KI-Anwendungen nur in wenigen Firmen verboten
Von einer breiten Verbotskultur kann in deutschen Unternehmen keine Rede sein: Der „Indikatorenbericht zur Innovationserhebung 2025“, den das ZEW im Auftrag des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt erstellt hat, dokumentiert eine weiterhin dynamische Verbreitung von KI-Anwendungen in Wirtschaft und Industrie. Bereits jedes vierte Unternehmen setzt künstliche Intelligenz aktiv in Produkten oder Geschäftsprozessen ein, während generative KI-Anwendungen sogar von jedem dritten Unternehmen genutzt werden.
Die Praxis ist schneller als die Regulierung
Die Zahlen zeigen vor allem eines: Die wirtschaftliche Realität entwickelt sich schneller als die Regulierungsdebatte. Während öffentlich häufig über Risiken, Datenschutzprobleme oder mögliche Fehlentscheidungen von KI-Systemen diskutiert wird, beschäftigen sich Unternehmen längst mit einer anderen Frage. Nicht ob KI eingesetzt wird, sondern wie sie kontrolliert und produktiv genutzt werden kann, entscheidet zunehmend über Wettbewerbsfähigkeit und Effizienz.
Die rasche Verbreitung deutet darauf hin, dass Unternehmen künstliche Intelligenz nicht mehr als Zukunftstechnologie betrachten, sondern als Werkzeug zur Verbesserung bestehender Geschäftsprozesse. Damit verschiebt sich der Fokus von der Technologie selbst auf ihre organisatorische Einbettung.
Unternehmen setzen auf Kontrolle statt Verbote
Besonders deutlich wird dies beim Umgang mit generativer KI. Laut Innovationserhebung nutzen 56 Prozent der Unternehmen, die entsprechende Anwendungen einsetzen, diese über ihre Beschäftigten eigenverantwortlich. Gleichzeitig greifen 50 Prozent auf zugekaufte oder lizenzierte Lösungen zurück, während bereits 16 Prozent eigene Systeme bereitstellen. Die Entwicklung spricht gegen pauschale Verbote. Unternehmen schaffen stattdessen Regeln, technische Schutzmechanismen und interne Governance-Strukturen, um die Technologie kontrolliert einzusetzen.
Dahinter steht ein klassischer Zielkonflikt. Einerseits eröffnen KI-Anwendungen erhebliche Produktivitäts- und Innovationspotenziale. Andererseits müssen Unternehmen Geschäftsgeheimnisse schützen, regulatorische Anforderungen erfüllen und Haftungsrisiken begrenzen. Ein generelles Verbot würde zwar einzelne Risiken reduzieren, gleichzeitig aber auch den Zugang zu einer Schlüsseltechnologie einschränken, die zunehmend zum Bestandteil moderner Wertschöpfung wird.
Großunternehmen investieren in eigene KI-Strukturen
Besonders große Unternehmen haben daraus eine strategische Konsequenz gezogen. Sie setzen deutlich häufiger auf eigene KI-Lösungen und kontrollierte Plattformen als kleine und mittlere Unternehmen. Während KMU oft auf externe Angebote zurückgreifen, investieren Großunternehmen verstärkt in interne Systeme, um technologische Vorteile mit regulatorischer Kontrolle zu verbinden. Die eigentliche Entwicklung verläuft daher nicht zwischen Nutzern und Nichtnutzern, sondern zwischen Unternehmen, die KI aktiv in ihre Prozesse integrieren, und jenen, die sich noch in einer frühen Experimentierphase befinden.
Diese Entwicklung folgt einer ökonomischen Logik. Je stärker ein Unternehmen reguliert ist und je sensibler seine Datenbestände sind, desto größer wird das Interesse an eigenen KI-Infrastrukturen. Die Technologie wird dadurch nicht ausgeschlossen, sondern stärker institutionell eingebunden.
Der Wettbewerb verlagert sich
Bemerkenswert ist zudem, dass 81 Prozent der KI nutzenden Unternehmen überwiegend auf von Dritten entwickelte Systeme setzen. Eigene KI-Entwicklung bleibt die Ausnahme. Damit verschiebt sich der Wettbewerb von der Technologieentwicklung hin zur Fähigkeit, vorhandene Systeme schnell und effizient in Geschäftsprozesse einzubinden. Für viele Unternehmen wird nicht die Entwicklung eines eigenen Modells zum entscheidenden Faktor, sondern die Geschwindigkeit, mit der KI produktiv eingesetzt werden kann.
Diese Verschiebung hat erhebliche Folgen für Investitionsentscheidungen. Der ökonomische Wert entsteht zunehmend nicht durch den Besitz der Technologie, sondern durch deren produktive Anwendung. Unternehmen konkurrieren damit stärker über Organisation, Datenqualität und Umsetzungsfähigkeit als über eigene Basismodelle.
Der eigentliche Strukturwandel beginnt erst
Die Diskussion über KI-Verbote verfehlt damit häufig den eigentlichen Strukturwandel. Die deutsche Wirtschaft steht nicht vor der Entscheidung zwischen Nutzung und Nichtnutzung. Sie steht vor der Aufgabe, Regeln für eine Technologie zu schaffen, die sich bereits in den betrieblichen Alltag integriert.
Wer KI vollständig ausschließt, reduziert kurzfristig Risiken. Wer sie kontrolliert einsetzt, schafft langfristig Produktivitäts- und Innovationspotenziale. Die Innovationsdaten deuten darauf hin, dass sich die Mehrheit der Unternehmen bereits für den zweiten Weg entschieden hat. Die entscheidende Trennlinie der kommenden Jahre wird daher nicht zwischen Unternehmen mit und ohne KI verlaufen, sondern zwischen jenen, die KI in Wertschöpfung übersetzen können, und jenen, die trotz Zugang zur Technologie keinen wirtschaftlichen Nutzen daraus ziehen.
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