Pflegebedürftigkeit steigt schneller als erwartet: Reform von 2017 wirkt nach
Mehr Anträge, mehr Leistungsbezieher – aber nicht allein wegen der Alterung. Eine Studie zeigt, wie stark der Zugang zur Pflege das System verändert hat.
Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren deutlich stärker gestiegen als ursprünglich erwartet. Dabei spielt nicht nur der demografische Wandel eine Rolle. Vielmehr hat die Reform des Pflegebedürftigkeitsbegriffs im Jahr 2017 den Zugang zu Leistungen grundlegend verändert. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des IGES-Institut im Auftrag des GKV-Spitzenverband.
Mehr Anträge, mehr Leistungsbezieher
Seit Einführung des neuen Begutachtungsinstruments ist die Zahl der Erstanträge auf Pflegeleistungen deutlich gestiegen. Zwischen 2017 und 2024 nahm sie um 25,9 Prozent zu. Parallel dazu erhöhte sich der Anteil der Pflegebedürftigen an den gesetzlich Versicherten von 4,6 Prozent auf 7,6 Prozent. Insgesamt hat sich die Zahl der Pflegebedürftigen seit der Reform nahezu verdoppelt – von rund drei auf knapp sechs Millionen. Auffällig ist: Der Anstieg lässt sich laut Studie nicht primär durch die Alterung der Gesellschaft erklären.
Zugang zur Pflege hat sich verändert
Stattdessen zeigt die Analyse eine strukturelle Verschiebung beim Zugang zu Leistungen. Immer mehr jüngere und weniger stark beeinträchtigte Personen stellen Anträge auf Pflegeleistungen. Mehr als drei Viertel (76,5 Prozent) der erwachsenen Antragsteller erhalten im ambulanten Bereich einen niedrigen Pflegegrad (PG 1 oder PG 2). Diese Gruppen verbleiben vergleichsweise lange im System. „Die positive Nachricht ist, dass der Zugang zur Pflege grundsätzlich gut funktioniert“, sagt Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes. „Auch jüngere Menschen nehmen mittlerweile vermehrt Pflegeleistungen in Anspruch.“
Wachstum stellt System vor Herausforderungen
Gleichzeitig führt die Entwicklung zu steigenden Belastungen für das System. „Der starke Anstieg der Leistungsbeziehenden insgesamt, den wir seit Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs beobachten, stellt die Pflegeversicherung heute auch vor große Herausforderungen“, so Blatt. Ein wesentlicher Grund liegt aus Sicht des GKV-Spitzenverbandes in der politischen Ausgestaltung der Reform. Der Zugang sei damals großzügiger geregelt worden als von wissenschaftlicher Seite empfohlen. „Gerade in einem solidarischen System müssen wir darauf achten, dass diejenigen Hilfe bekommen, die wirklich darauf angewiesen sind, und das System zugleich finanzierbar bleibt“, sagt Blatt.
Zuwachs auch bei jüngeren Versicherten
Auch bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich ein Anstieg der Pflegeanträge. Der Anteil der unter 18-Jährigen bei neuen Anträgen auf ambulante Pflegeleistungen stieg von 3,9 Prozent im Jahr 2018 auf 6,5 Prozent im Jahr 2024. Als Ursachen nennt die Studie unter anderem psychische Erkrankungen und komplexe Problemlagen. Aufgrund der insgesamt geringeren Fallzahlen bleibt der Einfluss auf das Gesamtsystem jedoch begrenzt.
Anpassung der Bewertungssystematik im Fokus
Die Autoren der Studie empfehlen, die Schwellenwerte des Begutachtungsinstruments zu überprüfen. Ziel ist es, die Leistungen stärker auf die ursprünglich vorgesehenen Zielgruppen auszurichten. Hintergrund ist, dass die Auswirkungen der Reform im Vorfeld nur auf Basis damaliger Antragsteller analysiert wurden – nicht auf Basis der gesamten Bevölkerung. Damit konnten die tatsächlichen Effekte der Neuregelung nur begrenzt vorhergesehen werden.
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