Aktivrente: Unternehmen sehen begrenzte Wirkung gegen Fachkräftemangel

Veröffentlichung: 22.04.2026, 15:04 Uhr - Lesezeit 5 Minuten

Seit dem 1. Januar 2026 gilt die Aktivrente als neues arbeitsmarktpolitisches Instrument: Ein steuerfreier Hinzuverdienst von bis zu 2.000 Euro monatlich soll Anreize schaffen, über die Regelaltersgrenze hinaus erwerbstätig zu bleiben. Eine aktuelle Personalleiterbefragung von Randstad und ifo Institut zeigt jedoch ein uneinheitliches Bild: 36 Prozent der Unternehmen bewerten die Aktivrente als hilfreich gegen den Fachkräftemangel, während 28 Prozent ihr kaum oder gar keine Wirkung zuschreiben.
ifo-Forscherin Daria Schaller bringt die Ambivalenz auf den Punkt:

(PDF)
Daria Schaller Fachreferentin ifo InstitutDaria Schaller Fachreferentin ifo Institutifo Institut | Enno Kapitza
„In der Aktivrente sehen die Unternehmen die Chance, Mitarbeitende auch nach dem Renteneintritt im Unternehmen zu halten.“

Gleichzeitig bestehe die Sorge,

„dass die Aktivrente das demografische Problem nicht löst, sondern es lediglich aufschiebt.“

Aktivrente als Anreiz im Bestand, nicht im Zugang

Die Daten zeigen eine zentrale Wirkungsgrenze des Instruments: Die Aktivrente adressiert primär den Verbleib bestehender Beschäftigter, nicht die Erschließung neuer Arbeitskräftepotenziale. Bereits vor ihrer Einführung beschäftigten 70 Prozent der Unternehmen Mitarbeitende im Rentenalter – in 83 Prozent der Fälle handelt es sich um zuvor bereits im Unternehmen tätige Personen.
Damit verstärkt die Aktivrente einen bestehenden Trend, statt einen neuen zu erzeugen. Ökonomisch handelt es sich um eine Stabilisierung des Arbeitsangebots im Bestand, nicht um eine Ausweitung des Arbeitsmarkts. Der Engpass bleibt somit bestehen, wird aber zeitlich gestreckt.

Demografische Realität versus politische Anreizlogik

Die arbeitsmarktpolitische Intention kollidiert mit der demografischen Ausgangslage. Während die Politik auf verlängerte Erwerbsbiografien setzt, bleibt die Zahl potenzieller Arbeitskräfte strukturell begrenzt. Die Aktivrente verschiebt den Austritt aus dem Arbeitsmarkt, ersetzt aber keine fehlenden Nachwuchskräfte.
Zugleich zeigt sich eine implizite Verlagerung von Verantwortung: Unternehmen sollen Fachkräfte länger binden, während strukturelle Lösungen – etwa Qualifizierung, Zuwanderung oder Produktivitätssteigerung – nicht im selben Maße adressiert werden. Die Aktivrente wirkt damit eher als kurzfristiges Entlastungsinstrument denn als langfristige Strategie.

Wissenstransfer statt Arbeitsvolumen

Die Motive der Unternehmen verdeutlichen die tatsächliche Funktion älterer Beschäftigter: 68 Prozent nennen Wissenserhalt und Know-how-Transfer als Hauptgrund für Weiterbeschäftigung, erst danach folgt der Fachkräftemangel (64 Prozent). Rentner werden überwiegend in bestehenden Rollen eingesetzt – 92 Prozent führen ihre bisherigen Tätigkeiten fort.
Das unterstreicht eine qualitative Dimension: Ältere Beschäftigte kompensieren weniger das Arbeitsvolumen als vielmehr spezifisches Erfahrungswissen. Die Aktivrente stabilisiert damit betriebliche Kontinuität, ersetzt jedoch keine fehlende Breite im Arbeitsangebot.

Flexibilisierung ersetzt keine Arbeitsmarktpolitik

Flankierend setzen Unternehmen bereits auf klassische Instrumente: 87 Prozent bieten flexible Arbeitsmodelle für ältere Beschäftigte an, 50 Prozent schaffen altersgerechte Arbeitsplätze. Die Aktivrente fügt sich in dieses Muster ein – sie ist Teil einer Flexibilisierungsstrategie, aber kein eigenständiger Hebel zur Lösung des Fachkräftemangels.
Am Ende zeigt sich eine strukturelle Verschiebung: Der Arbeitsmarkt altert nicht nur, er wird auch stärker intern stabilisiert. Die Aktivrente verlängert Erwerbsphasen und sichert Wissen – sie erhöht jedoch nicht substanziell das Arbeitskräfteangebot. Der Fachkräftemangel wird damit nicht behoben, sondern administrativ gestreckt.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Der Mittelstand sucht Fachkräfte, gleichzeitig steigen Arbeitslosigkeit und Teilzeit.Der Mittelstand sucht Fachkräfte, gleichzeitig steigen Arbeitslosigkeit und Teilzeit.Experten/ KI
Wirtschaft

Fachkräftemangel oder Systemkrise? Warum die Lücke im Mittelstand nur die halbe Wahrheit erzählt

Die Fachkräftelücke im Mittelstand wächst. Doch Arbeitslosigkeit, Teilzeit, Bildung, KI und Bürokratie zeigen: Der deutsche Arbeitsmarkt leidet vor allem unter strukturellen Defiziten.
Bärbel Bas, Bundesministerin für Arbeit und SozialesBärbel Bas, Bundesministerin für Arbeit und SozialesBundesregierung/Steffen Kugler
Wirtschaft

Der Arbeitsmarkt leidet weniger unter Entlassungen als unter fehlenden Neueinstellungen

Die Arbeitslosigkeit sinkt leicht, doch Deutschlands Arbeitsmarkt verliert weiter an Dynamik. Warum fehlende Neueinstellungen und der demografische Wandel zum eigentlichen Problem werden.
13,3 Millionen Erwerbspersonen erreichen bis 2040 das Rentenalter. Der deutsche Arbeitsmarkt steht vor seiner größten demografischen Bewährungsprobe.13,3 Millionen Erwerbspersonen erreichen bis 2040 das Rentenalter. Der deutsche Arbeitsmarkt steht vor seiner größten demografischen Bewährungsprobe.Experten/ KI
Wirtschaft

Der Ruhestand der Babyboomer wird zum Wachstumstest für den Standort Deutschland

Bis 2040 scheiden 13,3 Millionen Erwerbspersonen aus dem Arbeitsmarkt aus. Warum der Fachkräftemangel zum Wachstumsrisiko wird.
Immer mehr Menschen beziehen vorzeitig Rente und bleiben gleichzeitig sozialversicherungspflichtig beschäftigt.Immer mehr Menschen beziehen vorzeitig Rente und bleiben gleichzeitig sozialversicherungspflichtig beschäftigt.Redaktion experten.de / KI-generiert
Fürs Alter

Frührente und Vollzeitjob: Immer mehr Ruheständler nutzen die neue Freiheit

Seit Anfang 2023 dürfen Frührentner unbegrenzt hinzuverdienen. Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt nun die Folgen: Immer mehr Menschen beziehen vorzeitig Rente und arbeiten gleichzeitig weiter.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht