Neuausrichtung der Altersvorsorge: Gesetzentwurf mit Licht und Schatten

Veröffentlichung: 09.12.2025, 10:12 Uhr - Lesezeit 5 Minuten

Mit dem Entwurf zum Altersvorsorgereformgesetz hat das Bundesfinanzministerium (BMF) einen lange erwarteten Schritt zur Modernisierung der privaten Altersvorsorge eingeleitet. Doch der VOTUM Verband der unabhängigen Finanzdienstleistungsunternehmen kritisiert zentrale Punkte des Vorhabens deutlich.

(PDF)
Reformvorschläge zur Altersvorsorge stehen weiter in der KritikReformvorschläge zur Altersvorsorge stehen weiter in der Kritikpixabay

Verfahren unter Zeitdruck: Fachliche Diskussion kaum möglich

VOTUM-Geschäftsführer Martin Klein zeigt sich irritiert über den politischen Umgang mit dem Gesetzgebungsverfahren: Der Entwurf sei unmittelbar nach Abschluss der Abstimmung zum Rentenpaket des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) veröffentlicht worden – ein zeitlicher Ablauf, der laut Klein auf parteipolitische Taktik hindeute.

Zudem sei der Gesetzentwurf im Kern bereits seit längerem im Ministerium ausgearbeitet gewesen und enthalte nur minimale Änderungen. Die für Stellungnahmen eingeräumte Frist von fünf Tagen bezeichnet der Verband als unzureichend: „Ein solches Reformvorhaben verlangt eine ernsthafte und sachorientierte Debatte“, so Klein.

Schlechterstellung einkommensschwacher Eltern bei der Förderung

Zwar findet die stärkere Kapitalmarktorientierung im neuen Altersvorsorgedepot grundsätzlich Zustimmung, doch bei der Ausgestaltung der staatlichen Förderung sieht VOTUM gravierende Schwächen – insbesondere zulasten einkommensschwacher Haushalte mit Kindern.

Ein Rechenbeispiel: Eine Mutter mit zwei Kindern und einem Bruttoeinkommen von 30.000 Euro im Jahr erhält derzeit bei einer jährlichen Eigenleistung von 425 Euro eine Förderung von 775 Euro (Grund- und Kinderzulagen). Im neuen Modell reduziert sich die staatliche Förderung bei gleichem Eigenbeitrag auf nur noch 340 Euro – eine Kürzung von 435 Euro bzw. über 50 %.

Noch drastischer fällt die Änderung bei Geringverdienenden ohne eigenes Einkommen aus: Bei einer Eigenleistung von nur 60 Euro jährlich konnte bisher die volle Zulage von 775 Euro erzielt werden. Künftig müsste der Beitrag verdoppelt werden, um lediglich 96 Euro Förderung zu erhalten – ein Rückgang um fast 80 %.

Beratung unter Druck: Kritik an Verteilung der Abschlusskosten

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die vorgesehene Verteilung von Abschluss- und Vertriebskosten über die gesamte Vertragslaufzeit. Dieses Modell spiegele laut VOTUM nicht die Realität wider: Der Großteil der Beratungskosten falle zu Beginn der Vertragsbeziehung an. Eine lineare Kostenverteilung stelle daher die Refinanzierung qualifizierter Beratung infrage und gefährde die Beratungsqualität.

Der Verband kündigt in seiner Stellungnahme einen Gegenvorschlag an, der den wirtschaftlichen Anforderungen ebenso wie dem Anspruch auf hochwertige Beratung gerecht werden soll.

Berufsunfähigkeitsschutz: Ausschluss könnte Vorsorge gefährden

Auch der Ausschluss ergänzender Absicherungsoptionen, etwa einer Beitragsfreistellung bei Berufsunfähigkeit, stößt auf Kritik. Solche Zusatzbausteine seien in der Praxis ein entscheidender Faktor, um Kontinuität bei den Beitragszahlungen zu gewährleisten.

Das Argument, dass durch den Verzicht auf solche Elemente Beratung entbehrlich werde, hält der Verband für nicht überzeugend. Ohne fachkundige Beratung würden viele Menschen keine Vorsorge treffen. Qualifizierte Information und Aufklärung seien ein zentraler Bestandteil jeder nachhaltigen Altersvorsorgeentscheidung.

Der Gesetzentwurf zur Reform der privaten Altersvorsorge setzt wichtige Impulse – etwa mit dem Fokus auf Kapitalmarktinvestitionen. Doch sowohl im Verfahren als auch in der sozialen Ausgestaltung sieht der VOTUM Verband erheblichen Korrekturbedarf. Besonders benachteiligte Zielgruppen und die Rolle der qualifizierten Beratung sollten im weiteren Gesetzgebungsverfahren stärker berücksichtigt werden.


(PDF)

LESEN SIE AUCH

Prof. Michael Hauer, Geschäftsführer IVFPProf. Michael Hauer, Geschäftsführer IVFP
Existenzvorsorge

Generationen unter Druck: Warum die Altersvorsorge neue Antworten braucht

Die Altersvorsorge in Deutschland steht an einem Wendepunkt: Gesetzliche Rente, betriebliche Modelle und private Initiativen wie das geplante Altersvorsorgedepot werden neu verhandelt. Doch viele Reformen bleiben Stückwerk und verschieben die Kostenlast auf die jüngere Generation, warnt Prof. Michael Hauer, Geschäftsführer des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP). Der Text erschien zuerst im expertenReport 10/25.
Vertriebsvorständin Stefanie van HoltVertriebsvorständin Stefanie van HoltVolkswohl Bund
Fürs Alter

Altersvorsorge-Depot: Volkswohl Bund warnt vor „Klick-Lösungen“

Das geplante Altersvorsorge-Depot soll die private Altersvorsorge einfacher und attraktiver machen. Der Volkswohl Bund begrüßt die Reform grundsätzlich, warnt jedoch vor einer Unterschätzung der neuen Komplexität. Kunden stünden künftig vor weitreichenden Entscheidungen, die aus Sicht des Versicherers ohne qualifizierte Beratung schnell zu Fehlentscheidungen führen könnten.
Susanna Adelhardt, Vorstandsvorsitzende der DAVSusanna Adelhardt, Vorstandsvorsitzende der DAVDeutsche Aktuarvereinigung
Fürs Alter

DAV fordert stärkere kapitalgedeckte Altersvorsorge

Die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) unterstützt die aktuellen Reformen der privaten Altersvorsorge und der betrieblichen Altersversorgung. Gleichzeitig warnen die Aktuarinnen und Aktuare davor, kapitalgedeckte Vorsorge auf reine Vermögensbildung zu reduzieren. Entscheidend sei eine flächendeckende und lebenslange Absicherung im Alter.
Die geplante Reform der privaten Altersvorsorge könnte zu erheblichen Kapitalverschiebungen aus bestehenden Riester-Verträgen in neue kapitalmarktorientierte Altersvorsorge-Depots führen.Die geplante Reform der privaten Altersvorsorge könnte zu erheblichen Kapitalverschiebungen aus bestehenden Riester-Verträgen in neue kapitalmarktorientierte Altersvorsorge-Depots führen.Redaktion experten.de / KI-generiert
Fürs Alter

Altersvorsorge-Depot könnte Riester-Markt massiv verändern

Das geplante Altersvorsorge-Depot könnte den Markt der privaten Altersvorsorge grundlegend umkrempeln. Einer aktuellen Untersuchung zufolge planen Millionen Riester-Sparer einen Wechsel in das neue Fördersystem. Besonders Lebensversicherer könnten erhebliche Kapitalabflüsse treffen.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht