Die Bundesregierung feiert sie als Fortschritt, viele Bürger wittern Etikettenschwindel: Die Aktivrente soll Rentnern das Weiterarbeiten schmackhaft machen – mit bis zu 2.000 Euro steuerfreiem Verdienst im Monat. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil spricht von einem „echten Plus“. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas sieht darin einen „wichtigen Impuls für den Arbeitsmarkt“. Der Volksmund sagt: Das ist kein Geschenk – das ist ein Witz. Und zwar ein teurer.
Denn was hier als steuerliche Wohltat verkauft wird, ist in Wahrheit eine beitragsbelastete Scheinfreiheit. Während auf der einen Seite die Lohnsteuer entfällt, kassiert der Staat auf der anderen Seite weiter kräftig – über die Sozialversicherungsbeiträge. Für Rentner bedeutet das: Steuerfreiheit ja – aber doppelte Abgabenlast auf Lohn undRente.
Doppeltes Einkommen – doppelte Beiträge
Wer nach dem regulären Rentenalter weiterarbeitet, erhält die Rente und verdient hinzu – schön und gut. Aber: Auf beide Einkünfte werden Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung fällig. Das nennt sich im Gesetz „systematisch schlüssig“. Auf Deutsch: Zweifach abkassiert – einfach erklärt.
Und dabei wirkt das neue Gesetz fast wie ein Deal aus dem Steuer-Zauberkasten: Keine Steuer zahlen – aber bitte weiter einzahlen. Selbstverständlich bleiben Rentner von der Arbeitslosenversicherung befreit, was tröstlich wäre, wenn es nicht ohnehin selbstverständlich wäre. Und zur Rentenversicherung? Da kann man freiwillig einzahlen. Nur der Arbeitgeber muss es sowieso.
Klingbeils PR-Satz klingt trotzdem wie ein Werbespot für Durchhaltewillige:
„Wer freiwillig länger arbeitet, profitiert künftig von der Aktivrente. Das stärkt den Arbeitsmarkt, das stärkt die Wirtschaft und das ist ein echtes Plus für alle, die beruflich aktiv bleiben wollen.“
„Freiwillig“ – ein schönes Wort. Besonders, wenn die Rente nicht reicht und die Inflation den Wocheneinkauf auffrisst.
"Steuerfrei": Eine Frage der Perspektive
Die große Ungerechtigkeit beginnt beim Vergleich: Wer als Aktivrentner seine 2.000 Euro brutto verdient, zahlt nur rund 10,35 % Sozialabgaben – keine Steuer. Wer dasselbe verdient, aber 45 Jahre jung ist, zahlt Lohnsteuer und volle Sozialabgaben. Netto bleibt da deutlich weniger.
Rechenbeispiel: Wer hat wirklich mehr vom Brutto?
Die Aktivrente macht also nicht alle reicher – nur manche. Genauer: Nur die, die systemkonform angestellt sind. Denn wie immer in Deutschland gilt: Wer in kein Formular passt, fällt durchs Raster.
Das „Geschenk“ mit Rückgabepflicht
Selbstständige, Freiberufler, Landwirte? Raus.
Die Aktivrente ist exklusiv für sozialversicherungspflichtige Beschäftigte konzipiert. Wer individuell, frei oder einfach anders arbeitet, ist nicht gemeint – und nicht erwünscht. Der handwerkende 68-Jährige mit eigenem Betrieb geht leer aus. Der frühere Verwaltungsangestellte, der nochmal halbtags ins Bauamt geht? Willkommen!
Ein System für die Systemischen – und ein Signal der sozialen Schieflage.
Bilanz eines politischen Taschenspiels
Die Aktivrente ist kein Geschenk. Sie ist ein steuerfreier Köder mit beitragspflichtigem Haken. Eine Maßnahme, die mit dem Etikett „Freiwilligkeit“ maskiert, was de facto Einzahldisziplin mit PR-Deckel ist.
Wer jung ist, zahlt. Wer alt ist und weiterarbeitet, auch. Nur unter anderen Bedingungen. Und wer selbstständig ist, darf wie immer draußen bleiben.
Was bleibt?
Ein Gesetz mit warmen Worten - ein politisches Placebo gegen den Fachkräftemangel. Und ein weiteres Beispiel dafür, dass man auch als Rentner noch ordentlich zur Kasse gebeten werden kann – freiwillig, versteht sich.
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