Entgeltfortzahlung erreicht Rekordniveau: Arbeitgeber zahlen 82 Milliarden Euro für kranke Beschäftigte

Veröffentlichung: 21.08.2025, 11:08 Uhr - Lesezeit 4 Minuten

Wenn Arbeitnehmer krank werden, springt der Arbeitgeber ein – gesetzlich geregelt im Entgeltfortzahlungsgesetz (§ 3 EFZG). Bis zu sechs Wochen lang muss der Lohn in voller Höhe weitergezahlt werden. Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt: Für Unternehmen ist diese Pflicht mit steigenden Kosten verbunden. Im Jahr 2024 beliefen sich die Aufwendungen auf rund 82 Milliarden Euro – eine Verdopplung gegenüber dem Jahr 2010.

(PDF)
Die Kosten für Entgeltfortzahlung explodierenDie Kosten für Entgeltfortzahlung explodierenDALL-E

Private Arbeitgeber tragen Großteil der Kosten im Krankheitsfall

Die gesetzliche Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist für Unternehmen ein wachsender Kostenfaktor. Zum Vergleich: Die gesetzlichen Krankenkassen zahlten im selben Zeitraum rund ein Viertel dieser Summe als Krankengeld. Der Großteil der finanziellen Last liegt somit bei den Arbeitgebern. Die IW-Zahlen verdeutlichen, dass die Lohnfortzahlung mittlerweile etwa ein Viertel aller Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung ausmacht.

Krankenstand, Demografie und Lohnentwicklung treiben die Kosten in die Höhe

Die Gründe für die Entwicklung sind vielfältig. Neben dem Anstieg des Krankenstands über zwei Jahrzehnte spielen auch strukturelle Effekte eine Rolle:

  • Beschäftigungshöchststand: 2024 erreichte die Zahl der Beschäftigten einen historischen Höchststand, mit ihm auch die Zahl der Lohnfortzahlungsansprüche.
  • Steigende Löhne: Jede Lohnerhöhung bedeutet auch eine höhere Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall.
  • Alternde Mitarbeiter: Mit dem demografischen Wandel häufen sich altersbedingte Erkrankungen wie Muskel- und Skeletterkrankungen, die längere Genesungszeiten mit sich bringen.
  • Mehr psychische Erkrankungen: Zwar weiterhin selten (unter 5 % aller Fälle), verursachen diese überdurchschnittlich viele Ausfalltage.
  • Saisonale Effekte: Atemwegserkrankungen bleiben häufige Ursache für Fehltage, auch bei jungen Beschäftigten.

IW fordert Entlastung für Arbeitgeber

Angesichts der steigenden Kosten werden verschiedene Entlastungsvorschläge diskutiert. Die IW-Studie nennt unter anderem folgende Vorschläge:

  • Karenztage: Lohnfortzahlung entfällt oder wird in den ersten Tagen reduziert.
  • Jahresbezogene Begrenzung: Maximal sechs Wochen Entgeltfortzahlung pro Jahr, auch bei wechselnden Diagnosen.
  • Senkung der Lohnnebenkosten: Diese Maßnahme hätte laut IW nicht nur betriebswirtschaftlichen Nutzen, sondern würde auch die Wachstumsimpulse der Bundesregierung unterstützen.

Senkung der Lohnnebenkosten ist unerlässlich

Jochen Pimpertz, Ökonom und Mitautor der Studie, betont: In der Regel haben Unternehmen bereits gute gesundheitsrelevante Arbeitsbedingungen. Will die Politik Unternehmen dennoch spürbar entlasten, müsse sie an den Lohnnebenkosten ansetzen. Das stärke nicht nur die Betriebe, sondern unterstütze auch die Wachstumsstrategie der Bundesregierung statt sie zu bremsen.

Zur IW-Studie gelangen Sie hier.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

depressed woman sitting on bed and holding head in hands through window with raindropsdepressed woman sitting on bed and holding head in hands through window with raindropsLIGHTFIELD STUDIOS – stock.adobe.com
Existenzvorsorge

Stolperfalle Kranken(tage)geld

Manchmal kann es sehr schnell gehen. Eine Krebserkrankung, ein Auto- oder Motorradunfall oder auch schwere Depressionen können zu einer längeren und wiederholten Arbeitsunfähigkeit führen. Im Fall einer über die Entgeltfortzahlung des Arbeitgebers hinausreichenden Arbeitsunfähigkeit haben in der gesetzlichen Krankenversicherung versicherte Arbeitnehmer einen Anspruch auf Krankengeld. Arbeitnehmer, die ihren Versicherungsschutz bei einem privaten Krankenversicherer eingerichtet haben, erhalten – ...
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU).Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU).Tobias Koch
Krankenversicherung

Beitragsbemessungsgrenze: Mehr Einnahmen oder falscher Hebel für die GKV?

Die Debatte um eine Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze in der gesetzlichen Krankenversicherung nimmt wieder Fahrt auf. Aktueller Anlass sind unter anderem Argumentationen aus dem Umfeld der Privaten Krankenversicherung, die vor möglichen Nebenwirkungen warnen. Gleichzeitig hat sich die GKV-Finanzkommission mit dem Instrument befasst – und bewusst keine Empfehlung ausgesprochen.
Myriams-Fotos / pixabay
Politik

SPD-Vorstoß zur Gesundheitsabgabe erntet Kritik

Die SPD will neben Löhnen und Gehältern künftig auch Miet- und Kapitaleinkünfte zur Finanzierung der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung heranziehen. Zudem steht die Beitragsbemessungsgrenze zur Disposition. Der Deutsche Führungskräfteverband ULA warnt vor steigenden Lohnnebenkosten und strukturellen Fehlanreizen.
IKK-Südwest-Chef Prof. Dr. Jörg Loth im Dialog mit Dr. med. Angelika Thönnes, Vorsitzende des Adipositas-Netzwerk Saar und Umweltstaatssekretär Sebastian Thul bei der Auftaktveranstaltung des Projekts "schmeckt.einfach.gut".IKK-Südwest-Chef Prof. Dr. Jörg Loth im Dialog mit Dr. med. Angelika Thönnes, Vorsitzende des Adipositas-Netzwerk Saar und Umweltstaatssekretär Sebastian Thul bei der Auftaktveranstaltung des Projekts "schmeckt.einfach.gut".Fotos: CuveeWerbewinzer
Politik

Lohnnebenkosten am Limit: IKK Südwest warnt vor sozialpolitischer Negativspirale

Die IKK Südwest warnt vor einer gefährlichen Kostenlawine in der Sozialversicherung: Steigende Kassenbeiträge und Sozialabgaben bedrohen laut Vorstand Prof. Jörg Loth Arbeitsplätze und schwächen den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht