Ein strukturelles Problem spitzt sich zuVersorgungsengpass im Gesundheitswesen: Systemfehler mit Ansage

Veröffentlichung: 26.05.2025, 15:05 Uhr - Lesezeit 5 Minuten

(PDF)
Neun Arztbesuche pro Kopf und Jahr – das ist im internationalen Vergleich ein Spitzenwert. Doch statt einer flächendeckend guten Versorgung offenbart sich ein System am Limit.Neun Arztbesuche pro Kopf und Jahr – das ist im internationalen Vergleich ein Spitzenwert. Doch statt einer flächendeckend guten Versorgung offenbart sich ein System am Limit.Adobe
„Unser Gesundheitswesen steuert ungebremst auf einen Versorgungsnotstand zu, wenn wir nicht entschlossen gegensteuern“,

warnt Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Es ist mehr als eine rhetorische Zuspitzung: Der Befund basiert auf systemischer Überlastung, wachsender Ineffizienz und einem eklatanten Mangel an strategischer Steuerung. Die Symptome sind seit Jahren bekannt – doch bislang fehlt eine Therapie, die über punktuelle Maßnahmen hinausgeht.

Überlastete Strukturen in einer alternden Gesellschaft

Neun Arztbesuche pro Kopf und Jahr – das ist im internationalen Vergleich ein Spitzenwert. Doch statt einer flächendeckend guten Versorgung offenbart sich ein System am Limit. Die demografische Entwicklung trifft auf ein organisatorisch fragmentiertes Gesundheitswesen, in dem viele Patientinnen und Patienten sich selbst durch einen Dschungel aus Facharztterminen, Wartelisten und Zuständigkeiten schlagen müssen. Für vulnerable Gruppen wird der Zugang zur Versorgung damit zunehmend zur Hürde.

Fehlsteuerung statt Fürsorge: Wenn jeder zweite zwei Hausärzte hat

Besonders drastisch zeigt sich die Misere in ländlichen Regionen: Laut Bundesärztekammer hat dort nahezu jeder zweite Patient zwei Hausärzte. Was als individuelle Vorsorge erscheinen mag, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Ausdruck kollektiver Verunsicherung. Die Zuweisung medizinischer Zuständigkeiten funktioniert nicht mehr zuverlässig – das Vertrauen in das System weicht privater Improvisation.

Hausarztzentrierung als Reformansatz

Reinhardt plädiert gegenüber der dpa für ein klar strukturiertes Gatekeeping-Modell mit verbindlicher hausärztlicher Primärversorgung – nicht aus Nostalgie, sondern als funktionales Rückgrat eines reformierten Systems. Die Idee: feste Praxen als koordinierende Anlaufstellen für Diagnostik, Therapie und Überweisung. Dies sei keine Einschränkung der Wahlfreiheit, sondern ein Gewinn an Versorgungssicherheit – ein System der Steuerung statt Streuung.

„Gatekeeping? Nein“, sagt Reinhardt. „Lotsenfunktion? Ja. Kein Kontrollwahn, sondern kluge Steuerung. Und das bitte nicht als Gnade, sondern als strukturelle Normalität.“

Digitalisierung: Die verpasste Chance

„Digital vor ambulant vor stationär“ – diese Hierarchie der Inanspruchnahme klingt logisch und effizient. Doch sie scheitert am Alltag. Während andere Branchen längst auf durchgängige digitale Prozesse setzen, dominieren in der ambulanten Versorgung weiterhin Papier, Faxgeräte und fragmentierte IT-Systeme. Der notwendige Paradigmenwechsel bleibt aus – mit spürbaren Folgen für alle Beteiligten.

Personalnotstand und Bürokratiekrise

Hinzu kommt eine strukturelle Schieflage in der Personalentwicklung: Die Babyboomer verabschieden sich in den Ruhestand – als Leistungsträger wie als Leistungsempfänger. Der medizinische Nachwuchs bleibt knapp, bürokratische Hürden wachsen. Was fehlt, ist eine entschlossene Entlastung der Versorgungseinheiten – etwa durch Aufgabenumverteilung, Delegation und digitale Prozessoptimierung.

Zwischen Steuerung und Zufall: Eine Frage des politischen Willens

Das deutsche Gesundheitswesen leidet nicht primär unter einem Mangel an Fachkräften, sondern an mangelnder Struktur. Die zentrale Frage lautet daher: Wollen wir ein System, das Versorgung zielgerichtet steuert – oder eines, das weiter auf Zufall, Eigeninitiative und Wartelisten setzt? Ohne eine klare politische Agenda droht Reinhardts Warnung gegenüber der dpa zur selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden.


(PDF)

LESEN SIE AUCH

Dr. Doris Pfeiffer (Vorstandsvorsitzende)Dr. Doris Pfeiffer (Vorstandsvorsitzende)GKV-Spitzenverband
Gesundheitsvorsorge

GKV-Spitzenverband fordert Sofortmaßnahmen von neuer Gesundheitsministerin Nina Warken

Anlässlich der heutigen Vereidigung von Nina Warken (CDU) als neue Bundesgesundheitsministerin hat der GKV-Spitzenverband unter Vorsitz von Dr. Doris Pfeiffer rasche und tiefgreifende Reformen im Gesundheitswesen gefordert.
Leeres Krankenhausbett steht für die strukturellen Herausforderungen und Finanzierungslücken in der gesetzlichen Krankenversicherung bis 2035.Leeres Krankenhausbett steht für die strukturellen Herausforderungen und Finanzierungslücken in der gesetzlichen Krankenversicherung bis 2035.Adobe
Gesundheitsvorsorge

2027: 11,8 Milliarden Euro fehlen – DAK fordert Stufenplan

Laut IGES-Projektion steuert die GKV 2027 auf ein strukturelles Defizit von 11,8 Mrd. Euro zu. DAK-Chef Andreas Storm fordert einen dreistufigen Stabilitätspakt für nachhaltige Beitragsfinanzierung.
Der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) rechnet für den Jahreswechsel 2026 mit spürbaren Beitragserhöhungen.Der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) rechnet für den Jahreswechsel 2026 mit spürbaren Beitragserhöhungen.DALL-E
Gesundheitsvorsorge

PKV-Beiträge: Verband kündigt deutliche Anpassungen an

Der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) rechnet für den Jahreswechsel 2026 mit spürbaren Beitragserhöhungen. Nach vorläufigen Angaben sollen rund 60 Prozent der privat Vollversicherten betroffen sein, im Schnitt mit etwa 13 Prozent Mehrbelastung.
Seit April 2025 können Leistungserbringer die ePA technisch nutzen – ab Oktober 2025 sind sie rechtlich dazu verpflichtet.Seit April 2025 können Leistungserbringer die ePA technisch nutzen – ab Oktober 2025 sind sie rechtlich dazu verpflichtet.Adobe
Gesundheitsvorsorge

Elektronische Patientenakte wird Pflicht – Gesundheitswesen vor entscheidender Weichenstellung

Zum 1. Oktober 2025 tritt eine zentrale Veränderung im deutschen Gesundheitswesen in Kraft: Die Nutzung der elektronischen Patientenakte (ePA) wird für Ärztinnen, Ärzte und Psychotherapeutinnen verpflichtend. Was bislang nur als Option existierte, wird damit fester Bestandteil der medizinischen Praxis.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht