Bekommt das zarte Pflänzchen Aufschwung genug Platz?

Veröffentlichung: 28.05.2025, 09:05 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Nach Jahren multipler Krisen – von Pandemie über Energiekrise bis zu geopolitischen Verwerfungen – zeigt sich im Frühsommer 2025 erstmals ein vorsichtiger konjunktureller Hoffnungsschimmer. Doch makroökonomisch bleibt die Lage fragil. Ob aus dem Aufschwung ein nachhaltiger Trend wird, hängt nicht zuletzt von strukturellen Reformen und der richtigen Einbettung in den europäischen Rahmen ab.

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Deutschland steht am Scheideweg: Stabilität ist vorhanden, Impulse aus Konsum und Handel sind erkennbar.Deutschland steht am Scheideweg: Stabilität ist vorhanden, Impulse aus Konsum und Handel sind erkennbar.Adobe

Wachstumsimpuls mit Vorbehalt: Ein Quartal, kein Durchbruch

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) meldet für das erste Quartal 2025 ein reales Wachstum von +0,2%. Getragen wurde dieser Zuwachs primär durch private Konsumausgaben, günstige Witterungsbedingungen im Baugewerbe und außenwirtschaftliche Vorzieheffekte wegen angekündigter US-Zölle.

In seinem Monatsbericht „Schlaglichter der Wirtschaftspolitik Juni 2025“ verleiht das BMWK dieser Entwicklung einen verhalten optimistischen Ton: Man sehe eine „leichte Wachstumsbelebung“ und positive Impulse aus Konsum, Export und Bau. Dies sei – so der Bericht – ein Hoffnungsschimmer für die deutsche Konjunktur, auch wenn die geopolitische Lage weiterhin Unsicherheiten berge.

Doch die Frühindikatoren deuten bereits wieder auf eine Abschwächung hin. Vor allem im verarbeitenden Gewerbe bleibt die Investitionszurückhaltung ausgeprägt. Die makroökonomische Dynamik ist schwach und durch geopolitische Unsicherheiten hochgradig störanfällig.

Sewing: Europa muss Kapitalströme binden – oder wird abgehängt

Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, hat auf dem Wirtschaftstag der CDU am 12. und 13. Mai in Berlin eindrucksvoll dargelegt, wie viel geopolitische Bewegung derzeit in den Finanzmärkten steckt. Er eröffnete seine Rede mit einem Lenin-Zitat –

„Es gibt Jahrzehnte, in denen nichts geschieht, und es gibt Wochen, in denen sich Jahrzehnte abspielen“ –

ein Satz, den er, wie er selbst sagte, nie gedacht hätte zu verwenden.

Sewing sprach über die tektonischen Verschiebungen internationaler Kapitalströme. Öffentliche Investitionen seien notwendig, aber nicht ausreichend – das große Geld, so seine Diagnose, fließe derzeit an Europa vorbei. Der europäische Kapitalmarkt sei zu fragmentiert, zu klein und zu illiquide, um im globalen Maßstab wettbewerbsfähig zu sein. Was es brauche, sei ein starkes Deutschland und ein starkes Europa – mit einem gemeinsamen Kapitalmarkt, der Investoren Sicherheit und Tiefe bietet.

Inflation und Geldpolitik: Lockerer Rahmen ohne Transmission

Die Inflationsrate liegt laut BMWK im April bei 2,1% – stabil, aber mit wieder steigender Kernteuerung. Die EZB hat ihren Leitzins seit Mitte 2024 in mehreren Schritten deutlich gesenkt. Dennoch bleiben die Kreditkonditionen im Markt unverändert restriktiv: Die Banken geben die Zinssenkungen nur zögerlich weiter.

Makroökonomisch verfestigt sich das Bild einer geldpolitischen Entkopplung – günstiges Zinsumfeld ohne stimulierende Wirkung auf Investitionen. Der Finanzsektor bleibt zögerlich, die Unsicherheit über künftige regulatorische und steuerliche Rahmenbedingungen hoch.

Strukturprobleme: Wenn Kapital fehlt, helfen Reformen umso mehr

Die deutsche Industrie kämpft weiter mit Standortnachteilen – hohe Energiepreise, Fachkräftemangel, schleppende Digitalisierung. Die Bruttoanlageinvestitionen gehen zurück, vor allem in physische Kapitalgüter. Das BMWK benennt eine anhaltende Divergenz zwischen Dienstleistungen und industrieller Wertschöpfung.

Sewings Forderung nach einem funktionierenden Kapitalmarkt in Europa ist deshalb nicht nur finanzpolitisch, sondern auch makroökonomisch hoch relevant. Denn solange strukturelle Hindernisse bestehen, bleibt die Kapitalbildung unterhalb des Potenzials – und damit auch das Wachstum.

Die Chance ist da – aber Europa muss sie ergreifen

Deutschland steht am Scheideweg: Stabilität ist vorhanden, Impulse aus Konsum und Handel sind erkennbar. Das BMWK spricht von einem Hoffnungsschimmer – aber auch von offenen Baustellen. Entscheidend wird sein, ob Europa und Deutschland gemeinsam eine Infrastruktur schaffen, die internationales Kapital anzieht statt es zu verlieren.

Ein gemeinsamer Kapitalmarkt wäre mehr als eine Finanzreform – er wäre der Schlüssel, damit das Pflänzchen Aufschwung Wurzeln schlagen kann. Oder wie Sewing implizit warnte: Wer jetzt nicht den Boden bereitet, darf sich nicht wundern, wenn das Kapital anderswo Früchte trägt.


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