Die fetten Jahre sind vorbei

Veröffentlichung: 23.09.2016, 05:09 Uhr - Lesezeit 16 Minuten

Die Allianz stellt in der siebten Ausgabe ihres „Global Wealth Report“ erneut die Analyse der Vermögens- und Schuldenlage der privaten Haushalte in über 50 Ländern vor. Demnach gehören die „fetten“ Jahre im Vermögenswachstum erst einmal der Vergangenheit an. 2015 erzielte das globale Brutto-Geldvermögen der privaten Haushalte mit 4,9 Prozent eine Zuwachsrate, die nur noch knapp über der Wachstumsrate der allgemeinen Wirtschaftstätigkeit lag. In den drei Jahren zuvor war das Vermögen im Schnitt mit 9 Prozent und dadurch rund doppelt so schnell gewachsen.

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Die Frage nach der jeweils richtigen Vermögensanlage gestaltet sich für den Sparer immer schwieriger. Hinzu kommt, dass die extrem expansive Geldpolitik auch als Treiber der Wertpapierpreise an Wirkung verliert. Ein Faktor des Vermögenswachstums der letzten Jahre fällt somit weg und die Zinssituation bis in den negativen Bereich bedeutet für den Sparer ein echtes Dilemma.

Industrieländern: langsameres Vermögenswachstum

Vom Rückgang des Vermögenswachstums waren vor allem Westeuropa, die USA und Japan betroffen: In Westeuropa (3,2 Prozent) und den USA (2,4 Prozent) reduzierte sich 2015 die Zuwachsrate gegenüber 2014 auf weniger als die Hälfte. Am anderen Ende der Skala steht der asiatische Raum (ex Japan) mit einem Zuwachs von 14,8 Prozent. Der Abstand zum Rest der Welt wird immer größer. Dies gilt auch im Verhältnis zu den beiden anderen aufstrebenden Regionen, Lateinamerika und Osteuropa, die im Mittel nur noch halb so schnell wie Asien wachsen.

Die Zeiten, in denen das Tempo der Asiaten mitgehalten werden konnte, sind lange vorbei. Von den insgesamt 155 Billionen Euro weltweiten Brutto-Geldvermögens entfallen inzwischen 18,5 Prozent auf die Region Asien (ex Japan), die ihren Anteil damit seit Beginn des neuen Jahrtausends mehr als verdreifachen konnte und auch am Euroraum (14,2 Prozent) vorbeigezogen ist.

Schuldenwachstum: regional sehr unterschiedlich

Mit 4,5 Prozent wuchsen die Verbindlichkeiten der privaten Haushalte 2015 im selben Tempo wie im Vorjahr. Insgesamt lagen die privaten Schulden Ende des Jahres bei 38,6 Billionen Euro und damit gut ein Viertel über dem Wert vor Ausbruch der großen Finanzkrise.

Die Entwicklung in den einzelnen Regionen war dabei sehr unterschiedlich: In Asien (ex Japan) beschleunigte sich das Schuldenwachstum, so liegen zum Beispiel in Ländern wie Südkorea oder Malaysia die Schuldenstandsquoten der privaten Haushalte mittlerweile auf einem Niveau wie in den USA, Irland oder Spanien kurz vor dem Platzen der Immobilienblase. In Lateinamerika und Osteuropa verlangsamte sich das Wachstum der Schulden deutlich, auch bedingt durch die Krise der großen Volkswirtschaften.

In Nordamerika und Westeuropa war kaum eine Veränderung zu erkennen, die Verbindlichkeiten kletterten nur sehr moderat – und damit im sechsten Jahr in Folge langsamer als die Wirtschaftsleistung. In Summe agierten die Privathaushalte bei der Schuldenaufnahme weiterhin sehr vorsichtig; in vielen Ländern Westeuropas setzte sich 2015 der Schuldenabbau fort.

Chefvolkswirt der Allianz, Michael Heise, kommentiert:

„In ihrer Mehrzahl verhalten sich die privaten Haushalte ökonomisch vernünftig – und damit entgegen den Intentionen der Zentralbanken, die mit ihrer aggressiven Zinspolitik ja gerade die Nachfrage ankurbeln wollen. Für die privaten Haushalte steht aber der notwendige Schuldenabbau nach den Übertreibungen der Finanzkrise im Vordergrund.“

Da 2015 weltweit Vermögen und Schulden nahezu im Gleichschritt wuchsen, legte auch das globale Netto-Geldvermögen, die Differenz von Brutto-Geldvermögen und Verbindlichkeiten, mit etwa derselben Rate zu: Das Plus belief sich auf 5,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In den drei Jahren zuvor war das Netto-Geldvermögen hingegen noch durchgängig zweistellig gewachsen.

In Deutschland wuchs das Brutto-Geldvermögen im vergangenen Jahr um 4,6 Prozent und damit mehr als doppelt so schnell wie die privaten Verbindlichkeiten (+2,2 Prozent). Daraus resultiert ein kräftiger Anstieg des Netto-Geldvermögens um 5,7 Prozent, der in Europa nur von Dänemark und Schweden und im Euroraum nur von Irland übertroffen wird. Hohe Sparleistungen und strikte Schuldendisziplin zahlen sich aus, die deutsche Schuldenstandsquote ist hinter Österreich die zweitniedrigste in Europa.

Netto-Vermögen pro Kopf: Deutschland auf Platz 18

Dies ändert nichts an der Tatsache, dass Deutschland in der Rangliste der 20 reichsten Länder (Geldvermögen pro Kopf, s. Tabelle) weiterhin enttäuschend abschneidet: Mit Blick auf das Netto-Vermögen kommt Deutschland auf den 18. Platz, beim Brutto-Vermögen fiel es gar auf Platz 20 zurück. Die weitgehend fehlende Kapitaldeckung der Rentenansprüche rächt sich in der Vermögensstatistik. Auch Frankreich und Italien sind in den letzten Jahren deutlich abgerutscht und stehen ähnlich schlecht da.

Dominiert wird die Rangliste – neben den unangefochtenen Spitzenreitern Schweiz und USA – in jüngster Zeit von skandinavischen und asiatischen Ländern. Beim Brutto-Geldvermögen steht nur noch ein Euroland unter den Top 10: die Niederlande. Das ist kein Zufall, denn die Niederlande verfügen weltweit über eines der besten Pensionssysteme, in dem die betriebliche Altersvorsorge für den systematischen Vermögensaufbau in der Breite der Bevölkerung eine große Rolle spielt.

Vorsichtige Anlagestrategie kostet 200 Mrd. Euro

Der Vergleich der realen Vermögensrenditen im Euroraum in den letzten vier Jahren zeigt, dass Deutschland neben Österreich am schlechtesten abschneidet. Während die reale Rendite in Deutschland für diesen Zeitraum bei 2,3 Prozent lag, erreichen Italien und Spanien Renditen von deutlich über 4 Prozent, auch in Frankreich ist sie mit 3,6 Prozent wesentlich höher. Die Begründung liegt in dem vorsichtigen Sparverhalten der deutschen Haushalte. Die Kosten dieses Verhaltens zeigt eine einfache Simulationsrechnung.

Die deutschen Haushalte haben in den letzten vier Jahren etwa 40 Prozent ihres Geldvermögens mit Verlust bei den Banken geparkt. Die reale Rendite dieser Anlage betrug im Durchschnitt dieser Jahre minus 0,4 Prozent. Hätten die Deutschen nur 30 Prozent in Bankeinlagen gehalten und die so frei gewordenen 10 Prozent der Mittel je zur Hälfte auf Aktien und Investmentfonds verteilt, wäre die Vermögensrendite in diesem Zeitraum um nahezu einen vollen Prozentpunkt höher ausgefallen. Die deutschen Haushalte hätten damit zusätzliche Vermögenseinnahmen von rund 200 Mrd. Euro erzielen können.

Michael Heise resümiert:

„Hinterher ist man natürlich immer schlauer, aber dass Zeiten extremer Geldpolitik mit negativen Zinsen auch Anpassungen im Anlageverhalten erfordern, ist evident. Alte Gewissheiten gelten heute nicht mehr: Vermeintlich sichere Anlagen wie Bundesanleihen sind nicht mehr sicher, sie gefährden vielmehr den Vermögensaufbau. Gleichzeitig nehmen in dem Maße, wie die Geldpolitik ihre Mittel immer mehr ausreizt, die Risiken zu und die Märkte werden immer volatiler.

Viele Sparer dürfte auf sich allein gestellt mit diesen Herausforderungen überfordert sein. Neue Sparkonzepte und Vermögenslösungen sind notwendig – dies ist eine Aufgabe, die Finanzindustrie und Politik gemeinsam angehen sollten. Vor allem die Politik sollte jetzt den Sparern nicht noch weitere Belastungen auferlegen, sondern die Rahmenbedingungen für langfristiges Sparen verbessern“

Die globale Vermögensverteilung verbreitert sich

Die Analyse der Vermögensverteilung zeigt ein heterogenes Bild. Die Wachstumsstory der Schwellenländer lässt dort immer mehr Menschen am allgemeinen Wohlstand teilhaben und eine neue globale Mittelklasse bilden. Parallel dazu ist die Armut in den vergangenen Dekaden weltweit deutlich zurückgegangen. Zwar gehört die überwiegende Mehrheit der fünf Milliarden Menschen in den von der Allianz untersuchten Ländern immer noch der globalen Vermögensunterklasse an.

1 Statt 80 Prozent (2000) zählen aber heute 69 Prozent der Gesamtbevölkerung dazu. In den zurückliegenden Jahren ist immer mehr Menschen der Aufstieg in die Mittelklasse gelungen, insgesamt nahezu 600 Millionen. Die Zahl der Personen hat sich damit auf über eine Milliarde Menschen mehr als verdoppelt; der Anteil der Mittelklasse an der Gesamtbevölkerung kletterte von 10 auf rund 20 Prozent. Auch ihr Anteil am Weltvermögen hat sich gegenüber dem Beginn des Jahrtausends beinahe verdreifacht und erreichte Ende 2015 gut 18 Prozent. Die globale Mittelklasse wird also nicht nur immer größer, sondern auch immer reicher.

Gleichzeitig ist in den letzten Jahren auch die globale Vermögensoberklasse gewachsen, obwohl in den alten Industrieländern heute weniger Haushalte dazu gehören. Ende 2015 waren es weltweit etwa 540 Millionen Personen, gut 100 Millionen oder 25 Prozent mehr als noch im Jahr 2000. Sie ist deutlich heterogener als früher, als zu ihr nahezu ausschließlich Westeuropäer, Amerikaner und Japaner zählten: Der Anteil aus diesen Regionen/Ländern ist von über 90 auf 66 Prozent gefallen.

Allerdings ging auch der Anteil der Oberklasse am globalen Geldvermögen zurück. Diese Entwicklung spiegelt, zumindest auf globaler Ebene, eine breitere Vermögensverteilung und das Entstehen einer echten globalen Mittelklasse in kurzer Zeit wider. Dies ist eine der wichtigsten Entwicklungen für die Weltwirtschaft, deren Prozess hauptsächlich von China getragen wird.

In vielen Industrieländern verliert die Mittelklasse

In der nationalen Perspektive zeigt sich ein anderes Bild, vor allem in den Industrieländern. Zur Analyse der nationalen Vermögensverteilung hat die Allianz in diesem Jahr dazu den Anteil der Mittelklasse am Gesamtvermögen im Zeitverlauf untersucht. Ein einheitliches Muster ist dabei nicht zu erkennen. In etwa einem Drittel der untersuchten Länder verliert die Mittelklasse. Es lässt sich ein Prozess der schleichenden Auszehrung der Mitte beobachten, die immer weniger am Gesamtvermögen partizipiert. Dies trifft vor allem auf Eurokrisenländer (Italien, Irland, Griechenland) und alte Industrieländer (USA, Japan, Großbritannien) zu.

In etwa der Hälfte der untersuchten Länder ist dagegen ein Anstieg des Vermögensanteils der Mittelklasse festzustellen. Die Mitte gewinnt und gleichzeitig sinkt die Vermögenskonzentration in der Spitze, die Vermögensverteilung wird gleicher. Vor allem in Schwellenländern wie der Türkei, Thailand oder Brasilien geht dies auch mit einem zahlenmäßigen Anstieg der Mittelklasse einher – durch Aufstieg aus der Vermögensunterklasse.

In etwa einem Fünftel der Länder schließlich hat sich der Status der Mittelklasse über die letzten Jahre kaum verändert – dazu zählt auch Deutschland, das in Verteilungsfragen eine beachtliche Stabilität aufweist. Unterm Strich bleibt also ein gemischtes Fazit: Von einer allgemeinen Erosion, vom Abstieg der Mittelklasse als weltweitem Phänomen, kann keine Rede sein – wohl aber in vielen Industrieländern.

Spitze der Verteilungspyramide entfernt sich immer weiter vom Durchschnitt

Aber auch dort, wo die Mittelklasse nicht verliert, ist die Verteilungsfrage nicht immer klar zu beantworten, wie die Beispiele Schweiz, Frankreich oder auch der Euroraum als Ganzes zeigen. Von den drei Vermögensklassen konnte hier nur eine Klasse zulegen, die Mittelklasse. Die Oberklasse schrumpfte insgesamt, sowohl was ihren Anteil an der Bevölkerung als auch am Netto-Geldvermögen angeht.

Dies trifft aber nicht auf deren entscheidende Untergruppe zu, das reichste Bevölkerungsdezil. Dessen Anteil am Vermögen ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Mehr Personen partizipieren also an einem durchschnittlichen Reichtum, aber gleichzeitig entfernt sich die Spitze der Verteilungspyramide immer weiter von diesem Durchschnitt – und wird immer dünner. Letztlich trifft dies auch auf die Verhältnisse im globalen Maßstab zu.

Heise kommentiert:

„Die Verteilungsfrage ist komplizierter als es die Rede von der stetig wachsenden Ungleichheit suggerieren will. Entsprechend differenziert sollte daher auch der politische Umgang mit Verteilungsfragen erfolgen. Was aber nicht ausschließt, dass es in einigen Ländern durchaus Handlungsbedarf gibt. Das Ende der Negativzinspolitik wäre sicherlich ein guter Anfang.“

1 Wie in den Vorjahren teilt der „Allianz Global Wealth Report“ die Vermögensbesitzer in drei globale Vermögensklassen auf. Die globale Vermögensmittelklasse umfasst dabei alle Personen mit einem Geldvermögen zwischen 7.000 und 42.000 Euro.

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