Deutsche Wirtschaft 2026: Aufschwung auf Pump

Veröffentlichung: 15.12.2025, 08:12 Uhr - Lesezeit 4 Minuten

Laut Winterprognose des DIW Berlin stabilisiert sich die deutsche Konjunktur nach zwei Rezessionsjahren – getragen von expansiver Finanzpolitik. Doch hinter dem Wachstum stehen Schulden, nicht Strukturreformen.

(PDF)
Die Winterprognose vom DIW  signalisiert wirtschaftliche Erholung – aber keine belastbare Trendwende.Die Winterprognose vom DIW signalisiert wirtschaftliche Erholung – aber keine belastbare Trendwende.Nano Banana prompted by experten

Wachstum durch Staatsausgaben – nicht durch Dynamik

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) unter der Leitung von Marcel Fratzscher sieht für die deutsche Wirtschaft eine allmähliche Erholung: Für 2025 wird ein geringes Wachstum von 0,2 Prozent erwartet, ab 2026 dann ein Aufschwung auf 1,3 und 1,6 Prozent in den Folgejahren. Die Ursache liegt nicht in einem selbsttragenden Wachstumspfad, sondern in einer aktiven Finanzpolitik, die durch Investitionen und Staatskonsum Nachfrage schafft – aber keine strukturelle Trendwende einleitet.

Staat wird zum Hauptakteur – der Preis ist hoch

Mit wachsendem finanzpolitischem Spielraum investiert die Bundesregierung in Infrastruktur, Verteidigung, Klimaschutz – und in konsumtive Ausgaben. Der Staatskonsum trägt laut DIW inzwischen mehr zur Konjunktur bei als der private Verbrauch. Unternehmen bleiben zurückhaltend, der Investitionsstau wächst. Die fiskalische Expansion verlagert damit die Konjunkturlast einseitig auf die öffentliche Hand. 2027 soll das Defizit auf 171,8 Milliarden Euro steigen – das entspricht 3,6 Prozent des BIP. Der Aufschwung findet statt, aber auf Pump.

Wettbewerbsfähigkeit sinkt, Exporte verlieren an Kraft

Gleichzeitig verliert die deutsche Wirtschaft an internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Der Außenhandel schwächelt trotz verbesserter Planungssicherheit durch eine Entspannung im US-Zollkonflikt. Die Exportquote sinkt, die Leistungsbilanzüberschüsse gehen zurück – von 5,8 Prozent des BIP (2024) auf nur noch 3,7 Prozent (2027). Energiepreise, Arbeitskosten und der Mangel an Fachkräften belasten die Industrie. Der deutsche Beitrag zum globalen Wachstum schwindet.

DIW warnt vor fehlender Strukturreform

Für DIW-Präsident Fratzscher ist klar: Die staatlich getriebene Konjunktur ersetzt keine nachhaltige Entwicklung. Weder bei der Produktivität noch bei privaten Investitionen sei eine substanzielle Verbesserung erkennbar. Ohne steuerpolitische Neuordnung und Abbau regulatorischer Hürden sei die Transformation der Wirtschaft nicht finanzierbar. Zudem müssten klimaschädliche Subventionen reduziert und große Vermögen stärker in die Verantwortung genommen werden.

Wacklige Stabilisierung – keine Wende

Die Winterprognose signalisiert wirtschaftliche Erholung – aber keine belastbare Trendwende. Die deutsche Wirtschaft wird stabilisiert, nicht erneuert. Der Staat wirkt als Konjunkturmotor, weil der Markt zögert. Doch fiskalische Impulse sind endlich. Solange die strukturellen Ursachen – von der demografischen Belastung bis zur Investitionszurückhaltung – nicht adressiert werden, bleibt die Erholung fragil. Das System funktioniert – noch – durch finanzpolitische Überbrückung.


(PDF)

LESEN SIE AUCH

Schauplatz eines wirtschaftspolitischen Spitzentreffens heute Abend: Das Kanzleramt in Berlin.Schauplatz eines wirtschaftspolitischen Spitzentreffens heute Abend: Das Kanzleramt in Berlin.JensG / pixabay
Politik

Wettbewerbsfähigkeit, Rente, Arbeitszeit: Redet Deutschland über die falschen Baustellen?

Bundesregierung, Arbeitgeber und Gewerkschaften kommen heute Abend im Kanzleramt zu einem wirtschaftspolitischen Spitzentreffen zusammen. Doch schon die Debatte im Vorfeld zeigt, wie umstritten die Diagnose der deutschen Wirtschaftslage ist. Während über Rente, Arbeitszeit und Sozialausgaben diskutiert wird, sehen andere Ökonomen die größten Herausforderungen bei Innovation, Produktivität und geopolitischen Risiken.
Mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen setzt inzwischen KI ein. Die eigentliche Frage lautet jedoch nicht mehr, wer KI nutzt, sondern wer die Technologie beherrscht.Mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen setzt inzwischen KI ein. Die eigentliche Frage lautet jedoch nicht mehr, wer KI nutzt, sondern wer die Technologie beherrscht.Experten/Ki
Digitalisierung

KI wird zum Infrastrukturstandard der deutschen Wirtschaft

Mehr als die Hälfte der Unternehmen nutzt KI. Entscheidend ist nicht die Verbreitung, sondern die wachsende Abhängigkeit von externen Plattformen und die Veränderung von Wettbewerbsstrukturen.
„Ostdeutschland hat sich zu einer starken Zukunftsregion entwickelt und zeigt, wie erfolgreicher Strukturwandel gelingen kann: mit Innovationskraft, Tempo und neuen Ideen. Davon kann ganz Deutschland lernen“, so Bundeskanzler Friedrich Merz auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum (OWF) in Bad Saarow.„Ostdeutschland hat sich zu einer starken Zukunftsregion entwickelt und zeigt, wie erfolgreicher Strukturwandel gelingen kann: mit Innovationskraft, Tempo und neuen Ideen. Davon kann ganz Deutschland lernen“, so Bundeskanzler Friedrich Merz auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum (OWF) in Bad Saarow.Deutschland - Land der Ideen/Brundert_Marquardt
Hintergrund

Ostdeutschland: Vom Nachzügler zur Zukunftsregion?

Auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum (OWF) in Bad Saarow bescheinigte Bundeskanzler Friedrich Merz dem Osten eine Vorbildfunktion für den Strukturwandel. Gleichzeitig zeigen aktuelle Studien, dass die wirtschaftliche Angleichung an den Westen ins Stocken geraten ist. Zwischen Sicherheitsökonomie, Digitalisierung und Industriepolitik stellt sich deshalb eine grundlegende Frage: Wird Ostdeutschland tatsächlich zur Zukunftsregion – oder bleibt der Aufholprozess unvollendet?
Die Debatte um die abschlagsfreie Frührente gewinnt an Fahrt. Eine aktuelle DIW-Studie sieht Milliarden-Einsparpotenziale und zusätzliche Arbeitskräfte, falls Beschäftigte länger im Erwerbsleben bleiben.Die Debatte um die abschlagsfreie Frührente gewinnt an Fahrt. Eine aktuelle DIW-Studie sieht Milliarden-Einsparpotenziale und zusätzliche Arbeitskräfte, falls Beschäftigte länger im Erwerbsleben bleiben.Redaktion experten.de / KI-generiert
Studien

Frührente kostet Milliarden: Soll die Rente mit 63 abgeschafft werden?

Die abschlagsfreie Frührente gehört zu den beliebtesten Rentenarten in Deutschland. Doch eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung stellt die Regelung nun infrage. Die Autoren sehen ein Einsparpotenzial von 9,5 Milliarden Euro pro Rentnerjahrgang und verweisen zugleich auf zusätzliche Arbeitskräfte für den angespannten Arbeitsmarkt.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht