Der neue Wettbewerbsreport Ostdeutschland 2026 des ifo Instituts Dresdenstellt die bisherige Erzählung vom fortlaufenden Aufholprozess infrage. Zwar steigen Wohlstand und Einkommen in den ostdeutschen Bundesländern weiter. Doch bei den entscheidenden Wachstumstreibern – Investitionen, Fachkräften und Innovationen – vergrößert sich der Abstand zum Westen teilweise wieder. Die eigentliche Botschaft der Studie lautet daher: Ostdeutschland fällt nicht zurück, holt aber auch nicht mehr auf.
Prof. Dr. Joachim Ragnitz, Stellvertretender Leiter der ifo Niederlassung Dresden, Experte für Ostdeutschlandforschung:ifo Institut | Enno Kapitza
Warum der Aufholprozess an Dynamik verliert
Über Jahrzehnte galt die wirtschaftliche Angleichung zwischen Ost und West als nahezu selbstverständlich. Tatsächlich haben sich die Lebensverhältnisse seit der Wiedervereinigung deutlich angenähert. Infrastruktur, Wohnraum und öffentliche Einrichtungen wurden modernisiert, die Einkommen stiegen kontinuierlich.
Doch wirtschaftliche Konvergenz endet nicht bei besseren Straßen oder höheren Löhnen. Entscheidend ist, ob Unternehmen investieren, Innovationen hervorbringen und produktiver werden. Genau an dieser Stelle zeigen die aktuellen Daten Schwächen.
Der stellvertretende Leiter der ifo Niederlassung Dresden, Joachim Ragnitz, warnt deshalb davor, den Aufholprozess als Selbstläufer zu betrachten. Ohne neue Wachstumsimpulse drohe der Abstand zum Westen wieder größer zu werden. Er sagt:
„Der Aufholprozess in Ostdeutschland ist kein Selbstläufer mehr. Wenn Politik und Wirtschaft jetzt nicht entschieden gegensteuern, droht der Abstand wieder zu wachsen.“
Unternehmen investieren deutlich weniger als im Westen
Besonders kritisch bewertet der Wettbewerbsreport die Investitionstätigkeit der Unternehmen.
Zwischen 2019 und 2023 lagen die privaten Investitionen je Einwohner in Ostdeutschland lediglich bei rund drei Vierteln des westdeutschen Niveaus. Betrachtet man ausschließlich Unternehmensinvestitionen ohne Wohnungsbau und öffentliche Infrastruktur, erreicht der Osten sogar nur etwa zwei Drittel des Westwertes.
Auch pro Erwerbstätigen investieren Unternehmen rund ein Viertel weniger als vergleichbare Betriebe in Westdeutschland.
Diese Zahlen sind deshalb bedeutsam, weil Investitionen die Grundlage zukünftiger Produktivität bilden. Wer weniger investiert, modernisiert langsamer, setzt neue Technologien später ein und schafft geringere Wachstumspotenziale. Der Rückstand wird dadurch nicht nur sichtbar, sondern langfristig verfestigt.
Fachkräftemangel wird zum strukturellen Wachstumsproblem
Parallel zur schwachen Investitionsdynamik verschärft sich der demografische Druck.
Bis 2035 dürfte die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in Ostdeutschland um rund sieben Prozent sinken. In Sachsen-Anhalt und Thüringen fällt der Rückgang voraussichtlich noch stärker aus.
Gleichzeitig verlieren die ostdeutschen Flächenländer weiterhin junge und gut ausgebildete Arbeitskräfte. Besonders hoch sind die negativen Wanderungssalden bei Studierenden, Hochschulabsolventen und Berufseinsteigern.
Damit entsteht ein wirtschaftlicher Teufelskreis. Unternehmen finden schwieriger qualifiziertes Personal, investieren deshalb zurückhaltender und schaffen weniger attraktive Karriereperspektiven. Das wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit weiterer Abwanderung.
Das ifo-Geschäftsklima verbessert sich – aber nur kurzfristig
Auf den ersten Blick scheint die aktuelle Konjunkturentwicklung dieser pessimistischen Diagnose zu widersprechen.
Der ifo-Geschäftsklimaindex Ostdeutschland stieg im Mai 2026 von 86,3 auf 86,9 Punkte. Besonders im Verarbeitenden Gewerbe sowie im Bauhauptgewerbe hellte sich die Stimmung auf. Die Unternehmen bewerteten ihre aktuelle Geschäftslage deutlich positiver als noch im April.
Die Details zeigen jedoch ein differenzierteres Bild. Während die aktuelle Lage besser eingeschätzt wird, verschlechterten sich die Erwartungen für die kommenden Monate erneut leicht.
Genau darin liegt die eigentliche Aussagekraft der Umfrage. Die ostdeutsche Wirtschaft erlebt derzeit eine konjunkturelle Stabilisierung. Von einer nachhaltigen Wachstumsdynamik kann jedoch noch keine Rede sein. Die Unternehmen sehen kurzfristig Lichtblicke, bleiben langfristig aber vorsichtig.
Innovationen sollen den Produktivitätsrückstand ausgleichen
Wenn Arbeitskräfte knapper werden und Investitionen hinter dem Westen zurückbleiben, bleibt langfristig vor allem ein Hebel: höhere Produktivität.
Nach Einschätzung des ifo Instituts gelingt dies nur über mehr Innovationen und einen besseren Technologietransfer. Zwar verfügt Ostdeutschland über zahlreiche Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Technologiezentren. Die wirtschaftliche Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse bleibt jedoch häufig hinter den Möglichkeiten zurück.
Die Herausforderung besteht daher nicht allein darin, neues Wissen zu erzeugen. Entscheidend ist, Forschung schneller in marktfähige Produkte, neue Geschäftsmodelle und produktivere Unternehmensprozesse zu überführen.
Ostdeutschland wird wohlhabender, aber nicht wirtschaftlich gleich stark
Die eigentliche Erkenntnis des Wettbewerbsreports geht über einzelne Kennzahlen hinaus.
Ostdeutschland befindet sich nicht in einer wirtschaftlichen Krise. Die Region ist heute deutlich wohlhabender als noch vor zwei oder drei Jahrzehnten. Gleichzeitig deutet jedoch vieles darauf hin, dass sich ein neues Gleichgewicht herausbildet.
Der Osten gewinnt weiter an Wohlstand, ohne den Westen wirtschaftlich einzuholen. Die großen Infrastrukturdefizite wurden weitgehend beseitigt. Die verbleibenden Unterschiede liegen zunehmend bei Kapitalbildung, Innovation und Produktivität.
Damit verändert sich auch die politische Aufgabe. Künftig wird weniger entscheidend sein, wie viele Fördermittel in die Region fließen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, private Investitionen anzuziehen, Fachkräfte zu halten und Innovationen schneller in wirtschaftlichen Erfolg umzusetzen.
Die ostdeutsche Wirtschaft steht damit vor einem grundlegenden Strukturwandel. Der historische Aufholprozess nähert sich seinem Ende. Die nächste Entwicklungsphase wird nicht durch Transfers entschieden, sondern durch Wettbewerbsfähigkeit.
FAQ: Wettbewerbsreport Ostdeutschland 2026
Laut Wettbewerbsreport fehlen vor allem private Investitionen, qualifizierte Fachkräfte und ausreichende Innovationsimpulse. Diese Faktoren bremsen die Produktivitätsentwicklung und damit die weitere Annäherung an das westdeutsche Niveau.
Nicht unmittelbar. Die Region wird weiterhin wohlhabender. Allerdings wächst die Wirtschaftskraft langsamer als notwendig wäre, um die verbleibenden Unterschiede zum Westen weiter abzubauen.
Eine zentrale. Bis 2035 wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter deutlich sinken. Gleichzeitig verlassen viele junge und gut ausgebildete Menschen die Region, was die Wachstumsmöglichkeiten zusätzlich begrenzt.
Investitionen schaffen die Grundlage für moderne Produktionsanlagen, Digitalisierung und Innovationen. Wer weniger investiert, steigert seine Produktivität langsamer und verliert langfristig an Wettbewerbsfähigkeit.
Das ifo Institut Dresden fordert insbesondere einen stärkeren Technologietransfer zwischen Forschung und Wirtschaft. Ziel ist es, Innovationen schneller in marktfähige Produkte und produktivere Unternehmensprozesse zu überführen.
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