Stabilität der Lohnsteuer trügt – Unternehmenssteuern unter Druck

Veröffentlichung: 21.10.2025, 13:10 Uhr - Lesezeit 5 Minuten

Trotz eines leichten Anstiegs des Steueraufkommens im September 2025 um 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gibt es aus finanzpolitischer Sicht wenig Grund zur Zuversicht. Das zeigt nicht nur die detaillierte Aufschlüsselung der Einnahmen durch das Bundesministerium der Finanzen, sondern auch die konjunkturelle Bewertung durch das Bundeswirtschaftsministerium. Die Zahlen offenbaren strukturelle Schwächen im Steueraufkommen, die besonders für den Bund und die Kommunen mittelfristig problematisch werden könnten.

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Trügerische Stabilität – strukturelle Schwächen im SteuerfundamentTrügerische Stabilität – strukturelle Schwächen im SteuerfundamentAdobe

Lohnsteuer stabil – getragen von Rentenanpassungen und öffentlicher Beschäftigung

Mit 19,5 Mrd. Euro verzeichnete die Lohnsteuer ein Plus von 5,7 Prozent. Doch dieser Zuwachs resultiert vor allem aus nominalen Effekten: gestiegene Tarifabschlüsse, höhere Mindestlöhne sowie Rentenerhöhungen stützen das Aufkommen. Beschäftigungszuwächse in Pflege, Gesundheit und öffentlichem Dienst tragen ebenfalls bei – nicht jedoch eine signifikante wirtschaftliche Dynamik.

Laut Bundeswirtschaftsministerium basiert das Beschäftigungswachstum zunehmend auf Teilzeitstellen und ausländischen Arbeitskräften aus Drittstaaten, während die sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung sinkt – ein warnendes Signal für die Nachhaltigkeit dieses Steuerpfeilers.

Körperschaft- und Gewerbesteuer: Schwache Unternehmensbasis belastet

Die Körperschaftsteuer fiel im September um 1,4 Prozent. Im bisherigen Jahresverlauf liegt der Zuwachs bei lediglich 0,8 Prozent. Die Ursache liegt laut BMF in schwachen Unternehmensgewinnen – insbesondere in der exportorientierten Industrie. Die Vorauszahlungen für das laufende Jahr stagnieren oder gehen gar leicht zurück.

Noch deutlicher ist die Entwicklung bei der Gewerbesteuer: Die kommunale Umlage sank im laufenden Jahr um fast 6 Prozent. Damit geraten insbesondere Städte und Gemeinden unter Druck, da sie stark auf diese Einnahmequelle angewiesen sind – etwa für Infrastruktur, Bildung oder soziale Leistungen.

Einmaleffekte stützen Bundessteuern – keine Trendwende

Ein deutlicher Zuwachs zeigte sich bei der Tabaksteuer (+60,9 Prozent) infolge von Vorzieheffekten wegen geplanter Steuersatzerhöhungen zum Jahreswechsel. Auch Erbschaftsteuer (+36,6 Prozent) und Grunderwerbsteuer (+23,4 Prozent) legten zu, teilweise bedingt durch Sondereffekte oder Marktanpassungen. Diese Entwicklungen sind jedoch volatil und bieten keine tragfähige Grundlage für künftiges Aufkommenswachstum.

Die Umsatzsteuer stagnierte – trotz moderat steigender Einzelhandelsumsätze –, was auf eine verhaltene Binnenkonjunktur und schwankende One-Stop-Shop-Einnahmen hindeutet.

Konjunktur: Stagnation bei Industrie und Beschäftigung

Das Bundeswirtschaftsministerium erwartet für 2025 nur noch ein reales BIP-Wachstum von +0,2 Prozent. Die Industrieproduktion sank im August um 5,6 Prozent, vor allem im Maschinenbau, der Automobil- und Elektroindustrie. Der Export ist ebenfalls rückläufig. Die Arbeitslosenquote lag im September stabil bei 6,3 Prozent, die Beschäftigung stagniert jedoch.

Die Inflationsrate betrug im September 2,4 Prozent. Energie verteuerte sich nur geringfügig, während Dienstleistungen – etwa Gesundheit und Transport – deutlich zum Preisanstieg beitrugen. Konsumklima- und Geschäftsklimaindikatoren zeigen eine klare Eintrübung.

Trügerische Stabilität – strukturelle Schwächen im Steuerfundament

Die aktuelle Stabilität des Steueraufkommens beruht auf Effekten aus dem Sozialbereich – Löhne, Renten, Konsum – nicht auf produktivitäts- oder investitionsgetriebenem Wachstum. Unternehmenssteuern schwächeln, Einmaleffekte verzerren das Bild, und die strukturellen Belastungen durch eine schwache industrielle Entwicklung nehmen zu.

Für die öffentliche Hand bedeutet dies: Vorsicht statt Entwarnung. Ohne eine konjunkturelle Belebung, insbesondere im Mittelstand und in der Industrie, droht das Steueraufkommen in den kommenden Quartalen unter Druck zu geraten – mit weitreichenden Konsequenzen für Haushalts- und Investitionsspielräume.


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