Der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) drängt auf eine schnelle und verbindliche Stärkung von Gesundheitsförderung und Prävention in der Pflegeversicherung. In einem umfassenden Positionspapier legt der PKV-Verband fünf konkrete Empfehlungen vor, mit denen präventive Ansätze kurzfristig wirksam in den bestehenden Leistungen der Pflegeversicherung verankert werden sollen.
Prävention als Antwort auf wachsenden Pflegebedarf
Der Handlungsdruck ist hoch. Die Lebenserwartung in Deutschland steigt, zugleich nimmt die Zahl der pflegebedürftigen Menschen deutlich zu. Prognosen gehen von einem Anstieg von derzeit rund 5,7 Millionen auf etwa 6,8 Millionen Pflegebedürftige bis zum Jahr 2055 aus. Bereits heute werden rund 86 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt, überwiegend durch An- und Zugehörige. Die professionelle Pflegeinfrastruktur stößt dabei zunehmend an personelle und strukturelle Grenzen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt Prävention eine strategische Bedeutung. Ziel ist es, Pflegebedürftigkeit möglichst zu vermeiden, hinauszuzögern oder ihre Folgen abzumildern – im Interesse der Betroffenen, ihrer Angehörigen und der Finanzierbarkeit des Pflegesystems.
Gesundheitsförderung und Prävention: zwei Perspektiven
Gesundheitsförderung zielt auf den Erhalt und die Stärkung vorhandener Ressourcen wie Mobilität, kognitive Fähigkeiten und soziale Teilhabe. Prävention hingegen richtet sich auf die Vermeidung gesundheitlicher Risiken und weiterer Verschlechterungen. In der Pflege sind beide Ansätze untrennbar miteinander verbunden und müssen parallel verfolgt werden.
Mit dem seit 2017 geltenden Pflegebedürftigkeitsbegriff hat der Gesetzgeber diesen Perspektivwechsel bereits angelegt: Weg von einer rein verrichtungsbezogenen Pflege, hin zu einem ressourcenorientierten Ansatz, der Selbstständigkeit und Teilhabe in den Mittelpunkt stellt.
Fünf Empfehlungen zur sofortigen Umsetzung
1. Pflegegrad 1 präventiv neu ausrichten
Der PKV-Verband empfiehlt, den Pflegegrad 1 konsequent auf Gesundheitsförderung und Prävention auszurichten. Statt monetärer Leistungen wie des Entlastungsbetrags sollten Beratung, Pflegetrainings, Hilfsmittel sowie wohnumfeldverbessernde Maßnahmen im Fokus stehen. Ziel ist es, Pflegebedürftigkeit frühzeitig zu begrenzen und höhere Pflegegrade zu vermeiden.
2. Übergang von Begutachtung zu Beratung sicherstellen
Die Pflegebegutachtung liefert wertvolle Informationen zu Risiken und Ressourcen. Diese Erkenntnisse sollten systematisch und ohne zusätzliche Antragshürden an die Pflegeberatung weitergeleitet werden, um präventive Maßnahmen frühzeitig einzuleiten.
3. Pflegeberatung verbindlich standardisieren
Pflegeberatung soll stärker präventiv und casemanagementorientiert ausgestaltet werden. Der PKV-Verband plädiert für verbindliche Standards, den Einsatz wissenschaftlich fundierter Assessments und eine verpflichtende präventive Beratung insbesondere bei Pflegegeldbezug.
4. Qualitätsprüfungen präventiv weiterentwickeln
Qualitätsprüfungen nach § 114 SGB XI sollten nicht nur Defizite feststellen, sondern gezielt gesundheitsfördernde und präventive Ansätze identifizieren, bewerten und weiterentwickeln. Prüfdienste könnten so als Lern- und Entwicklungsinstanzen wirken.
5. Lebensweltenprävention digital unterstützen
Gesundheitsförderung in Pflegeeinrichtungen sollte durch digitale Schulungs- und Beratungsangebote flankiert werden. Eine bundesweite digitale Infrastruktur kann helfen, bewährte Präventionsprogramme schneller, transparenter und flächendeckend umzusetzen.
Strukturelle Potenziale besser nutzen
Nach Einschätzung des PKV-Verbandes sind viele präventive Instrumente rechtlich bereits verankert, werden in der Praxis jedoch nicht konsequent genutzt. Begutachtung, Beratung und Qualitätsprüfung bieten erhebliche, bislang ungenutzte Potenziale zur Entlastung von Pflegenden und zur Stabilisierung des Pflegesystems.
Das Positionspapier versteht Prävention daher nicht als langfristiges Reformversprechen, sondern als kurzfristig wirksamen Hebel. Leitprinzip ist dabei: Make the preventive choice the easy choice.
FAQ: Gesundheitsförderung und Prävention in der Pflege
Warum misst der PKV-Verband der Prävention in der Pflege eine so hohe Bedeutung bei?
Der PKV-Verband sieht Prävention als einen der wenigen kurzfristig wirksamen Hebel, um den steigenden Pflegebedarf infolge des demografischen Wandels abzufedern. Ziel ist es, Pflegebedürftigkeit möglichst hinauszuzögern, Selbstständigkeit zu erhalten und damit sowohl pflegebedürftige Menschen als auch das Pflegesystem zu entlasten.
Was unterscheidet Gesundheitsförderung von Prävention in der Pflege?
Gesundheitsförderung zielt darauf ab, vorhandene Ressourcen wie Mobilität, kognitive Fähigkeiten und soziale Teilhabe zu stärken. Prävention richtet sich hingegen auf die Vermeidung zusätzlicher Risiken oder Verschlechterungen. In der Pflege ergänzen sich beide Ansätze und müssen gemeinsam umgesetzt werden.
Warum steht der Pflegegrad 1 im Zentrum der Empfehlungen?
Pflegegrad 1 betrifft Menschen mit noch geringen Einschränkungen und hohem Präventionspotenzial. Der PKV-Verband empfiehlt, diesen Pflegegrad konsequent auf gesundheitsfördernde und präventive Leistungen auszurichten, um den Übergang in höhere Pflegegrade zu verzögern oder zu vermeiden.
Welche Rolle spielt die Pflegebegutachtung für Prävention?
In der Pflegebegutachtung werden umfangreiche Informationen zu Einschränkungen, Ressourcen und Unterstützungsbedarfen erhoben. Diese Daten könnten stärker genutzt werden, um Pflegebedürftige unmittelbar in präventive Beratungs- und Unterstützungsangebote zu überführen.
Warum fordert der PKV-Verband verbindliche Standards in der Pflegeberatung?
Obwohl Pflegeberatung gesetzlich vorgesehen ist, wird ihr präventives Potenzial bislang nicht flächendeckend ausgeschöpft. Verbindliche Standards, wissenschaftlich fundierte Assessments und ein konsequentes Casemanagement sollen sicherstellen, dass Beratung systematisch zur Gesundheitsförderung beiträgt.
Wie können Qualitätsprüfungen zur Prävention beitragen?
Qualitätsprüfungen sollen nicht nur kontrollieren, sondern auch Lern- und Entwicklungsimpulse setzen. Werden Gesundheitsförderung und Prävention gezielt in die Prüfungen integriert, können Einrichtungen konkrete Hinweise erhalten, wie sie ihre Pflegepraxis präventiv weiterentwickeln.
Warum legt der PKV-Verband einen Schwerpunkt auf ambulante Pflege?
Der Großteil der pflegebedürftigen Menschen wird zu Hause versorgt. Gleichzeitig verkürzt sich die Verweildauer in stationären Einrichtungen. Prävention im ambulanten Setting gilt daher als entscheidend, um Pflegeverschlechterungen frühzeitig zu vermeiden.
Welche Bedeutung haben digitale Angebote für Prävention in der Pflege?
Digitale Schulungs- und Beratungsangebote ermöglichen eine schnellere, bundesweite und ressourcenschonende Umsetzung präventiver Standards. Sie können Pflegeeinrichtungen, Pflegekräfte und Angehörige besser vernetzen und Qualifizierung trotz knapper personeller Ressourcen unterstützen.
Was ist unter Lebensweltenprävention zu verstehen?
Lebensweltenprävention setzt dort an, wo Menschen leben und versorgt werden – etwa in Pflegeeinrichtungen, Quartieren oder Kommunen. Ziel ist es, Strukturen und Bedingungen so zu gestalten, dass sie Gesundheit, Teilhabe und Selbstbestimmung systematisch fördern.
Warum spricht der PKV-Verband von akutem Handlungsdruck?
Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt schneller als die verfügbaren personellen und finanziellen Ressourcen. Ohne eine stärkere präventive Ausrichtung drohen Überlastungen bei professioneller Pflege, Angehörigen und Pflegeversicherung. Prävention wird daher als notwendige Voraussetzung für eine langfristig tragfähige Pflegepolitik verstanden.
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