IVD warnt vor Systembruch: Warum Mieteinnahmen nicht in die Sozialversicherung gehören

Veröffentlichung: 10.02.2026, 09:02 Uhr - Lesezeit 4 Minuten

Die SPD denkt über neue Einnahmequellen für Gesundheits- und Pflegeversicherung nach. Der Immobilienverband IVD warnt jedoch vor einem grundlegenden Bruch mit den Prinzipien der beitragsfinanzierten Sozialversicherung – mit weitreichenden Folgen.

(PDF)
Christian Osthus, Geschäftsführer des IVDChristian Osthus, Geschäftsführer des IVDIVD

Beitragssystem unter Druck

Auch der Immobilienverband Deutschland (IVD) kritisiert die aktuellen Überlegungen aus der SPD, künftig weitere Einkunftsarten wie Mieteinnahmen zur Finanzierung von Gesundheits- und Pflegeversicherung heranzuziehen. Aus Sicht des Verbandes würde ein solcher Schritt die Systemlogik der beitragsfinanzierten Sozialversicherung fundamental infrage stellen.

„Die gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherungen beruhen auf dem Prinzip der Risikoäquivalenz: Beiträge stehen in Bezug zu Erwerbseinkommen und zum Lohnersatzrisiko bei Krankheit oder Pflegebedürftigkeit“, erklärt Christian Osthus, Geschäftsführer des IVD. „Mieteinnahmen sind jedoch Vermögenserträge. Sie haben mit dem versicherten Risiko nichts zu tun.“

Praktische Probleme der Beitragsbemessung

Neben ordnungspolitischen Bedenken sieht der IVD erhebliche praktische Probleme. Mieteinnahmen seien schwankend, abhängig von Leerständen, Instandhaltungskosten und zeitlich verzögerten Abrechnungen. Eine sozialversicherungsrechtliche Erfassung würde zu erheblichem Verwaltungsaufwand führen und systematische Über- oder Unterzahlungen begünstigen. „Dies erschwert die Beitragsbemessung erheblich und würde zu einem kaum praktikablen Verwaltungsaufwand führen“, so Osthus weiter.

Beitragsbemessungsgrenze als Sollbruchstelle

Besonders problematisch sei der Umgang mit der Beitragsbemessungsgrenze. Bleibe sie bestehen, würden leistungsfähige Vermieter unterhalb ihrer tatsächlichen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit belastet. Fiele sie weg, würde der Sozialversicherungsbeitrag faktisch zur Sondersteuer auf Vermietung. „Beides ist systematisch unsauber: Mit Beitragsbemessungsgrenze ungerecht und ineffektiv, ohne Beitragsbemessungsgrenze ein klarer Bruch mit der Logik beitragsfinanzierter Sozialversicherung“, warnt Osthus.

Altersvorsorge und Gleichbehandlung

Hinzu kommt aus Sicht des IVD eine Ungleichbehandlung verschiedener Vermögensarten. Immobilien seien standortgebunden und nicht ohne Weiteres verlagerbar. Eine zusätzliche Abgabe auf Mieteinnahmen würde daher gezielt Immobilieneigentümer belasten – obwohl viele diese Erträge bewusst als Baustein ihrer Altersvorsorge nutzen. „Diese Erträge für Gesundheits- und Pflegekosten heranzuziehen, bedeutet, private Altersvorsorge zweckwidrig zu belasten – obwohl sie sozialpolitisch eigentlich gestärkt werden soll“, betont Osthus.

Kein neuer Vorschlag

Der IVD weist zudem darauf hin, dass es sich um keinen neuen Ansatz handelt. Ähnliche Vorschläge seien in der Vergangenheit mehrfach gescheitert – zuletzt Anfang 2025. Zudem sei das Vorhaben nicht vom Koalitionsvertrag gedeckt.

Aus Sicht des Verbandes braucht es stattdessen systemkonforme, praktikable Reformen der Sozialversicherungsfinanzierung – nicht ordnungspolitisch fragwürdige Sonderbelastungen einzelner Gruppen.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Die Bevölkerung Deutschlands schrumpft wieder. Für Versicherer ist das weit mehr als eine statistische Nachricht: Die Finanzierungsfrage der sozialen Sicherungssysteme rückt in den Mittelpunkt.Die Bevölkerung Deutschlands schrumpft wieder. Für Versicherer ist das weit mehr als eine statistische Nachricht: Die Finanzierungsfrage der sozialen Sicherungssysteme rückt in den Mittelpunkt.Adobe
Verbraucher

Deutschlands Bevölkerung schrumpft wieder – für die Versicherungswirtschaft beginnt eine neue Phase des demografischen Risikos

Deutschlands Bevölkerung schrumpft erstmals seit Jahren. Für Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung verschärft sich damit der demografische Druck.
„Der Faktor Arbeit wird noch teurer“, warnt Thomas Brahm, Vorsitzender des Verbands der Privaten Krankenversicherung„Der Faktor Arbeit wird noch teurer“, warnt Thomas Brahm, Vorsitzender des Verbands der Privaten KrankenversicherungPKV-Verband
Krankenversicherung

Wahlfreiheit oder Finanzierungslogik? Streit um den Zugang zur PKV spitzt sich zu

Die Bundesregierung will die Hürden für einen Wechsel von Angestellten in die Private Krankenversicherung deutlich anheben. Eine aktuelle Umfrage im Auftrag des PKV-Verbandes zeigt jedoch, dass die Mehrheit der Bevölkerung Wahlfreiheit zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung befürwortet. Hinter der Debatte steht eine grundsätzliche Frage: Soll das Gesundheitssystem künftig stärker auf Wettbewerb oder auf eine Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung durch höhere Beitragseinnahmen setzen?
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken und Kanzler Friedrich Merz (beide CDU)Bundesgesundheitsministerin Nina Warken und Kanzler Friedrich Merz (beide CDU)Steffen Kugler
Pflege

Pflegereform 2026: Sanierung statt Systemwechsel

Die Pflegeversicherung steuert auf milliardenschwere Defizite zu. Die Bundesregierung plant deshalb eine umfassende Reform. Im Mittelpunkt stehen höhere Einnahmen und Einsparungen. Die großen Strukturfragen der Pflegefinanzierung bleiben dagegen weitgehend unangetastet.
Der CDU-Wirtschaftsrat hat Vorschläge vorgelegt, die helfen sollen, die Lohnnebenkosten in Deutschland zu senken (Symbolbild).Der CDU-Wirtschaftsrat hat Vorschläge vorgelegt, die helfen sollen, die Lohnnebenkosten in Deutschland zu senken (Symbolbild).DALL-E
Politik

Wirtschaftsrat der CDU will Leistungen in Rente, Pflege und GKV kürzen

Steuern, Rente, Pflege, Kranken- und Unfallversicherung, Wohneigentum, Bürokratie: In seiner „Agenda für die Arbeitnehmer in Deutschland“ schlägt der Wirtschaftsrat weitreichende Reformen der sozialen Sicherungssysteme vor. Das Papier enthält zahlreiche Eingriffe in bestehende Leistungen – mit unmittelbarer Relevanz für Vorsorge, Absicherung und Beratungspraxis.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht