Arbeitszeiterfassung: Nur drei Viertel der Unternehmen setzen gesetzliche Vorgaben um

Veröffentlichung: 12.06.2025, 09:06 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Drei Viertel der Unternehmen erfassen inzwischen die Arbeitszeit ihrer Beschäftigten – ein deutlicher Anstieg seit dem Urteil des Bundesarbeitsgerichts. Doch viele Betriebe sehen darin einen bürokratischen Mehraufwand und fordern eine Reform des Arbeitszeitrechts: weniger Kontrolle, mehr Flexibilität und praxisnahe Regeln für die digitale Arbeitswelt.

(PDF)
cms.binkoDALL-E

Rund 74 Prozent der deutschen Unternehmen mit mindestens 20 Beschäftigten erfassen derzeit die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeitenden. Das zeigt eine repräsentative Befragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Damit reagieren viele Betriebe auf die höchstrichterliche Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts vom September 2022, die Arbeitgeber zur Arbeitszeiterfassung verpflichtet. Zum damaligen Zeitpunkt hatte lediglich knapp ein Drittel der Unternehmen entsprechende Systeme implementiert.

Digitale Systeme dominieren – aber analoge Methoden bleiben verbreitet

Die technische Umsetzung variiert deutlich: 31 Prozent der Unternehmen nutzen elektronische Zeiterfassungssysteme am Computer, 18 Prozent setzen auf Smartphone-Apps. Weitere 24 Prozent greifen auf stationäre Geräte mit Chip oder Transponder zurück, 19 Prozent arbeiten mit klassischen Stechuhren. Bemerkenswert: Trotz technischer Alternativen setzen 16 Prozent auf Excel-Tabellen und 13 Prozent sogar noch auf handschriftliche Stundenzettel.

Erfassung schützt Beschäftigte – rechtliche Risiken bei Verstößen

Die Pflicht zur Arbeitszeiterfassung dient nicht nur der betrieblichen Organisation, sondern insbesondere dem Schutz der Beschäftigten. Sie soll gewährleisten, dass gesetzliche Höchstarbeitszeiten sowie Ruhe- und Pausenzeiten eingehalten werden und Überstunden transparent dokumentiert sind. Unternehmen, die ihrer Pflicht zur Erfassung nicht nachkommen, riskieren Konsequenzen: Bei Verstößen drohen Bußgelder, arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen und ein Reputationsverlust. Zudem können Mitarbeitende rückwirkend Ansprüche auf Vergütung von Überstunden geltend machen, wenn keine ordnungsgemäße Zeiterfassung erfolgt ist. Auch das Risiko für Gesundheitsschäden durch Überlastung steigt ohne Kontrolle der Arbeitszeiten.

Darüber hinaus ist die Arbeitszeiterfassung ein zentrales Element bei Lohnsteuer-Außenprüfungen und Prüfungen durch die Deutsche Rentenversicherung. Insbesondere bei der Beurteilung von Mehrarbeit, Minijobs oder sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen sind dokumentierte Arbeitszeiten ein wesentlicher Nachweis gegenüber den prüfenden Behörden. Fehlende oder unvollständige Zeiterfassungen können zu erheblichen Nachforderungen bei Steuern und Sozialabgaben führen – einschließlich möglicher Säumniszuschläge und Strafverfahren.

Viele Unternehmen planen Einführung – nur wenige warten ab

21 Prozent der befragten Unternehmen wollen im laufenden Jahr eine Arbeitszeiterfassung einführen. Nur 2 Prozent zeigen sich abwartend und setzen vorerst auf eine gesetzliche Präzisierung. Der Koalitionsvertrag sieht vor, die elektronische Erfassung möglichst unbürokratisch zu regeln und zugleich Flexibilität zu erhalten.

„Arbeitszeitrecht muss zur Lebensrealität passen“

Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst kritisiert das bestehende Arbeitszeitgesetz als nicht mehr zeitgemäß:

„Minutengenaue Erfassung ist in der Wissensarbeit praxisfern. Wer abends noch berufliche E-Mails liest, darf am nächsten Morgen nicht gegen das Gesetz verstoßen.“

Eine Reform müsse klarstellen, dass kurzfristige Tätigkeiten nach Feierabend die Ruhezeit nicht unterbrechen.

Vertrauensarbeitszeit in Gefahr – Sorgen um Kontrolle

Zwei Drittel der Unternehmen befürchten, dass durch die Pflicht zur Arbeitszeiterfassung die Flexibilität von Vertrauensarbeitszeit verloren geht. 55 Prozent halten eine genaue Erfassung in der Wissensarbeit für kaum umsetzbar. 41 Prozent berichten, dass sich Mitarbeitende durch die Erfassung stärker kontrolliert fühlen.

Umsetzung fortgeschritten, Reformbedarf deutlich

Die Einführung von Zeiterfassungssystemen schreitet voran – doch die Stimmen nach Reformen im Arbeitszeitrecht werden lauter. Eine stärkere Orientierung an digitalen Arbeitsrealitäten, gepaart mit klaren, aber flexiblen gesetzlichen Vorgaben, scheint aus Sicht der Unternehmen dringend geboten.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

adobe.stock
Digitalisierung

Deutsche Sozialversicherung fordert klare Regeln für digitale Verwaltung in Europa

Die Träger der Deutschen Sozialversicherung – Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV), Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) und der GKV-Spitzenverband – haben ein gemeinsames Positionspapier zur Digitalisierung in Europa vorgelegt. Darin betonen sie die Rolle der Sozialversicherung als Treiber digitaler Innovationen und fordern klare, praxisnahe Rahmenbedingungen für eine zukunftsfähige Verwaltung.
Die junge Generation wird massive Beitragslasten zu schultern haben.Die junge Generation wird massive Beitragslasten zu schultern haben.DALL-E
Studien

Umlagesystem unter Druck: Studie warnt vor massiver Beitragslast für junge Generationen

Die demografische Entwicklung wird das umlagefinanzierte System der Sozialversicherungen in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten finanziell überfordern, zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP).
Mehrere Wirtschaftsverbände bewerten das Reformpaket der Koalition grundsätzlich positiv, setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte bei Rentenreform, Bürokratieabbau und Steuerpolitik.Mehrere Wirtschaftsverbände bewerten das Reformpaket der Koalition grundsätzlich positiv, setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte bei Rentenreform, Bürokratieabbau und Steuerpolitik.Redaktion experten.de / KI-generiert
Politik

Koalition legt Reformpaket vor: Wirtschaft begrüßt Rentenreform und Bürokratieabbau

Rentenreform, Bürokratieabbau, Digitalisierung und steuerliche Entlastungen: Das Reformpaket des Koalitionsausschusses stößt bei Wirtschafts- und Finanzverbänden überwiegend auf Zustimmung. Allerdings verbinden die Organisationen ihre Unterstützung mit klaren Erwartungen an die weitere Umsetzung.
Viele Menschen möchten ihre Onlinezeit bewusster gestalten und digitale Ablenkungen reduzieren. Besonders jüngere Erwachsene wünschen sich häufiger Zeit für Familie, Hobbys und persönliche Erholung statt dauerhafter Smartphone-Nutzung.Viele Menschen möchten ihre Onlinezeit bewusster gestalten und digitale Ablenkungen reduzieren. Besonders jüngere Erwachsene wünschen sich häufiger Zeit für Familie, Hobbys und persönliche Erholung statt dauerhafter Smartphone-Nutzung.Redaktion experten.de / KI-generiert
Studien

Zwischen App und Auszeit: Die neue Sehnsucht nach Offline-Zeit

Mehr als 67 Stunden pro Woche verbringen die Deutschen im Internet. Dennoch wächst der Wunsch, digital kürzerzutreten – ausgerechnet bei den Jüngeren. Eine aktuelle Studie der Postbank zeigt, dass viele Menschen bewusster zwischen nützlichen und überflüssigen Online-Aktivitäten unterscheiden. Daraus könnten auch Versicherer wichtige Lehren ziehen.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht