
- Deutschland ist mit geschätzt mehr als 800 Milliarden Euro der größte ETF-Markt Europas
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