Altersvorsorge im Komplexitäts-Dschungel: Drei Viertel fühlen sich überfordert
Rund drei Viertel der Menschen in Deutschland empfinden Altersvorsorge als kompliziert. Besonders Geringverdiener verlieren schnell den Überblick – und schieben das Thema auf. Eine aktuelle Studie des DIA zeigt, wie stark die gefühlte Komplexität die Vorsorgebereitschaft beeinflusst.
Komplexität als strukturelle Hürde
Altersvorsorge gilt als notwendig – doch viele empfinden sie als kaum durchschaubar. Laut einer aktuellen Befragung im Auftrag des Deutsches Institut für Altersvorsorge (DIA) und der Zurich Gruppe Deutschland beschreiben rund drei Viertel der Befragten das Thema als kompliziert. Besonders ausgeprägt ist dieses Empfinden bei Haushalten mit niedrigen Einkommen. 41 Prozent der Menschen mit einem Haushaltsnettoeinkommen unter 1.000 Euro bewerten Altersvorsorge als klar kompliziert. In höheren Einkommensgruppen sinkt dieser Wert auf unter ein Drittel. „Altersvorsorge ist für viele Menschen kein Randthema, sondern eine echte Überforderung. Wer wenig Einkommen hat, fühlt sich besonders häufig abgehängt – und verliert schneller den Überblick“, sagt Peter Schwark, Sprecher des DIA.
Wenn Komplexität zur Blockade wird
Die Studie zeigt: Komplexität bleibt nicht folgenlos. 37 Prozent derjenigen, die Altersvorsorge als kompliziert empfinden, geben an, sich deshalb nicht aktiv damit zu beschäftigen. Das bedeutet: Die wahrgenommene Schwierigkeit wird zur tatsächlichen Vorsorgelücke. Gleichzeitig zeigt sich aber auch ein differenziertes Bild. 46 Prozent lassen sich von der empfundenen Komplexität nicht abschrecken und kümmern sich dennoch um ihre Vorsorge. Regionale Unterschiede treten ebenfalls hervor. Befragte aus Westdeutschland bleiben häufiger aktiv als in Ostdeutschland – ein Hinweis darauf, dass strukturelle und wirtschaftliche Rahmenbedingungen eine Rolle spielen.
Beratung als Schlüssel?
Für Björn Bohnhoff, Vorstand Leben der Zurich Gruppe Deutschland, ist die Schlussfolgerung eindeutig: „Die meisten Menschen wissen, wie wichtig Altersvorsorge ist – doch die gefühlte Komplexität von Förderlogiken, Steuern und Produkten bremst viele aus. Deshalb bleiben fundierte individuelle Beratung und menschliche Empathie unverzichtbar.“ Die Studie legt nahe, dass es weniger an grundsätzlicher Vorsorgebereitschaft mangelt – sondern an Verständlichkeit, Transparenz und Orientierung. Schwark ordnet die Ergebnisse gesellschaftlich ein: „Wenn Komplexität dazu führt, dass Vorsorge aufgeschoben oder ganz unterlassen wird, ist das nicht nur ein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem.“
Soziale Dimension der Vorsorgelücke
Besonders brisant ist der Zusammenhang zwischen Einkommen und gefühlter Überforderung. Wer wenig verdient, empfindet Altersvorsorge nicht nur häufiger als kompliziert – sondern verfügt zugleich über geringere finanzielle Spielräume.
Damit entsteht ein doppelter Effekt:
- geringere Mittel zur Vorsorge
- höhere Hemmschwelle zur Auseinandersetzung
Die Studie verweist damit indirekt auf ein strukturelles Spannungsfeld: Ein System, das auf Eigenverantwortung und private Vorsorge setzt, stößt dort an Grenzen, wo finanzielle und kognitive Ressourcen begrenzt sind.
Über die Studie:
Für die Befragung wurden vom 30. Januar bis 2. Februar 2026 insgesamt 2.006 Personen ab 18 Jahren online durch Insa Consulere befragt. Auftraggeber waren das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) und die Zurich Gruppe Deutschland.
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