In einer Welt voller Außenstände: Deutschland wird zur verlässlichsten Adresse
Die vierte Ausgabe des Allianz Trade Inkasso-Rankings bewertet die Komplexität von Inkassoverfahren in 52 Volkswirtschaften – mit einem strukturellen Ergebnis: Deutschland belegt 2024 erstmals Platz eins. Der Durchschnittswert der globalen Inkassokomplexität liegt mit 47,2 von 100 Punkten weiterhin auf hohem Niveau (2022: 49). Rund 1,1 Billionen US-Dollar an internationalen Forderungen gelten als schwer eintreibbar.
Die Erhebung basiert auf 340 Ländereinschätzungen und über 40 Indikatoren. Bewertet werden rechtliche Rahmenbedingungen, gerichtliche Verfahren, Zahlungsgewohnheiten und Insolvenzpraxis. Die Länder werden vier Risikokategorien zugeordnet: gering, hoch, sehr hoch, schwerwiegend.
Strukturvorteile, Effizienzreserven, Systemlogik
Deutschland erreicht den besten Score. Laut Allianz Trade wirken sich drei Faktoren aus: hohe Zahlungstreue, effektive außergerichtliche Verhandlungen und zügige gerichtliche Verfahren. Auch die rechtliche Absicherung durch Eigentumsvorbehalt stärkt Gläubigerpositionen.
Niederlande und Portugal folgen auf den Plätzen zwei und drei. Schweden, 2022 noch vor Deutschland, fällt zurück. Westeuropa insgesamt weist vergleichsweise geringe strukturelle Inkassohürden auf.
Verzerrte Handelsrealität, politische Risiken, asymmetrische Verfahren
Am unteren Ende stehen Saudi-Arabien, Mexiko und die Vereinigten Arabischen Emirate. In diesen Märkten ist die Durchsetzung offener Forderungen besonders komplex – teils dreimal so aufwändig wie in Deutschland. Gründe sind unter anderem schwache Durchsetzbarkeit von Forderungen, lange Verfahrensdauern und wenig Gläubigerschutz.
Auch in großen Schwellenländern wie China (Platz 48), Indien (Platz 44) und der Slowakei (Platz 45) bleibt das Inkasso risikobehaftet. Diese Länder gehören zu den wichtigsten Handelspartnern Deutschlands.
Fragmentierte Welt, selektives Geschäft, strukturelle Konsequenz
Die Studie zeigt: 48 Prozent aller globalen Handelsforderungen entfallen auf Länder mit sehr hoher oder schwerwiegender Inkassokomplexität – bei wachsendem Handelsvolumen. Neue Handelszentren wie Vietnam, Malaysia oder die VAE gewinnen an Bedeutung, weisen aber strukturelle Schwächen beim Forderungseinzug auf.
Für exportorientierte Unternehmen bedeutet das: Forderungsmanagement ist kein nachgelagerter Vorgang, sondern ein systemischer Faktor der Marktwahl. Selektivität, Bonitätsprüfung und lokale Verfahrenskenntnis sind entscheidend für Zahlungsfähigkeit und Geschäftskontinuität.
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