Altersvorsorge im Komplexitäts-Dschungel: Drei Viertel fühlen sich überfordert

Veröffentlichung: 03.03.2026, 06:03 Uhr - Lesezeit 5 Minuten

Rund drei Viertel der Menschen in Deutschland empfinden Altersvorsorge als kompliziert. Besonders Geringverdiener verlieren schnell den Überblick – und schieben das Thema auf. Eine aktuelle Studie des DIA zeigt, wie stark die gefühlte Komplexität die Vorsorgebereitschaft beeinflusst.

(PDF)
cms.vigufDALL-E

Komplexität als strukturelle Hürde

Altersvorsorge gilt als notwendig – doch viele empfinden sie als kaum durchschaubar. Laut einer aktuellen Befragung im Auftrag des Deutsches Institut für Altersvorsorge (DIA) und der Zurich Gruppe Deutschland beschreiben rund drei Viertel der Befragten das Thema als kompliziert. Besonders ausgeprägt ist dieses Empfinden bei Haushalten mit niedrigen Einkommen. 41 Prozent der Menschen mit einem Haushaltsnettoeinkommen unter 1.000 Euro bewerten Altersvorsorge als klar kompliziert. In höheren Einkommensgruppen sinkt dieser Wert auf unter ein Drittel. „Altersvorsorge ist für viele Menschen kein Randthema, sondern eine echte Überforderung. Wer wenig Einkommen hat, fühlt sich besonders häufig abgehängt – und verliert schneller den Überblick“, sagt Peter Schwark, Sprecher des DIA.

Wenn Komplexität zur Blockade wird

Die Studie zeigt: Komplexität bleibt nicht folgenlos. 37 Prozent derjenigen, die Altersvorsorge als kompliziert empfinden, geben an, sich deshalb nicht aktiv damit zu beschäftigen. Das bedeutet: Die wahrgenommene Schwierigkeit wird zur tatsächlichen Vorsorgelücke. Gleichzeitig zeigt sich aber auch ein differenziertes Bild. 46 Prozent lassen sich von der empfundenen Komplexität nicht abschrecken und kümmern sich dennoch um ihre Vorsorge. Regionale Unterschiede treten ebenfalls hervor. Befragte aus Westdeutschland bleiben häufiger aktiv als in Ostdeutschland – ein Hinweis darauf, dass strukturelle und wirtschaftliche Rahmenbedingungen eine Rolle spielen.

Beratung als Schlüssel?

Für Björn Bohnhoff, Vorstand Leben der Zurich Gruppe Deutschland, ist die Schlussfolgerung eindeutig: „Die meisten Menschen wissen, wie wichtig Altersvorsorge ist – doch die gefühlte Komplexität von Förderlogiken, Steuern und Produkten bremst viele aus. Deshalb bleiben fundierte individuelle Beratung und menschliche Empathie unverzichtbar.“ Die Studie legt nahe, dass es weniger an grundsätzlicher Vorsorgebereitschaft mangelt – sondern an Verständlichkeit, Transparenz und Orientierung. Schwark ordnet die Ergebnisse gesellschaftlich ein: „Wenn Komplexität dazu führt, dass Vorsorge aufgeschoben oder ganz unterlassen wird, ist das nicht nur ein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem.“

Soziale Dimension der Vorsorgelücke

Besonders brisant ist der Zusammenhang zwischen Einkommen und gefühlter Überforderung. Wer wenig verdient, empfindet Altersvorsorge nicht nur häufiger als kompliziert – sondern verfügt zugleich über geringere finanzielle Spielräume.
Damit entsteht ein doppelter Effekt:

  • geringere Mittel zur Vorsorge
  • höhere Hemmschwelle zur Auseinandersetzung

Die Studie verweist damit indirekt auf ein strukturelles Spannungsfeld: Ein System, das auf Eigenverantwortung und private Vorsorge setzt, stößt dort an Grenzen, wo finanzielle und kognitive Ressourcen begrenzt sind.

Über die Studie:
Für die Befragung wurden vom 30. Januar bis 2. Februar 2026 insgesamt 2.006 Personen ab 18 Jahren online durch Insa Consulere befragt. Auftraggeber waren das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) und die Zurich Gruppe Deutschland.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Besonders jüngere Menschen schätzen ihre eigene Lebenserwartung deutlich zu niedrig ein.Besonders jüngere Menschen schätzen ihre eigene Lebenserwartung deutlich zu niedrig ein.DALL-E
Fürs Alter

Jüngere und sozial Schwächere unterschätzen ihre Lebenserwartung deutlich

Das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) hat Vorab-Ergebnisse seiner neuen Studie 50plus vorgestellt. Zentrale Erkenntnis: Besonders jüngere Menschen schätzen ihre eigene Lebenserwartung deutlich zu niedrig ein.
DALL-E
Fürs Alter

Jede zweite Frau fürchtet Altersarmut

47 Prozent der Frauen in Deutschland halten ihre finanzielle Absicherung im Alter für schlecht oder sehr schlecht. Bei Männern sind es deutlich weniger. Eine repräsentative Verivox-Umfrage zum Equal Pay Day 2026 zeigt: Die Sorge vor Altersarmut ist weiblich – und sie hat strukturelle Ursachen.
Dr. Peter Schwark, Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA)Dr. Peter Schwark, Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA)DIA
Fürs Alter

Altersguillotine im Arbeitsrecht? Neue Regeln für längeres Arbeiten gefordert

Deutschland verfügt bis 2035 über ein zusätzliches Erwerbspersonenpotenzial von bis zu 2,4 Millionen Menschen – vor allem in den Altersgruppen 60 bis 69 Jahre. Eine neue gutachterliche Stellungnahme im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) sieht jedoch starre Altersgrenzen und sozialrechtliche Vorgaben als zentrale Hemmnisse. Das DIA fordert flexiblere, rechtssichere Übergänge zwischen Erwerbsleben und Rente.
Prof. Dr. Christian Hagist vom Center für Intergenerative Finanzwissenschaft an der WHU in Vallendar.Prof. Dr. Christian Hagist vom Center für Intergenerative Finanzwissenschaft an der WHU in Vallendar.Kai Myller
Fürs Alter

Gesetzliche Rente deckt im Schnitt nur rund 60 Prozent der Ausgaben im Ruhestand

Wie sichern Ruheständler ihren Lebensstandard tatsächlich – und wo klaffen finanzielle Lücken? Der neue „Vorsorgekompass 2026“ zeigt erstmals detailliert, wofür die gesetzliche Rente reicht, wann Vermögen angezapft wird und warum zusätzliche Vorsorge für viele Haushalte unverzichtbar ist.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht